Wege aus der Finsternis - Europa im Mittelalter

  • "Wisch Dir die Hände nicht am Tischtuch ab." Die Errungenschaften mittelalterlicher Adelskultur sind Benimmregeln und Tischsitten. Vergrößern
    "Wisch Dir die Hände nicht am Tischtuch ab." Die Errungenschaften mittelalterlicher Adelskultur sind Benimmregeln und Tischsitten.
    Fotoquelle: ZDF/Igor Kristof
  • Burg Chillon am Genfer See, Schweiz aus dem 12. Jahrhundert. Vergrößern
    Burg Chillon am Genfer See, Schweiz aus dem 12. Jahrhundert.
    Fotoquelle: ZDF/Milos Vendlek
Report, Geschichte
Wege aus der Finsternis - Europa im Mittelalter

Infos
Produktionsland
Deutschland
Produktionsdatum
2004
ZDFneo
So., 20.05.
05:25 - 06:10
Von Bauern und Edelmännern


Alles, was wir über das Mittelalter wissen, wissen wir aus Büchern. Sie sagen uns, was Kaiser und Könige, was Ritter und Mönche getan haben. Nur über die Bauern sagen die Bücher wenig. Sie konnten nicht lesen und schreiben. Und wer das konnte, interessierte sich nicht für sie. So blieben die Bauern die stumme Mehrheit des Mittelalters. Einer, der das Leben des Bauernstandes kennt, erzählt darüber: Adam, ein Gaukler aus dem fahrenden Volk. Als Seiltänzer auf Bauern- und Fürstenhochzeiten schlägt er sich durch. Und an Markttagen verdient er sein Geld im Handumdrehen, wenn er faule Zähne zieht und den grauen Star sticht. "Bauernarbeit trägt die Welt", hieß es im Mittelalter. Über Dreiviertel der Menschen waren Bauern, Leibeigene oder Tagelöhner, die die Ritter und Geistlichen ernährten. "Dafür lob' ich den Bauersmann, der alle Welt ernähren kann." Aber Not machte auch erfinderisch. Um das Jahr 1000 begann eine Agrarrevolution, die Europa von Grund auf veränderte und zu einer Bevölkerungsexplosion sondergleichen führte. Meilensteine der Agrarrevolution waren der Übergang zur Dreifelderwirtschaft und die Erfindung des Kummets. Lange Zeit waren die so langsamen wie schwerfälligen Ochsen die Traktoren des Mittelalters. Erst das Kummet machte es möglich, Pferde vor den Pflug zu spannen. Sie sind schneller, wendiger und ausdauernder als Ochsen; dies zeigt ein Wettpflügen, das für den Film unter mittelalterlichen Bedingungen durchgeführt wurde. Mit Pferden konnte mehr Ackerland bearbeitet werden. So wurde die Pferdestärke zur Einheit technischer Leistung schlechthin. Eine weitere Revolution auf dem Land: Europa ist Getreideland, statt von Reis lebte man von Weizen, Roggen und Hafer. Für Reis braucht man keine Mühlen, Getreide aber muss man mahlen. Durch den Einsatz von Wasser- und Windenergie und der Mühlentechnologie hatte Europa schon im Mittelalter einen entscheidenden Vorsprung in Richtung Industrialisierung. "Eine Mühle ist stärker als 100 Männer", hieß es. Bis zur Erfindung der Dampfmaschine war die Wasserkraft der entscheidende Faktor der industriellen Entwicklung. Auch ein anderes, nicht gerade beliebtes Grundelement des modernen Staates hat seine Wurzeln im Mittelalter: Aus dem berüchtigten Zehnt und den Abgaben der Bauern an die Grundherren, zu denen auch die Martinsgans und Ostereier gehörten, entwickelte sich das moderne Steuerwesen. Die Steuerakten des Königreiches Aragon, die sich in Barcelona erhalten haben, geben darüber Aufschluss: Mehrwertsteuer, Einkommensteuer, Umsatzsteuer; all das, was uns heute so vertraut ist, entwickelte sich schon ab dem 13. Jahrhundert. Die Landleute führen ein hartes Leben. Aber am meisten bedrückt sie, dass ihnen das Land, das sie bewirtschaften, nicht gehört, sondern den Herren. Nicht überall war das der Fall. In der Schweiz zogen die Bauern den Hut nicht vor den Herren. Sie waren "ein freies Volk auf freiem Grund". Der Schwur auf der Rütliwiese - "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern" - ist ein geschichtsmächtiger Mythos. Tatsache aber ist, dass sich die Eidgenossen gegen die Habsburger Ritter mit Mistgabeln und Dreschflegeln bewaffneten und ihnen nach Partisanenart am 9. Dezember 1315 in der Schlacht am Morgarten eine historische Niederlage bereiteten. Aus der Eidgenossenschaft der Schweizer erwuchs der erste Bundesstaat Europas mit einer demokratischen Verfassung. Adam, der Gaukler, hat sich bei den Habsburgern als Pferdeknecht verdingt und ist so Zeuge ihrer Niederlage geworden. Zum Knecht ist er nicht geboren. Und zum Narren will er sich nicht machen. Aber auch er hat einmal Glück und findet eine Gefährtin. Das ewige Vagabundenleben sind sie leid. Sie suchen ihre Zukunft in der Stadt und beherzigen so das mittelalterliche Sprichwort "Landluft macht eigen, Stadtluft macht frei". In der Stadt werden sie "nach Jahr und Tag" nicht mehr ehrlos und rechtlos sein, sondern als freie Bürger leben können.


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