Pio Amato lebt in der Roma-Siedlung Ciambra im Süden Italiens. Seine 15-köpfige Grossfamilie sichert sich ihr Überleben durch Handlangerjobs für die örtliche Mafia, Diebstähle oder Einbrüche. Als sein Vater und sein älterer Bruder ins Gefängnis kommen, will Pio in ihre Fussstapfen treten. Mit Kleindiebstählen versucht der erst 14-Jährige, sich bei der Mafia - und bei seiner eigenen Familie - Respekt zu verdienen. Pio lernt Ayiva kennen. Der Migrant aus Burkina Faso will Pio davon überzeugen, mit dem Klauen aufzuhören. Die beiden ungleichen Männer freunden sich an. Bei Ayiva kann Pio abschalten und erlebt, was ihm in seiner Familie weitgehend verwehrt bleibt: Herzlichkeit und Ehrlichkeit. Für Pio ist die Freundschaft mit Ayiva allerdings ein Risiko, denn die Roma-Community in Ciambra hasst die Einwanderer aus Afrika. Und bald schon muss Pio sich für eine der beiden Seiten entscheiden. Der amerikanisch-italienische Regisseur Jonas Carpignano sass 2018 Jahr an der Berlinale in der Jury für den Besten Erstlingsfilm. Sein eigener Erstling sorgte 2015 für Aufsehen: «Mediterranea» wurde von Filmkritikerinnen und Filmemachern gleichermassen hochgelobt, und Carpignanos zweiter Film, «Pio» - im Original «A Ciambra» - wurde von niemand anderem als Martin Scorsese koproduziert. Wieder drehte der 35-jährige Carpignano in der Küstenstadt Gioia Taura, wieder widmete er sich einer Gruppe am Rande der Gesellschaft. In «Mediterranea» porträtierte er eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge, die Europa in Gioia Taura betreten und erst mal dort festsitzen. In «Pio» spielt der gleichnamige 14-jährige Roma die Hauptrolle. Carpignano, der stets ohne professionelle Schauspieler und mit einem reduzierten Team arbeitet, erzählt hier von einem Jungen, der in der harschen Umgebung von Gioia Tauro und inmitten von Rivalitäten unter an den Rand gedrängten Gruppen viel zu schnell erwachsen werden muss. Das Leben des realen Pio unterscheidet sich kaum von demjenigen, welches er im Film spielt. Carpignano, der Pio während der Dreharbeiten zu «Mediterranea» kennengelernt hatte, verbrachte unzählige Stunden mit der Familie Amato, bevor er das erste Mal zur Kamera griff. «Ich schreibe nur Szenen, die ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe», sagte Carpignano in einem Interview mit dem Spiegel. Der Filmemacher, der in New York aufwuchs, hat seinen Wohnsitz mittlerweile nach Gioia Tauro verlegt. Dort soll auch sein nächster Film spielen.