Der menschliche Verdauungstrakt beherbergt rund 100.000 Milliarden Mikroorganismen, das sind zehn Mal mehr als die Anzahl aller Körperzellen. Die Gesamtheit von Bakterien, Parasiten und unschädlichen Pilzen, gemeinhin als Darmflora bezeichnet, bringt gute zwei Kilo auf die Waage. Eine genaue Untersuchung der Darmmikrobiotika war lange nicht möglich: Fast keine der Bakterien kann in vitro gezüchtet werden, da ihnen Licht und Luft nicht bekommen. Erst jetzt gibt die lange verkannte Darmflora ihre Geheimnisse preis - und legt den Grundstein für eine wissenschaftliche und medizinische Revolution. Die Darmbakterien erhalten den Wirt bei guter Gesundheit. Der Schlüssel ist die Symbiose, d. h. das Gleichgewicht mit dem übrigen Organismus. Diese Funktionsweise zu verstehen, ist heute Forschungsgegenstand Tausender Wissenschaftler weltweit. Vergleiche des Stuhls kranker und gesunder Testpersonen zeigten, dass die Darmmikrobiotika gesunder Menschen viel mehr Bakterien als die von Kranken enthält. Nach und nach legten die Wissenschaftler eine Kartografie von "Star"-Bakterien an, deren Fehlen in der Darmflora mit Krankheiten in Zusammenhang gebracht wird. Diese Erkenntnis könnte neue Weichen für die Medizin stellen. Doch offenbar sind diese Bakterien vom Aussterben bedroht. Denn kaum hat man sie entdeckt, stellt man fest, dass sie immer weniger werden: Fast jeder vierte Mensch in der heutigen westlichen Welt hat eine mangelhafte Darmflora. Forscher machen die modernen Lebensumstände dafür verantwortlich, an erster Stelle Ernährung, Hygiene, Entbindungsart, Einnahme von Antibiotika oder Ernährungszusätzen. Zum Wiederaufbau einer intakten Darmflora schlagen manche Wissenschaftler eine "mikrobiotische" Ernährung vor, bei chronischen Darmerkrankungen eine Fäkaltransplantation. Andere gründen Start-ups und züchten die wichtigsten Darmbakterien, um daraus eine neue Generation von Probiotika herzustellen.