Das intime Porträt des amerikanischen Staranwalts Ken Feinberg, der als Schlichter in nationalen Krisen wie 9/11 oder der BP-Katastrophe im Golf von Mexiko auftritt, vermittelt einen tiefen Einblick in die Seele der amerikanischen Gesellschaft.

Eigentlich, so erzählt Staranwalt Ken Feinberg, wollte er als Jugendlicher Schauspieler werden. Sein Vater jedoch riet ihm, er solle sein schauspielerisches Talent für etwas einsetzen, das erfolgversprechender wäre. Als Anwalt zum Beispiel. Feinberg hörte auf den Rat des Älteren und wurde zu einem der einflussreichsten Strippenzieher der amerikanischen Gesellschaft. Schon in den frühen 80-ern handelte er einen Deal zwischen der US-Regierung und jenen Veteranen aus, die aufgrund des chemischen Entlaubungsmittels Agent Orange gesundheitliche Schäden im Vietnamkrieg davongetragen hatten. Doch es war nur der Beginn der großen Feinberg-Deals. Seine Jobs lesen sich wie eine Auflistung der großen Katastrophen und Krisen der US-amerikanischen Gesellschaft.

Der heute 73-Jährige vertrat die Klagen der Opfer und Angehörigen von 9/11, er vermittelte in der großen Ölpest am Golf von Mexiko nach der Havarie der BP-Plattform "Deepwater Horizon" 2010, er kümmerte sich um eine im Raum stehende, massive Kürzung der staatlichen US-Renten, aufgrund des bevorstehenden finanziellen Kollaps des Systems. Sprich: Feinberg war immer da, wenn es brannte und seine Mitbürger drohten, sich in Hass und Verzweiflung gegenseitig zu zerfleischen.

Grimme-Preis-Trägerin Karin Jurschik ("Die Helfer und die Frauen") begleitete Ken Feinberg für ihren 90-minütigen Dokumentarfilm über einen längeren Zeitraum. Dabei entstand das Porträt eines eloquenten, hochintelligenten und selbstbewussten Mannes, der sich stets zu bemühen scheint, einen "fairen Deal" auszuhandeln. Gleich zu Beginn des Filmes erklärt Feinberg das Prinzip des amerikanischen Entschädigungssystems: Man überlegt, was ein Leben – wirtschaftlich – wert gewesen wäre, danach berechnet sich die Summe der vom Schuldigen – in der Regel große Konzerne oder die Regierung – zu zahlende Summe.

Nach dieser Logik ist das Leben einer Putzfrau oder eines Feuerwehrmannes, der im World Trade Center am 11. September 2001 ums Leben kam, weniger wert, als das eines Börsenmaklers. Dass man jenes System als zynisch betrachten kann, gibt Feinberg zu. "Aber es ist das Gesetz und das Beste, was wir haben, um den Opfern wenigstens eine finanzielle Entschädigung zukommen zu lassen. Es ist ein fairer Deal", sagt Feinberg. Jurschiks Film lässt auch viele Opfer und Betroffene zu Wort kommen. Einige loben Feinberg für seinen Einsatz, so konnte er die Kürzung der Renten verhindern oder bewirken, dass die Angehörigen von illegalen, "papierlosen" Arbeitern in den zusammengestürzten Türmen von 9/11 tatsächlich eine Entschädigung bekamen.

"Das beste System, das realistischerweise zur Verfügung steht"

Gleichzeitig greifen Opfer, die im Film zu Wort kommen, Feinberg aufs Schärfste an. Vor allem deshalb, weil er in der Regel von Konzernen oder der Regierung als "Prellbock" bezahlt wird. Feinberg besteht darauf, in der Sache dennoch unabhängig zu sein. Als Zuschauer hat man nicht unbedingt Grund, daran zu zweifeln, dass sich Kenneth Feinberg rein am Gesetz orientiert. Dass der juristische Pragmatismus des Feinbergschen Schlichtungssystems nicht immer die menschlich feinfühligste Lösung herbeiführt, ist eine Sache. Dass es – auf eine große Zahl von Opfern gerechnet – das beste System ist, das realistischerweise zur Verfügung steht, transportiert der Porträtierte immer wieder in den zahlreichen Interviews des Films.

Feinberg selbst kommt man trotz vieler privat oder intim scheinender Momente über die 90 Minuten nicht wirklich nahe. Der 73-jährige Ehemann und Vater dreier Kinder ist halt ein guter Schauspieler – und hoch bezahlter Spitzenanwalt. Dafür vermittelt der international unter dem Namen "Playing God" laufende Film jedoch einen tiefen Einblick in die Seele der amerikanischen Gesellschaft. Ken Feinberg tritt darin als "Trouble Shooter" einer zerrissenen, deprimierten, schimpfenden, kämpfenden und dann doch wieder national seligen Gemeinschaft und Druck auf. That's America, möchte man rufen – und schaut diesem ruhigen, klugen und lehrreichen Schauspiel fasziniert zu.


Quelle: teleschau – der Mediendienst