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Do., 29.11.
11:30 - 12:00
Arbeiten auf der Weihnachtsbaum-Plantage


Sven Bielfeldt ist Förster auf einer der größten Weihnachtsbaumplantagen des Nordens. Er markiert die Bäume im Wald, die gefällt werden sollen, mit farbigen Bändern statt mit Farbdose. Jedes Jahr im Herbst bekommen bis zu 80.000 Tannenbäume eine Markierung, die anzeigt, wann und an wen sie geliefert werden müssen. Mehrere Erntetrupps arbeiten sich durch die Hunderte Hektar großen Plantagen von Gut Sierhagen bei Neustadt in Holstein. Organisatorisch ein "Albtraum", denn wenn jetzt beim Fällen und Verpacken der Tannen etwas schief geht, ist die Arbeit von neun Jahren dahin. Denn wer glaubt, man müsse den Tannenbäumen nur beim Wachsen zusehen, hat sich gründlich getäuscht. Wenn die kleinen Tannenpflanzen geliefert werden, sind sie zwei Jahre alt und gerade einmal zehn Zentimeter hoch. Allerdings steckt jetzt schon in ihnen, ob sie einmal eine Edeltanne oder eher mickrig werden. Sven Bielfeldts Problem: Das kann man beim Kauf von Setzlingen nicht wirklich sehen, der ist quasi ein Lotteriespiel. Sie werden irgendwo im hinteren Kaukasus geerntet und selbst der Großhändler, der sie liefert, hat keine Ahnung, wo genau sie herkommen und welche Qualität sie haben. Dem Förster bleibt nichts anderes als abzuwarten, in drei bis vier Jahren erst wird sich zeigen, welche Qualität die Setzlinge haben. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Bielfeldt komplette Plantagen abschreiben muss. Das Einpflanzen der Setzlinge erfolgt maschinell. Bis zu 120.000 Stück werden jedes Jahr neu gepflanzt. Sind sie aber erst einmal im Boden angewachsen, ist der Rest Handarbeit. Bis zur Ernte in neun Jahren wird jeder Baum mehrmals von Hand beschnitten. Denn die Deutschen haben für ihren Weihnachtsbaum ein besonderes Schönheitsideal, das mit dem natürlichen Wuchs einer Tanne wenig zu tun hat. Er soll nicht zu hoch, schön dicht sein, keine zu lange Spitze und den typischen Dreieckswuchs haben. Natürlich wachsende Tannen sehen anders aus. In den ersten Jahren wachsen sie sehr langsam, aber ab dem fünften Jahr sehr schnell. Dann drohen sie dünn und unförmig zu werden. Mit einer speziellen Zange gehen die Arbeiter von Baum zu Baum und kneifen in die Rinde des Stammes. Dadurch wird das Wachstum des Baumes gestört. Damit die oberen Zweige nicht zu lang werden, werden sie jedes Jahr an der ersten Knospe abgekipst. So wird jeder Baum in seiner Zeit auf der Plantage bis zu zehn Mal handbeschnitten. Bei über 1.000.000 Bäume schafft Bielfeldt das nur mit polnischen Leiharbeitern. Die sprechen zwar selten gut Deutsch, aber seine fest angestellten Forstarbeiter übernehmen die Vorarbeiterrolle. Anders könnte Bielfeldt die Qualität seiner Bäume nicht gewährleisten. Im Sommer kontrolliert der Förster mehrmals wöchentlich die Plantagen auf Schädlinge. Vor allem Blattläuse haben ein enorm zerstörerisches Potenzial. Sie zapfen die Säfte der Zweige an und stören das Nadelwachstum, zudem verbreiten sie sich unglaublich schnell und können in wenigen Tagen eine komplette Plantage befallen. Da Bielfeldt nicht schon prophylaktisch Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzen darf, muss er regelmäßig kontrollieren. Erst bei einem Befall dürfen besonders umweltverträgliche Pestizide eingesetzt werden. So schreibt es das Qualitätssiegel vor, dass sich Bielfeldt für seine Plantagen hartnäckig erarbeitet hat und das den Einsatz von Düngern und Pestiziden extrem begrenzt. Die Ernte im Herbst ist dann der große Showdown. Jedes Jahr eine organisatorische Herausforderung. Er hat Dutzende Großkunden, die mehrere Zehntausend Bäume in unterschiedlichen Qualitätsstufen und deshalb zu unterschiedlichen Preisen geliefert bekommen. Und natürlich auch kleinere Abnehmer. Im Spätsommer bekommt er die Auslieferungslisten, aus denen hervorgeht, wer wann was bekommt und wohin es geliefert werden soll. In diesen Tagen ist Bielfeldt im Dauereinsatz. Zuerst muss er sie auszeichnen. 70.000 Bäume bekommen bunte Bändchen, die die Qualität und den Kunden anzeigen. An diesen Bändchen orientieren sich die Erntetrupps aus Polen. Zwei Arbeiter sägen die Bäume ab, zwei sogenannte Schlepper zerren sie zu den Sammelplätzen auf verschiedene Haufen an die Treckerspur. Bevor sie dort von einem Trecker abgeholt werden können, werden sie nach Bändchen sortiert, mit einem Netz überzogen und auf Paletten verladen. Die Paletten werden dann an einem zentralen Sammelplatz für die Lkw zusammengestellt, die sie nach dem Beladen zu ihren Bestimmungsorten in ganz Deutschland bringen. Bis zu zehn Lkw am Tag verlassen in den Erntewochen Sierhagen. Sven Bielfeldt muss das alles koordinieren: die unterschiedlichen Erntetrupps auf die Flächen schicken, die Paletten auf die richtige Ladung kontrollieren, Lkw-Fahrer besänftigen, die seit Stunden auf die Verladung warten, wenn der Transport vom Feld zum Sammelplatz sich mal wieder verzögert. Und er muss auf gutes Wetter hoffen. Bei Regen sind die Fahrspuren auf den Feldern oft nicht befahrbar. Es droht noch eine viel größere Gefahr: Schmutz. Bäume, die bei der Ernte im Matsch gelegen haben oder auch nur vom Spritzwasser der Pfützen verschmutzt wurden, sind unverkäuflich. Man kann sie nicht reinigen. Und nur einer ist am Ende für den reibungslosen Ablauf der Ernte verantwortlich: Sven Bielfeldt. Er macht jedes Jahr drei Kreuze, wenn die Ernte vorbei ist und die Weihnachtszeit kommt. Denn an den Adventswochenenden wird es beschaulicher. Dann können sich Privatkunden in der Tannenplantage selbst einen Baum schlagen. Svens Frau Michaela und seine Tochter verkaufen Punsch und Bratwürste direkt am Feld. Und Sven Bielfeldt hat endlich mal Zeit zum Schnacken. Eines kann er aber gar nicht leiden: Wenn die Leute um den Preis der Bäume feilschen. Denn, wenn die wüssten, was für eine Arbeit in jedem Baum steckt, würden die das nicht tun.


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