Typisch!

Report, Dokumentation
Typisch!

NDR
Di., 03.07.
11:30 - 12:00
Der Hausmeister der Kulthochhäuser


Eigentlich konnte sich Hyseyin Göncü, Anfang 30, nie vorstellen, in einem Hochhaus zu wohnen. Viel zu groß und anonym, dachte er früher. Und Einsamkeit, findet er, ist das Schlimmste für Menschen in der Großstadt. Aber jetzt sind die Grindelhochhäuser nicht nur sein Wohnort, sondern auch sein Arbeitsplatz. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren diese Hochhäuser ein Mammutprojekt, die ersten riesigen Wohnblöcke in ganz Deutschland. Zwölf Betongiganten sind neben schmucken Altbauten in bester Lage in den 1950er-Jahren entstanden, in einer Zeit, als Hamburg noch in Schutt und Asche lag. Ursprünglich sollten dort einmal britische Offiziere wohnen. Doch es kam anders: Die Briten zogen nach Frankfurt, und die Freie und Hansestadt Hamburg beschloss, stattdessen 2.100 neue, moderne Wohnungen zu schaffen. Viele Kritiker bezeichneten die Grindelhochhäuser damals als seelenlos. Aber die Menschen, die in den geschichtsträchtigen Häusern leben und arbeiten, sehen das anders. Hyseyin Göncü ist Hauswart in den Kulthochhäusern. Er und zwei Kollegen betreuen die Wohnungen, in denen rund 3.000 Menschen leben. Tropfende Wasserhähne, klemmende Fenster, defekte Beleuchtung in den unzähligen Fluren. Hyseyin Göncü weiß nie, was der Tag für ihn bereithält. Und an manchen Tagen ist die Arbeit kaum zu schaffen. Aber dafür ist er auch einer der wenigen, der schon hinter fast jede Tür in den Betonriesen geblickt hat. Er kennt die Künstler in den hellen Atelierwohnungen mit Blick über die Stadt und die Erstmieter, die seit mehr als 60 Jahren die Entwicklung der Hochhäuser erlebt haben. Dazu gehört auch Gundula Schmitt-Brunn. Sie ist 92, fühlt sich wie 70 und war eine der ersten Mieter, die hier eingezogen sind. Obwohl die Mieter aus allen Nationen und sozialen Schichten kommen, gibt es einen großen Zusammenhalt, sagt Hyseyin Göncü. Und er muss es wissen, denn er wohnt schließlich auch selbst in einer der Wohnungen in den Hochhäusern. Und er kümmert sich auch über den Job hinaus um die Bewohner. Besonders für ältere Menschen hat er ein Herz, denn sie sind auch hier oft einsam und brauchen nicht nur Hilfe bei defekten Fenstergriffen, sondern einfach ein offenes Ohr und ein bisschen Gesellschaft. Seine Empathie für Menschen hat er von seiner Mutter, sagt er. Sie hat ältere Menschen gepflegt und ihn und seine Schwester quasi allein großgezogen. In den Grindelhochhäusern hat Hyseyin Göncü eine Heimat gefunden. Er ist in Eimsbüttel geboren. Auch wenn er einige Jahre in der Türkei gelebt hat, möchte er in diesem Hamburger Stadtteil alt werden.


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