Islamisierung, Sex, Krawall: Mit dem Meta-Drama "Unterwerfung" wiederholt 3sat nun die Verfilmung des umstrittenen Romans von Skandal-Autor Michel Houellebecq.

Die Angst vor der "Islamisierung des Abendlandes" treibt manch "besorgte Bürger" hierzulande seit einiger Zeit um. Auch in Frankreich finden antimuslimische Ressentiments immer mehr Anhänger. Wie polarisierend die Debatte um muslimische Einwanderer auch in intellektuellen Kreisen wirkt, bewies 2015 die Diskussion um Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung". Galt das umstrittene Werk den einen als große Literatur, kritisierten es andere als islamfeindlich. Drei Jahre später wagte sich das Erste an eine Verfilmung des Stoffes, der in bereits als Theaterstück inszeniert wurde. Echte Ausschnitte des umjubelten Bühnenwerks wechseln sich in dem viel diskutierten Meta-Drama, das nun bei 3sat wiederholt wird, mit bissigen Spielfilm-Szenen ab. Auf beiden Ebenen in der Hauptrolle: ein starker Edgar Selge, dessen Neffe Titus Selge Regie führte.

Irgendetwas – vielleicht das Unzähmbare, das Unflätige – scheint die deutschen Filmemacher an Michel Houellebecq zu faszinieren. Nach Oskar Roehlers "Elementarteilchen" von 2006 mit Moritz Bleibtreu und Christian Ulmen ist "Unterwerfung" bereits die zweite deutschsprachige Verfilmung eines Romans des französischen Skandalautors. Warum der streitbare Schriftsteller gern als solcher bezeichnet wird, führte er vor drei Jahren mit seinem dystopischen Werk über eine in naher Zukunft stattfindende Islamisierung Frankreichs abermals vor Augen. Sexismus, Schimpftiraden, Altherrenfantasien? Check. Politische Korrektheit, Rücksichtnahme, Moral? Fehlanzeige.

Den unbedarften Zuschauern der vom RBB (!) in Auftrag gegebenen Verfilmung werden die Radikalität und männlichen Fantasien Houellebecqs noch einmal deutlicher offenbar: "Polizeiruf"- und "Tatort"-Experte Titus Selge greift sich selbstredend die kontroversesten Passagen der "Unterwerfung" heraus; vom schleichenden Aufstieg der "Islamischen Bruderschaft" bis zu den äußerst expliziten Sex-Gedanken und -Beschreibungen der Hauptfigur. Jener mal mitleiderregende, meist aber unsympathische Charakter namens François, ein Literaturprofessor und Alkoholiker, der jedes Semester mit einer neuen jungen Studentin eine Affäre beginnt, wird gespielt von einem fantastischen Edgar Selge – seines Zeichens der Onkel des Regisseurs.

An dieser Stelle liegt der Clou der Verfilmung, die sich angesichts des brisanten Stoffes keineswegs in einer schnöden Eins-zu-Eins-Umsetzung erschöpft. Vielmehr nutzt Titus Selge als Vorlage die gleichnamige Theateradaption des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg von 2016, in der Edgar Selge ebenfalls die Hauptrolle übernahm. Ein cleverer Kniff beschert "Unterwerfung" eine hübsche Metaebene, die der Härte der Erzählung den Wind aus den Segeln nimmt: In einer wohldurchdachten Inszenierung schneidet der Film abwechselnd echte Ausschnitte des Theaterstücks (zu dem sich Selge erst durch ein von G20-Autonomen-Unruhen erschüttertes Hamburg durchkämpft) zusammen mit klassischen Spielfilmausschnitten, die uns das politisch schwelende Paris des Jahres 2022 vor Augen führen.

In dieser Fiktion hat die gesellschaftliche Spaltung, die auch hierzulande beklagt wird, ein nie gekanntes Level erreicht: Der rechte Front National um Marine Le Pen erreicht bei den Wahlumfragen die meisten Stimmen, dahinter folgt die immer weiter an Einfluss gewinnende "Islamische Bruderschaft" unter dem charismatisch-gemäßigten Ben Abbas. Während die Identitären geradezu auf einen Bürgerkrieg hoffen, vereinen sich in der Not die Sozialisten und Konservativen mit der islamischen Partei. Bei den Wahlen siegt Abbas und schafft in Frankreich den Laizismus zugunsten eines religiös geprägten Staates ab, in dem Patriarchat, Vielehe und Scharia die Hauptpfeiler sind.

François erhält seine Kündigung von der Sorbonne und zieht sich zu Freunden aufs Land zurück. Szenen von Ausschreitungstoten und Überlegungen seiner Geliebten, mit ihren jüdischen Eltern vor dem Kommenden nach Israel zu fliehen, wechseln sich ab mit den von Selge auf der Bühne intonierten Reflexionen über den hoffnungslosen Zustand der Gesellschaft. Irgendwann dann der Hoffnungsschimmer für die Hauptfigur: Der neue, islamfreundliche Sorbonne-Rektor Rediger (Matthias Brandt) bietet François eine Fortführung seiner Lehre an – selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass er zum Islam konvertiert. Für den alten Schwerenöter, der sich natürlich vor allem von der Aussicht auf polyamore Ehen angezogen fühlt, rückt die vollständige "Unterwerfung" nahe.

Das sehenswerte experimentelle Format, das nach seiner Erstausstrahlung im Juni hierzulande so kontrovers besprochen wurde wie der Roman, liefert die Reaktion des Publikums im Theater gleich postwendend mit: Wenn die Zuschauer angesichts der zynischen und bisweilen wirklich amüsanten Kommentare zur verzweiflungswürdigen Lage erleichtert auflachen, wenn ältere Herrschaften bei nicht jugendfreien Genital- und Geschlechtsverkehr-Elogen empört den Kopf schütteln und den Saal verlassen – dann lässt sich der ebenso kompromisslose wie wichtige Stoff auch vor dem Fernseher besser ertragen. Lohnen tut es sich allemal.


Quelle: teleschau – der Mediendienst