Der 13-jährige Spartacus und die 10-jährige Cassandra stammen aus einer Roma-Familie, die aus Rumänien nach Frankreich eingewandert ist. Als ihr Lager bei Paris geräumt wird, finden sie Zuflucht bei Camille, die als Trapezkünstlerin in einem Zirkuszelt lebt. Die 21-Jährige bietet den Geschwistern ein neues Zuhause und ermöglicht ihnen den Schulbesuch - doch dafür müssen sich die Kinder von ihren Eltern lösen, die noch immer auf der Straße leben. Drei Jahre verbrachte der Regisseur Ioanis Nuguet bei den Roma-Familien in Seine-Saint-Denis nördlich von Paris, bevor er sich an die Dreharbeiten wagte. Der junge Filmemacher ist kein distanzierter Beobachter, sondern begibt sich auf Augenhöhe der Kinder, um ihre Blicke, Gedanken und Gefühle einzufangen. Die Geschwister Spartacus und Cassandra sind der absurden Maschinerie des französischen Rechtsstaates hilflos ausgeliefert und verstehen langsam, dass sie zwar nicht ihre Eltern, dafür aber sich selbst retten können. Ein grausames Dilemma für die kleinen Helden, die wie in einem Grimm'schen Märchen lernen müssen, was es kostet, die Eltern im Stich zu lassen, um das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können. Zärtlich und brutal, realistisch und poetisch zugleich ist das einfühlsam erzählte "dokumentarische Märchen". Spartacus und Cassandra sind keine der filmischen Aussage untergeordneten Prototypen, sondern Persönlichkeiten. Auf ganz eigene Weise erkämpfen sie sich ihren Platz in einer Welt, die sie nur allzu oft an den Rand drängen will. Denn Kind sein bedeutet, so erklärt Camille, "unbeirrt von einem besseren Leben zu träumen".