Mit dem Tonband und der Kamera ist der Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini 1963 quer durch Italien gezogen. An den noblen Badestränden Venedigs, vor den Fabriktoren Mailands, auf den Feldern Siziliens und in düsteren Hinterhöfen Palermos hat Pasolini Menschen verschiedensten Alters und aus unterschiedlichen Schichten gefragt, was sie über Tabuthemen wie Prostitution, Homosexualität und Ehescheidung denken. "Es ist wohl das erste Mal, dass so etwas gemacht wird. Ein Film nach der Art dessen, was die Franzosen cinéma vérité nennen", kommentiert der ebenfalls zu Wort kommende Schriftsteller Alberto Moravia. Pasolinis faszinierende Annäherung an die Volksmoral ist in vier Kapitel, so genannte "Recherchen" gestaffelt. Im ersten Abschnitt werden die Männer über ihr sexuelles Protzverhalten befragt. Im zweiten Abschnitt bringen Menschen beiderlei Geschlechts ihre Ablehnung und ihre Verständnislosigkeit gegenüber Homosexualität zum Ausdruck. Die Frage, ob die Ehe alle sexuellen Probleme löse, bildet das Thema des dritten Teils. Im letzten Kapitel kreisen die Gespräche mit sizilianischen Passanten um die strittige Abschaffung der Bordelle und um die heikle Frage, warum Frauen in Süditalien nicht arbeiten sollten.

Durch seine unbefangene Fragetechnik, die den Interviewten ernst nimmt, und durch seine unaufdringliche Schlagfertigkeit gelingt es Pasolini in seinem auch heute noch erfrischend modern wirkenden Dokumentarfilm, ein aufschlussreiches Sittenbild über Moral, Normen und Konventionen im Italien der 60er Jahre zu zeichnen. "Gastmahl der Liebe" ist ein Film, der trotz des durchschimmernden politischen Standpunktes Pasolinis nicht zu weltanschaulichen Verklärungen neigt und daher auch keine einfachen Lösungen anbietet. So enden spannende und witzige 90 Minuten mit einem "Aufschrei aus der Unterschicht", der zugleich ein Aufschrei "aus dem tiefsten Inneren" ist.