Paris Calligrammes
21.06.2024 • 01:18 - 03:28 Uhr
Info, Gesellschaft + Soziales
Lesermeinung
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Originaltitel
Paris Calligrammes
Produktionsland
D, F
Produktionsdatum
2020
Altersfreigabe
12+
Info, Gesellschaft + Soziales

Paris Calligrammes

"Ich war 20 Jahre jung und mit dem festen Ziel nach Paris gekommen - eine große Künstlerin zu werden": Ulrike Ottinger erinnert sich an ihre Anfänge in den bewegten 1960er-Jahren. In einem dichten Strom aus akustischem und visuellem Archivmaterial, verknüpft mit eigenen künstlerischen und filmischen Arbeiten, entsteht das vielschichtige Bild einer Epoche aus persönlicher Sicht, die Kunst, Politik, Modisches und Geschichte erfasst. Ulrike Ottinger lässt das Quartier Saint-Germain-des-Prés und das Quartier Latin mit ihren Literatencafés und Jazzkellern, die Begegnung mit Vertretern des jüdischen Exils, das Zusammenleben mit ihren Künstlerfreunden, die Gedankenwelt der Pariser Ethnologen und Philosophen, die politischen Umwälzungen des Algerienkrieges und des Mai 1968 sowie das Erbe der kolonialen Zeit wieder aufleben. "Ich folgte den Spuren meiner Heldinnen und Helden", erzählt Ottinger, "und wo immer ich sie fand, werden sie in diesem Film erscheinen." Ausgangspunkt ihrer Entdeckung von Paris war das deutsche Antiquariat "Librairie Calligrammes" des jüdischen Exilanten Fritz Picard, der rund 25 Jahre zuvor vor den Nazis nach Frankreich geflohen ist. Die geteilte Liebe zur Literatur begründet eine Freundschaft, die ihren Ausdruck darin findet, dass Ottinger Picard auf seinen Streifzügen begleitet, beim Ankauf von auf der Flucht von Exilanten zurückgelassenen Büchern. Einigen der Künstler, die sich im Gästebuch Picards verewigten, begegnete Ottinger in der "Librairie Calligrammes" persönlich, weil Exilanten und französische Intellektuelle bei Picard ein- und ausgehen, darunter Jean Arp, Ré, Philippe Soupault und Walter Mehring. Künstlerisch bildet sich Ulrike Ottinger bei Johnny Friedlaender weiter, der sie in Radiertechniken unterrichtet und den Grundstein für ihre erste Karriere als bildende Künstlerin legt. Bald wendet sie sich jedoch zusammen mit ihren Pariser Künstlerfreunden der französischen Variante der internationalen Pop-Art zu, der "Nouvelle Figuration" oder "Figuration Narrative". Zwei einschneidende politische Ereignisse rahmen Ulrike Ottingers Pariser Jahre: der ausgehende Algerienkrieg mit dem Massaker von Paris und die Studentenrevolte samt Generalstreik 1968. Das schärft ihre Sicht auf die koloniale Vergangenheit des Landes, die im Fall Algeriens bis heute weitgehend verschwiegen ist, aber in den Architekturen des ehemaligen Parc Colonial oder des "Musée nationale de l'histoire de l'immigration" noch immer sichtbar ist. Ottingers Blick auf die Überlagerung vergangener und heutiger kolonialer Strukturen ermöglicht ihr auch die kritische Reflexion des eigenen Standpunkts. Vietnam und seine Folgen werden schließlich zum politischen Scheidepunkt ihrer Pariser Existenz. Ottinger und ihre Freunde diskutieren Kunst und Politik, bis "extreme ideologische Verhärtungen" einen Dialog unmöglich machen. "Dem Mai 68 mit seinen berechtigten Forderungen nach Reformen war das Ziel aus den Augen geraten", konstatiert Ottinger. Im Sinne der ursprünglichen Proteste hatte sich zu wenig geändert - und doch war alles anders. "Für mich war eine Ära zu Ende, eine andere begann." 1969 verlässt Ulrike Ottinger Paris und wendet sich dem Filmemachen zu, durch das sie alles, was sie interessierte, zusammenbringen konnte: Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, Musik und Sprache, Rhythmus und Bewegung, Öffentliches und Privates, Politisches und Poetisches, Trauer und Freude. Anregungen dazu hatte sie reichlich in der "Cinémathèque française" erhalten. Mit viel Enthusiasmus und wenig Geld dreht sie 1972 ihr Debüt "Laokoon & Söhne". Nach vielen eindrucksvollen Filmen über vornehmlich fernöstliche Kulturen unternimmt Ulrike Ottinger in "Paris Calligrammes" eine Zeitreise und richtet ihren ethnografischen Blick auf das Paris der 1960er-Jahre, einer Zeit des Umbruchs, auch für sie selbst. Mit Neugier und wachem Geist erkundete sie die Stadt bei Tag und bei Nacht, in den Arbeitervierteln ebenso wie in den Bibliotheken und Museen. Es gelingt ihr als ältere Frau, sich durch außergewöhnliche Archivstücke und ihre detailreichen Erinnerungen in die Perspektive der entdeckungsfreudigen jungen Künstlerin zurückzuversetzen. Der Film vermittelt die thematische und formale Bandbreite dieser außergewöhnlichen Künstlerin und gibt Auskunft darüber, welche Begegnungen und Entdeckungen in Paris sie besonders geprägt haben. "Paris Calligrammes" wurde auf der Berlinale 2020 uraufgeführt. Für ihre Filme und Kunstwerke ist Ulrike Ottinger, geboren am 6. Juni 1942, vielfach ausgezeichnet worden. 3sat zeigt "Paris Calligrammes" anlässlich der Verleihung des Ehrenpreises des Deutschen Dokumentarfilmpreises am 21. Juni 2024 an Ulrike Ottinger für ihr Lebenswerk.

Top stars

Das beste aus dem magazin

Ralf Husmann im Interview.
Star-News

Ralf Husmann über Bastian Patewka, Komödien und neue Projekte

Hajo Siewers (Bastian Pastewka) muss in „Alles gelogen“ auf eine Notlüge mit Folgen zurückgreifen. Das Drehbuch zu der Komödie stammt aus der Feder von Ralf Husmann („Merz gegen Merz“).
Professor Dr. Sherko Kümmel leitet als Direktor die Klinik für Senologie/Brustzentrum 
der Evangelischen Kliniken Essen-Mitte. Er 
ist an der Entwicklung und Etablierung von 
nationalen und internationalen Therapie-Standards beteiligt und unter anderem Mitglied der 
„Westdeutschen Studiengruppe“ (WSG). Diese 
bundesweite Forschungseinrichtung widmet 
sich der ständigen Optimierung von Brustkrebs-Behandlungen
Gesundheit

Diagnose Brustkrebs: Zweitmeinung einholen

Bei ihrer persönlichen Vorsorge hatte meine 38-jährige Patientin eine Auffälligkeit ertastet, einen Knubbel in der Brust. Sie war sehr beunruhigt. Ihr Gynäkologe schickte sie in ein kleines Brustzentrum. Die Diagnose brachte Gewissheit: Brustkrebs. Die aus Sicht der Mediziner alternativlose Therapie waren Chemo, komplette Brustentfernung per OP und Bestrahlung.
Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser ist Oberarzt 
und Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie am Sana-Klinikum Remscheid und bekannt als „Doc Esser“ in TV, 
Hörfunk und als Buchautor.
Gesundheit

Passivrauchen: gefährlich vor allem für Kinder

„Mein Mann zeigt sich da leider völlig uneinsichtig und raucht auch im Beisein unserer beiden Kinder. Muss ich mir Gedanken um ihre Gesundheit machen?“, fragte mich kürzlich die Mutter zweier Kleinkinder im Alter von zwei und fünf Jahren, die ihren 35-jährigen Ehemann, einen starken Raucher, zu seinem Arzttermin in meine Sprechstunde begleitete. „Leider muss ich Ihre Frage mit einem ganz klaren ja beantworten“, erwiderte ich der Frau.
Tobi Dahmen hat mit „Columbusstraße“ eine große Graphic Novel vorgelegt.
HALLO!

„Columbusstraße“-Comiczeichner Tobi Dahmen im Interview: Ein Buch gegen das Vergessen

Comiczeichner Tobi Dahmen hat mit „Columbusstraße“ den ersten Band seiner Familiengeschichte vorgelegt, der sich mit der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs befasst. Im Interview äußert er sich zum Hintergrund seines ambitionierten Werks.
ZDF-Redaktionsleiter Burkhard Althoff im prisma-Interview über junge Regisseure und Komödien.
HALLO!

ZDF-Sommerreihe „Shooting Stars“: Junge Regisseure zeigen ihre Debüt-Komödien

In der Reihe „Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten“ gibt es im ZDF auch in diesem Sommer wieder fünf Filme von jungen Regisseuren zu sehen. Redaktionsleiter Burkhard Althoff erklärt im prisma-Interview, warum es so schwer ist, eine Komödie zu drehen – und warum das Genre wichtiger ist als je zuvor.
Dr. Ina Lucas ist Apothekerin, Inhaberin
von vier Apotheken in
Berlin und Brandenburg und seit Mai 2024
Präsidentin der Apothekerkammer Berlin.
Gesundheit

Vitamin-D-Pillen – wer braucht sie?

Ich habe gelesen, dass Kalzium allein nicht ausreicht, damit die Knochen stabil bleiben. Soll ich zusätzlich Vitamin D einnehmen oder brauche ich das nicht?“, fragte mich eine sportliche Kundin kürzlich in meiner Apotheke, ungefähr Mitte 60. Vitamin-D-Präparate gehören zu den häufig nachgefragten Produkten in meiner Apotheke. Sie sind in den Apotheken rezeptfrei im Bereich der Selbstmedikation erhältlich und werden stark beworben.