Heinrich George

Lebte seine Rollen: Heinrich George Vergrößern
Lebte seine Rollen: Heinrich George
Georg August Hermann Schulz
Geboren: 09.10.1893 in Stettin, Deutschland
Gestorben: 25.09.1946 in Sachsenhausen, Deutschland

Ein Leben war diesem genialen Menschen nicht genug. Heinrich George brauchte viele Leben. Mit Vitalität, mit sinnlicher Lust geladen, hätte er nichts anderes werden können als Schauspieler. Und er wird zum Herrscher der Leinwand, zählt zu den größten Schauspielerpersönlichkeiten seiner Generation. Doch Heinrich George war einer, der sich täuschen ließ, der das Verhängnis nicht sah, nicht sehen wollte. Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels nutzten Georges geradezu dämonischen Spieldrang für ihre Zwecke.

Sie eröffneten ihm Möglichkeiten, und er ergriff sie. Damit zwangen sie ihn zu Kompromissen, auch zu Adressen der Ergebenheit. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wird George in seinem Haus am kleinen Wannsee verhaftet und schließlich im sowjetischen Lager Hohenschönhausen gefangen gesetzt. Er kämpft, gibt nicht auf, setzt seinem Elend die Leidenschaft eines großen Künstlers entgegen.

Bis zuletzt tut er das, wovon er sein Leben lang besessen war: er spielt Theater. Ein Mitgefangener erinnert sich: "Nach acht Wochen hatte er in zehn Bildern den ganzen "Urfaust" beisammen, und im überfüllten Theater saßen vorn die russischen Offiziere, die zum Teil den "Faust" aus der Puschkinschen Übersetzung kannten. Der Eindruck war erstaunlich und ein Sieg Goethes, Georges und der Darsteller über alle Zweifler.

Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen, das die sowjetische Besatzungsmacht seit August 1945 als "Speziallager Nr. 7" verwendet, wird George ab Februar 1946 zum Gefängnis. "Der Postmeister" wird im Lager zu seiner letzten Rolle. In russischer Sprache habe er gespielt, berichten Mithäftlinge. Wie ist das möglich? Wahrscheinlich hat George den Puschkinschen Text phonetisch einstudiert: Wort für Wort, Satz für Satz. Welch eine seelische Energie in einem zerfallenden Körper! Das Fressen hat man ihm genommen, das Saufen hat man ihm genommen, die Familie hat man ihm genommen, die Freiheit hat man ihm genommen.

Bereits 1931 deutet Herbert Jhering, einer der unbescholtenen Chronisten des deutschen Theaters und Films, in seiner Kritik zu Phil Jutzis "Berlin - Alexanderplatz" bereits die Gefahren an, die ein "elementarer Komödiant", ein "Vollblut- und Volksschauspieler " in sich birgt: "In seinen Filmen legt er eine grandiose Solonummer hin. Er zieht alle Register vom naiven dumpfen Michel bis zum rasenden Kraftlackel Simson vom Alexanderplatz. Aber er zieht eben Register." George hat entscheidend zum Image seiner Schauspielergeneration beigetragen, war aber gerade in der von ihm ausgehenden Persönlichkeitskraft ein dankbares Mittel staatlicher Kunstproduktion. Sieht man eine solche Darstellerpersönlichkeit heute, muss man klarmachen, wie mit solchen Kräften manipuliert werden kann.

In "Hitlerjunge Quex" (1933) spielt George die menschlich rührende Person des kommunistischen Vaters, dessen Sohn sich zu den Pimpfen geschlagen hat und der vom Hitlerjugendführer eine Lektion in Vaterlandhaltung erhält. Der kraftvolle, massige George bricht zusammen, der letzte Rest von Zweifeln am Regime wird beim Zuschauer verdrängt: Hier ist eine Kraft, die stärker ist! - wird suggeriert. Das ist neben [pe.veit_harlan:Veit Harlans]s "Kolberg" die gefährlichste und ideologisch wirkungsvollste Rolle in der NS-Zeit. Anders als Werner Krauß, Emil Jannings und Otto Gebühr, die auch Härte und Unerbittlichkeit ausstrahlen, ist George in seinen Rollen nicht nur der Herrschende, sondern auch zugleich verständnisvoller Vater und Mensch.

So erschüttern Rollen wie "Andreas Schlüter" (1942) oder Peter Henlein ("Das unsterbliche Herz", 1939) das Publikum und machen es gefügig auch für das, was über die Rampe oder von der Leinwand in propagandistischer Absicht herabkommt. Nicht der Fall eines Menschen, der sich als ehemaliger Kommunist dem Nationalszialismus zuwendet (wie viele andere Personen in weniger prominenter Stellung) ist das Wesentliche an einem George-Porträt - sondern die Person des "unpolitschen" Künstlers, der sich für eine Ideologie benutzen lässt.

Der junge Heinrich George bricht die Oberrealschule ab und nimmt Schauspielunterricht. 1912 beginnt er seine Karriere an Provinztheatern, im 1. Weltkrieg dient er als Kriegsfreiwilliger - und kommt schwer verwundet zurück. Er spielt Theater in Dresden und Frankfurt am Main, steht zum ersten Mal 1920 auf einer Berliner Bühne und dann beginnt schon die Kinokarriere. "Der Roman der Christine von Heine" von Ludwig Berger ist 1921 der erste Film, dem folgen weitere wie "Lady Hamilton", "Kean" (beide 1921), "Lola Montez, die Tänzerin des Königs" (1922), "Erdgeist" oder "Fridericus Rex" (beide 1923). George ist pausenlos im Atelier. Er ist der Vorarbeiter in Fritz Langs Utopie "Metropolis" (1927) oder der Emile Zola in Richard Oswalds Film "Die Affäre Dreyfuss" (1930). 1940 ist er der dekadente Herzog in dem antisemitischen "Jud Süß" von Harlan und Karl Eugen von Württemberg in "Friedrich Schiller - Der Triumph eines Genies", 1943/45 der Bürgermeister im Durchhaltefilm "Kolberg". Georges Tod ist kläglich: Er wird interniert, zeigt sich kompromisslos, und stirbt 1946 eher unbeachtet. Georges Sohn Götz ist ebenfalls ein bekannter Schauspieler, der 2013 nach langem Zögern in George" in die Rolle seines Vaters schlüpfte.

Weitere Filme mit Heinrich George: "Die Perlen der Lady Harrison", "Lucrezia Borgia" (beide 1922), "Die Sonne von St. Moritz", "Der Mensch am Wege", "Das fränkische Lied", "Quarantäne" (alle 1923), "Steuerlos", "Soll und Haben", "Zwischen Morgen und Morgen" (alle 1924), "Mirakel der Liebe" (1925), "Das Panzergewölbe", "Überflüssige Menschen", "Die versunkene Flotte" ( alle 1926), "Das Meer", "Orientexpreß", "Bigamie", "Die Ausgestoßenen" (alle 1927), "Die Leibeigenen", "Die Dame mit der Maske", "Schmutziges Geld", "Das letzte Souper", "Das letzte Fort", "Rutschbahn", "Der Mann mit dem Laubfrosch", "Kinder der Straße" (alle 1928), "Manolescu", "Der Sträfling aus Stambul", "Sprengbagger 1010", "Der Andere", "Menschen im Käfig", "1914, die letzten Tage vor dem Weltbrand", "Der Mann, der den Mord beging" (alle 1930), "Menschen hinter Gittern", "Wir schalten um auf Hollywood", "Goethe lebt …!" (alle 1931), "Schleppzug M 17", "Das Meer ruft", "Reifende Jugend" (alle 1933), "Hermine und die sieben Aufrechten" (1934), "Das Mädchen Johanna", "Nacht der Verwandlung", "Stützen der Gesellschaft" (alle 1935), "Die große und die kleine Welt", "Wenn der Hahn kräht", "Stjenka Rasin" (alle 1936) , "Ball im Metropol", "Versprich mir nichts!", "Unternehmen Michael", "Ein Volksfeind", "Der Biberpelz" (alle 1937), "Frau Sylvelin", "Es leuchten die Sterne", "Heimat" (alle 1938), "Sensationsprozeß Casilla", "Pedro soll hängen" (beide 1939), "Die Räuber", "Der Postmeister" (beide 1940), "Schicksal" (1941), "Hochzeit auf Bärenhof", "Wien 1910", "Der große Schatten" (alle 1942), "Der Verteidiger hat das Wort" (1943), "Die Degenhardts" (1944), "Frau über Bord" , "Das Leben geht weiter" (unvollendet) und "Dr. phil. Döderlein" (unvollendet, alle 1945).

Zur Filmografie von Georg August Hermann Schulz
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