2020 hätten sie wieder stattfinden sollen die weltberühmten Passionsspiele in Oberammergau. Mitten in den intensiven Vorbereitungen hat das Corona-Virus dazwischengefunkt, dieses große Vorhaben einfach ausgeknipst. Wie ein makabrer Zufall könnte es wirken, dass auch die Oberammergauer Passionsspiele ihren Ursprung in einer seuchenartigen Krankheit haben. Fast 400 Jahre ist es her, als die Pest in dem oberbayerischen Bergdorf wütete und viele Menschen dahinraffte. Daraufhin gelobten die Oberammergauer, alle 10 Jahre das Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen Christi aufzuführen - wenn die Pest sie nur verschone. Mit großer Hingabe spielen die Dorfbewohner seitdem die Geschichte jenes Mannes, dessen Botschaft immer noch Kraft hat und Hoffnung gibt - seit 2000 Jahren. Seit einem Jahr haben die Menschen Haare und Bärte wachsen lassen für das Spiel, das alle 10 Jahre mehr als 2000 Gemeindebürger auf die Bühne bringt. Zum vierten Mal ist Christian Stückl nun Spieleleiter. Er war der Erste, der den Stoff zeitgemäß umgesetzt hat. Gegen die Widerstände der Konservativen im Dorf hatte er in den 1990er Jahren durchgesetzt, dass auch verheiratete Frauen und Frauen über 35 Jahre mitspielen durften. In all den Jahrhunderten war er der Erste, der evangelische Christen und diesmal sogar Muslime mitspielen ließ, was für Aufruhr sorgte. Da fragten sich viele: Wie viel Veränderung verträgt das 5000-Seelen-Dorf? Und umgekehrt: wie viele Kompromisse ist Christian Stückl bereit zu schließen? Alle hatten der Premiere im Mai entgegengefiebert. Um dann schlagartig vor dem Nichts zu stehen. Am 19. März kommt was alle hier befürchtet haben: zu riskant, heißt es, das Gesundheitsamt beruft sich auf das Infektionsschutz-Gesetz. Spielleiter Christian Stückl hat Tränen in den Augen, als er bei der Pressekonferenz verkündet, dass die Oberammergauer Passionsspiele auf 2022 verschoben werden. Und jetzt? Schockstarre im oberbayerischen Bergdorf? Für die Darsteller bricht nicht nur ein prägender Lebensinhalt weg, sondern für viele auch der Broterwerb. Die Passionsspiele sind nicht nur eine Herzensangelegenheit, sondern auch ein riesiger Wirtschaftsfaktor im Ort. Gastronomen und Hoteliers stehen erst einmal vor dem Nichts, die Souvenirs mit dem Aufdruck "Passionsspiele 2020", die sich schon in Schachteln stapeln, sind wertlos geworden. Was kann jetzt dennoch entstehen aus der Untergangsstimmung heraus? In den Wochen, da Corona die Menschen in ihre Häuser und Wohnungen verbannt hat und nicht einmal Gottesdienste stattfinden, muss der örtliche Pfarrer, Dekan Thomas Gröner nun auf andere Weise für seine Glaubensgemeinde da sein. In der Kirche betet er vor dem Kreuz, an dem die Oberammergauer vor fast 400 Jahren ihr Gelübde abgelegt haben. "Ich bete für die Ängste der Menschen im Ort und dafür, dass Gott ein Augenmerk drauf legt und es dann wieder zum Guten führt", sagt er. "Der Sohn Gottes, der am Kreuz gestorben ist, ist auferstanden, es ging weiter bis auf den heutigen Tag". Oberammergau rückt in diesen Tagen noch enger zusammen. Engagierte Menschen kümmern sich um die Bedürftigsten im Ort, um Flüchtlinge und um alte Menschen. Um die, die wegen der Ansteckungsgefahr ihre Wohnung nicht mehr verlassen sollen. Eine junge Ägypterin, die seit ihrem 10. Lebensjahr in Deutschland lebt, bringt alten Menschen in Oberammergau die Einkäufe, eine ältere Dame weint vor Freude, als sie die Tüten entgegennimmt. Jeder Lichtblick tut gerade gut. Und die Teilnehmer der Passionsspieler? Von ihren Bärten und langen Haaren haben sich die meisten gerade schon getrennt. Doch am Aschermittwoch 2022 lassen sie sie wieder wachsen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: "Mein Advent dauert halt jetzt länger, aber Weihnachten wird kommen und das Passionsspiel wird wieder kommen", sagt der noch angeschlagene Spielleiter Christian Stückl. "Wo immer wir am Ende der Krise rauskommen, wir werden da weitergehen."