Wo fängt eine moderne Familie an – und wo endet sie? Das Mittwochsdrama dreht sich um einen kleinen Jungen, für den plötzlich gleich mehrere Erwachsene Verantwortung übernehmen wollen.

Das Grundproblem wird schon auf der Trauerfreier im Familienkreis deutlich: Der Nachwuchs schreit aus seinem Kinderzimmer durchs Babyfon. "Franz ist aufgewacht", hört die aufgelöste Ellen (Susanne Wolff) und setzt sich gleich wie automatisch in Bewegung. "Ich kann dann mal mit", sagt Großvater Johannes (Ernst Stötzner) und bricht ebenfalls ins Obergeschoss auf. "Mein Kind" (2018), der vom WDR produzierte ARD-Mittwochsfilm, erzählt von beklemmender Nähe, von Trauer, aber auch von Chancen und dem Versuch, der Zukunft den jeweils ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Ausgangspunkt ist ein tragischer Todesfall: Ellens Ehefrau, die junge Musikerin Katharina (Britta Hammelstein), kam bei einem Autounfall ums Leben. Wer sich künftig um den gemeinsamen Sohn Franz kümmern darf, löst erhebliche Familienspannungen aus.

Eben noch zeigt der von Kameramann Bernhard Keller souverän und vielschichtig in Szene gesetzte Film, wie glücklich die beiden Liebenden Ellen und Katharina sind, als sie sich für eine gemeinsame Zukunft, ein Kind und damit für eine Samenspende sowie eine künstliche Befruchtung entscheiden. Wenig später liegt das Lebensglück der beiden, das eigentlich durch eine Heiratsvertrag und die neuen gesetzlichen Chancen der "Ehe für alle" abgesichert scheint, in Scherben.

Nicht nur wegen des schockierenden, jähen Todes, sondern auch, weil die Verantwortung für Franz plötzlich völlig offen scheint, spitzt sich die Situation zu. Ellen ist zwar gesetzlicher Vormund des kleinen Jungen, doch die Adoptionspapiere, mit dem sie ihre vollen Rechte als leibliche Mutter absichern wollte, sind überraschenderweise nicht mehr auffindbar. Schon melden Katharinas Eltern, aber auch der biologische Vater, Wolfgang Maar (Andreas Döhler), ihre Rechte an.

Regisseurin Nana Neul war mit ihrem Film sichtlich daran gelegen, eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit zu fokussieren. Ohne dabei von oben herab zu dozieren, ist es ihr gelungen, eine Versuchsanordnung aufzustellen, in der viele Positionen vertretbar scheinen. Erzählt wird von modernen Familien, die sich längst aus der klassischen Enge hin zu partnerschaftlichen Patchwork-Formen geöffnet haben.

Dass das Ergebnis nicht platt wirkt, dafür sorgt schon das Arrangement des Films, das geschickt mit Zeitsprüngen und Überblendungen arbeitetet, in denen man sich als Zuschauer allerdings auch erst mal zurechtfinden muss. Doch trotz des löblichen Ansinnens und der rundum starken Schauspielerleistungen auch von Lisa Wagner und Victoria Trauttmansdorff, meint man, im Hintergrund oft das Rascheln von Gesetzestexten zu hören. Es ist ein spröder Film, weit abseits des Gefälligen. Und so passt dann auch ein trockener Höhepunkt, in dem hastig ein Schriftstück mit dem vielsagenden, trotzigen Zusatz unterzeichnet wird: "Sobald sich das Abstammungsrecht ändert – neu verhandeln!"


Quelle: teleschau – der Mediendienst