20. November 1971: In der Berliner Deutschlandhalle haben sich 5000 Zuschauer eingefunden, um Ausnahmekünstler Klaus Kinski zu sehen und zu hören. Jahrelang hat der Schauspieler die Bühne gescheut, doch nun will er seinen 30-seitigen Text "Jesus Christus Erlöser" vortragen, an dem er zehn Jahre gearbeitet hat. Im bunten Blümchenhemdchen und mit langem, ungeordneten Haar beginnt Kinski die Lesung, wird jedoch immer wieder durch Zwischenrufe und Provokationen unterbrochen. Man will den Wüterich Kinski erleben, die Situation eskaliert mehr und mehr, Kinski und einzelne Wortführer beschimpfen sich auf das Übelste, eine Gruppe von Zuschauern skandiert "Kinski ist ein Faschist", und erst nach Mitternacht kann Kinski vor wenigen hundert Zuschauern seinen Text zu Ende sprechen.

Peter Geyer zeigt in seinem Dokumentarfilm den abendlangen Versuch eines Schauspielers, seinen Text sprechen zu dürfen. Er lässt sich ein paar Mal unterbrechen, dann tritt er ab, kommt wieder, wird wieder unterbrochen, bittet Zuhörer auf die Bühne, denen er wiederum ins Wort fällt, die er als "dumme Sau" beschimpft, bis er nach einigen Anläufen die Veranstaltung mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns abbricht. Erst weit nach Mitternacht beendet er von wenigen hundert Zuschauern die Lesung. Der Film zeichnet den Verlauf dieses Abends nach – als ein völlig geschlossenes, inhaltlich, dramaturgisch und emotional funktionierendes Dokument. Die Kunst des Textes wird ebenso wie die Aufregung im Saal vermittelt, die Atmosphäre wird genauso spürbar wie Kinskis großartige Bühnenpräsenz und sein innerer Kampf. Wenige Auflockerungen unterbrechen den Live-Eindruck, schnell geschnittene Impressionen des Geschehens vor und in dem Saal, Texttafeln mit Zitaten aus Kinskis Autobiografie. Ein einzigartiges Zeitdokument!

Foto: Salzgeber