Urlaub von der Straße

Report, Gesellschaft und Soziales
Urlaub von der Straße

NDR
Sa., 23.03.
08:30 - 09:00
Die Obdachlosenreise


Gewalt, Drogen, Kälte und Konkurrenz um die täglichen Dinge des Lebens: Für die beiden Obdachlosen Werner Hermann und Josef Mayer ist jeder Tag ein zermürbender Überlebenskampf. Urlaub von diesem harten Alltag? Das ist für Menschen wie sie undenkbar. Deswegen bietet die Diakonie in Hamburg eine Ferienreise für Obdachlose an. "Lasst ihr mir ein bisschen Trinkgeld übrig?", ruft Jacky den vorbei eilenden Restaurantgästen zu. Werner Hermann und Josef Mayer, genannt Jacky, sitzen im Nieselregen vor einem Edellokal an der Hamburger Schanzenstraße. Der Alltag der beiden langjährigen Obdachlosen ist geprägt von einem ständigen Überlebenskampf: Wie komme ich an Geld? Wo kann ich sicher schlafen? Wie kann ich meine wenigen Besitztümer schützen? In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Obdachlosen in Hamburg fast verdoppelt. Jacky und Werner versuchen zusammenzuhalten, denn die Konkurrenz um die täglichen Dinge des Lebens wird immer härter. "Gerade diese Menschen brauchen mal eine Auszeit von ihrem belastendem Alltag", sagt der Sozialarbeiter Uwe Martiny von der Hamburger Diakonie. Deswegen wird von der Einrichtung seit Jahren eine Urlaubsreise an den Ratzeburger See in Schleswig-Holstein angeboten. In der Ruhe der Natur sollen sich die Obdachlosen für eine Woche lang geistig und körperlich erholen können und Kraft tanken, vielleicht sogar für einen Neuanfang. Jacky und Werner sind zum ersten Mal mit dabei. Die NDR Reportage-Autoren Julian Amershi und Marie Löwenstein haben die beiden in ihrem Alltag auf der Straße und auf die Reise begleitet. Ein Bett, eine Dusche, tägliches Essen und der Blick ins Grüne anstatt Asphalt, Schmutz, Lärm und Elend. Die beiden 50-Jährigen, der eine war früher Metzger, der andere Tischler, genießen die Auszeit und werden doch an ihr Limit kommen. Denn sie sind schwer alkoholkrank. Und auf der Reise ist Hochprozentiges nicht erlaubt. Man lernt auch die anderen Teilnehmer der Reise kennen, die fast alle Osteuropäer sind. Ein Spiegelbild der Realität, denn ein Großteil der Obdachlosen auf deutschen Straßen stammt mittlerweile aus Ländern wie Polen, Rumänien oder Ungarn. Die meisten kommen auf Arbeitssuche hierher und stranden irgendwann auf der Straße, erzählt die Betreuerin Ellen Debray von der Tagesaufenthaltsstätte der Diakonie in Hamburg. Ellen hat täglich mit diesen Menschen und ihrem Elend zu tun. Auf der Reise lernt sie sie von einer anderen Seite kennen, als humorvoll, hilfsbereit und freundlich. Am Ratzeburger See kommen die Obdachlosen zur Ruhe. Für diese Reportage geben sie berührende Einblicke in ihre Geschichte sowie eine Welt, die für die meisten Menschen so fremd wie abschreckend ist.


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