die nordstory

  • Sein Sortiment wechselt je nach Jahreszeit und Kundenwunsch. Im Frühjahr Stiefmütterchen, dann Maiblumen und im August werden auf dem langen, schmalen Anbaugebiet hinter dem Haus der Gladiators Tomaten geerntet. Mit der konkurrierenden Massenproduktion aus den Gewächshäusern in den Niederlanden kann der Familienbetrieb nur mithalten, weil er sich spezialisiert hat. Die Ware ist gut und alle arbeiten mit. Sohn Carsten (Foto) hat den Beruf vom Vater gelernt und dazu dessen Umgangssprache: Plattdeutsch. Vergrößern
    Sein Sortiment wechselt je nach Jahreszeit und Kundenwunsch. Im Frühjahr Stiefmütterchen, dann Maiblumen und im August werden auf dem langen, schmalen Anbaugebiet hinter dem Haus der Gladiators Tomaten geerntet. Mit der konkurrierenden Massenproduktion aus den Gewächshäusern in den Niederlanden kann der Familienbetrieb nur mithalten, weil er sich spezialisiert hat. Die Ware ist gut und alle arbeiten mit. Sohn Carsten (Foto) hat den Beruf vom Vater gelernt und dazu dessen Umgangssprache: Plattdeutsch.
    Fotoquelle: NDR/Uli Patzwahl
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    Fotoquelle: NDR
Report, Dokumentation
die nordstory

Infos
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2013
NDR
Fr., 17.11.
15:00 - 16:00


Elbaufwärts, gleich hinter den Hamburger Kirchtürmen, entlässt die Elbe zwei Nebenflüsse in die Landschaft. Dort beginnt eine wunderbare Region aus Marschen, Gräben, mit Treibhäusern: Vierlanden. Die Gegend gilt als Storchenland. In den vier Dörfern auf Großstadtterritorium findet man eine Idylle mit reetgedeckten Häusern. Seit Jahrhunderten gibt es in den Vierlanden Rosenhöfe, auf und mit denen die Bewohner ihr Geld verdienen. Vor 30 Jahren kam jede dritte Rose, die in Deutschland verkauft wurde, aus Vierlanden. "Heute ist es angeblich noch jede fünfte", sagt Richard Gladiator, "und ich verkaufe gar keine, ich verkaufe Tagetes, Studentenblumen." Sein Sortiment wechselt je nach Jahreszeit und Kundenwunsch. Im Frühjahr Stiefmütterchen, dann Maiblumen und im August werden auf dem langen, schmalen Anbaugebiet hinter dem Haus der Gladiators Tomaten geerntet. Mit der konkurrierenden Massenproduktion aus den Gewächshäusern in den Niederlanden kann der Familienbetrieb nur mithalten, weil er sich spezialisiert hat. Die Ware ist gut und alle arbeiten mit. Sohn Carsten hat den Beruf vom Vater gelernt und dazu dessen Umgangssprache: Plattdeutsch. Angelika Kock ist auch Gartenbauerin. Sie arbeitet jedoch auf Honorarbasis dort, wo sie je nach Saison gebraucht wird. Den eigenen Familienbetrieb gibt es nicht mehr. Den Bezug zur Region hat Angelika, in ihrer Jugend "aufgewachsen in Leder und mit AC/DC" erst auf Umwegen gefunden. Sie sagt: "Mein Sohn wollte unbedingt bei den Trachtenkindern hier mitmachen, ich konnte nichts dagegen tun!" Irgendwann nach dem Sohn ist Angelika dann selbst in die Vierländer Trachtengruppe eingetreten und als ehrenamtliche Jugendtrainerin heute eine Leistungsträgerin. Auch das Handwerk von Vater Günther und Sohn Thomas Dahm ist jahrhundertealt, die beiden sind Intarsien-Tischler. Sie stellen besondere Möbel mit aufwändigen Einlegearbeiten her. Nach Vierländer Tradition bestellen wohlhabende Gartenbauer zum Beispiel einen "Vierländer Stuhl" zur Geburt der Kinder. Heutzutage ist die Kundschaft überregional. Thomas hat sogar schon E-Gitarren mit Intarsien für eine Bluesband aus Nashville gebaut. In Vierlanden sind die beiden Dahms zu einer Doppelinstanz geworden. Unter den Bewohnern gilt ihr Rat, bis hin zur Pflege der kostbaren Kirchbänke. Dabei hat sich der Umgangston in der kleinen Werkstatt nicht geändert. "Wir streiten uns so durch den Tag, das macht immer noch Spaß", sagen sie. Und sogar beim Störchezählen in den Kirchwerder Wiesen, Hamburgs ältestem Naturschutzgebiet, trifft man die zwei gemeinsam an. Mitten in Vierlanden liegt die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Neuengamme. Sie soll an das Martyrium von über 100.000 Häftlingen erinnern, die hier in der Nazizeit kaserniert waren. Jeder Zweite von ihnen hat "Neuengamme" nicht überlebt. Gesa Trojan, Studentin aus einer Vierländer Familie, hat über die Gedenkstätte nicht nur das Thema für ihre Examensarbeit gefunden, sondern führt auch Gruppen über das Gelände. Über diese gebrochene Seite der Idylle hat sie einen neuen Zugang zu ihrer eigenen Großelterngeneration und zu ihrer Heimat insgesamt gewonnen. "die nordstory" zeigt, Vierlanden ist mehr als das Ergebnis seiner eigenen, komplexen Geschichte. Es ist ein Gegenentwurf zum Stadtleben mit besonderen, selbstbewussten Menschen und mit Stadt-Land-Fluss-Geschichten wie es sie sonst vielleicht nicht im Norden gibt.

Thema:

Hamburgs Dreistromland - Eine Saison in Vierlanden

Elbaufwärts, gleich hinter den Hamburger Kirchtürmen, entlässt die Elbe zwei Nebenflüsse in die Landschaft. Dort beginnt eine wunderbare Region aus Marschen, Gräben, mit Treibhäusern: Vierlanden. Die Gegend gilt als Storchenland. In den vier Dörfern auf Großstadtterritorium findet man eine Idylle mit reetgedeckten Häusern. Seit Jahrhunderten gibt es in den Vierlanden Rosenhöfe, auf und mit denen die Bewohner ihr Geld verdienen. Vor 30 Jahren kam jede dritte Rose, die in Deutschland verkauft wurde, aus Vierlanden. "Heute ist es angeblich noch jede fünfte", sagt Richard Gladiator, "und ich verkaufe gar keine, ich verkaufe Tagetes, Studentenblumen." Sein Sortiment wechselt je nach Jahreszeit und Kundenwunsch. Im Frühjahr Stiefmütterchen, dann Maiblumen und im August werden auf dem langen, schmalen Anbaugebiet hinter dem Haus der Gladiators Tomaten geerntet. Mit der konkurrierenden Massenproduktion aus den Gewächshäusern in den Niederlanden kann der Familienbetrieb nur mithalten, weil er sich spezialisiert hat. Die Ware ist gut und alle arbeiten mit. Sohn Carsten hat den Beruf vom Vater gelernt und dazu dessen Umgangssprache: Plattdeutsch. Angelika Kock ist auch Gartenbauerin. Sie arbeitet jedoch auf Honorarbasis dort, wo sie je nach Saison gebraucht wird. Den eigenen Familienbetrieb gibt es nicht mehr. Den Bezug zur Region hat Angelika, in ihrer Jugend "aufgewachsen in Leder und mit AC/DC" erst auf Umwegen gefunden. Sie sagt: "Mein Sohn wollte unbedingt bei den Trachtenkindern hier mitmachen, ich konnte nichts dagegen tun!" Irgendwann nach dem Sohn ist Angelika dann selbst in die Vierländer Trachtengruppe eingetreten und als ehrenamtliche Jugendtrainerin heute eine Leistungsträgerin. Auch das Handwerk von Vater Günther und Sohn Thomas Dahm ist jahrhundertealt, die beiden sind Intarsien-Tischler. Sie stellen besondere Möbel mit aufwändigen Einlegearbeiten her. Nach Vierländer Tradition bestellen wohlhabende Gartenbauer zum Beispiel einen "Vierländer Stuhl" zur Geburt der Kinder. Heutzutage ist die Kundschaft überregional. Thomas hat sogar schon E-Gitarren mit Intarsien für eine Bluesband aus Nashville gebaut. In Vierlanden sind die beiden Dahms zu einer Doppelinstanz geworden. Unter den Bewohnern gilt ihr Rat, bis hin zur Pflege der kostbaren Kirchbänke. Dabei hat sich der Umgangston in der kleinen Werkstatt nicht geändert. "Wir streiten uns so durch den Tag, das macht immer noch Spaß", sagen sie. Und sogar beim Störchezählen in den Kirchwerder Wiesen, Hamburgs ältestem Naturschutzgebiet, trifft man die zwei gemeinsam an. Mitten in Vierlanden liegt die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Neuengamme. Sie soll an das Martyrium von über 100.000 Häftlingen erinnern, die hier in der Nazizeit kaserniert waren. Jeder Zweite von ihnen hat "Neuengamme" nicht überlebt. Gesa Trojan, Studentin aus einer Vierländer Familie, hat über die Gedenkstätte nicht nur das Thema für ihre Examensarbeit gefunden, sondern führt auch Gruppen über das Gelände. Über diese gebrochene Seite der Idylle hat sie einen neuen Zugang zu ihrer eigenen Großelterngeneration und zu ihrer Heimat insgesamt gewonnen. "die nordstory" zeigt, Vierlanden ist mehr als das Ergebnis seiner eigenen, komplexen Geschichte. Es ist ein Gegenentwurf zum Stadtleben mit besonderen, selbstbewussten Menschen und mit Stadt-Land-Fluss-Geschichten wie es sie sonst vielleicht nicht im Norden gibt.



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