Der anarchistische Dichter Baal streunt durch die Lande, wenn er nicht gerade in seiner Dachwohnung haust. Bei der Wahl seiner Sexpartner ist ihm das Geschlecht meist egal, da er meist sowieso komplett alkoholisiert ist. Als er eine junge Schauspielerin geschwängert hat, kehrt der unstete Charakter ihr schnell den Rücken, kann er doch keinerlei gesellschaftlich geprägte Enge ertragen. So wird er schließlich gar zum Mörder an seinem besten Freund ...

Volker Schlöndorff adaptierte Bertolt Brechts Bühnenstück 1969 fürs Fernsehen (seinerzeit zur besten Sendezeit in der ARD). Dort wurde das Werk Anfang Januar 1970 ein einziges Mal ausgestrahlt - danach nie wieder! Zu kritisch und zu verstörend war wohl die Geschichte des unsozialen Nonkonformisten, dargestellt von Ausnahme-Regisseur Rainer Werner Fassbinder, könnte man denken. Doch weit gefehlt. Brechts Witwe Helene Weigel hatte die West-Produktion damals in Ost-Berlin im Fernsehen gesehen und jede weitere Ausstrahlung gerichtlich unterbunden, da Schlöndorffs Interpretation des Lyrikers Baal nicht in ihr Bild von Brecht passen wollten. So gelang es erst 43 Jahre Juliane Lorenz und der Rainer Werner Fassbinder Foundation das Aufführungsverbot zu kippen. Keine Frage: Schlöndorff ist eine radikale Literaturverfilmung gelungen, die allerdings auch stark gealtert ist. Immerhin bietet sie einen imposanten Einblick in das Deutschland Ende der Sechzigerjahre.



Foto: Volker Schlöndorff