02.03.2026 Musikalische Zeitreise

Chris Norman: „Das sind Songs meines Lebens“

Chris Norman blickt mit 75 Jahren auf eine außergewöhnliche Karriere zurück. Mit seinem neuen Cover-Album „Lifelines“ geht das Rock-Pop-Urgestein im Oktober auf Deutschland-Tour.

Als Frontmann der Band Smokie wurde er berühmt und feierte mit Hits wie „Living Next Door To Alice“, „Lay Back In The Arms Of Someone“ oder auch „I'll Meet You At Midnight“ in den 70er Jahren große Banderfolge. „Midnight Lady“ markierte seinen phänomenalen Durchbruch als Solokünstler. 2025 feierte er seinen 75. Geburtstag und veröffentlicht nun mit „Lifelines“ ein neues Album. Prisma hat mit ihm gesprochen.

prisma: Chris, Du hast mit „Lifelines“ ein neues Cover-Album herausgebracht. Was bedeuten Dir diese Songs?

Chris Norman: Das sind Songs, die mich beeinflusst haben oder mir durch mein Leben hindurch etwas bedeutet haben. Das sind sozusagen die „Lebenslinien“ jedes Jahrzehnts, in dem ich gelebt habe – beginnend in den 50ern und dann durch die 60er und so weiter. Es ging darum, Songs zu finden, die in jeder Phase meines Lebens einen Einfluss auf mich hatten. Angefangen hat es in den 50ern mit Rock’n’Roll. Ich hatte ältere Verwandte, die das alles gehört haben. Und ich habe es irgendwie aus deren Blickwinkel mitbekommen und dann bin ich in diese Leute reingewachsen: Buddy Holly, Elvis, Little Richard. Das war der Beginn als ich den Rock’n’Roll gehört habe. Aus dieser Zeit ist auch etwas von den Everly Brothers dabei.

Würdest Du sagen, dass diese Platte widerspiegelt, wo Du heute im Leben stehst – musikalisch und persönlich?

Chris Norman: Na ja, es spiegelt nicht so sehr wider, wo ich heute stehe. Aber es spiegelt die Musik wider, die ich gehört habe und die meinen Musikgeschmack geprägt hat – und die dann natürlich auch die Songs beeinflusst hat, die ich selbst gesungen und aufgenommen habe. Das sind einfach Lieder, bei denen es so ist: Du sitzt im Auto, im Radio kommt einer dieser Tracks und du drehst nicht weiter, sondern denkst: „Oh, den mag ich“, und machst ihn lauter. Das sind all diese Songs, die genau diesen Effekt auf mich hatten.

Du machst ja nicht nur Coverversionen, sondern scheibst auch immer noch neue Musik. Was hält Dich am Laufen?

Chris Norman: Ich trete einfach immer noch total gerne auf. Und wenn ich live spielen will, muss ich aktuell bleiben. Ich brauche Songs, die für mich neu sind, damit wir auf der Bühne nicht nur alte Sachen spielen, von Smokie oder aus meiner Karriere, sondern auch neue Songs.
Deshalb schreibe ich weiter. Normalerweise ist es so: Alle paar Jahre habe ich genug Songs geschrieben, damit ich wieder ein Album machen will. In diesem Fall habe ich mich entschieden, kein Album nur mit neuen Nummern zu machen, sondern ein Album voller Songs, die mich beeinflusst haben – also anderer Leute Songs.

Die meisten Musiker in Deinem Alter machen einfach Best-of-Compilations oder Live-Aufnahmen. Denn heute ist es durchaus ein Risiko, neue Alben aufzunehmen.

Chris Norman: Das ist es definitiv. Die Leute kaufen Alben nicht mehr so wie früher, besonders in einer bestimmten Altersgruppe. Meine Fans sind natürlich eher älter, aber ich glaube, dass auch sie heute nicht mehr so viele Alben kaufen. Die Idee von Alben ist etwas, das wahrscheinlich erst so richtig mit den Beatles angefangen hat. Die waren die erste Band, die Alben wirklich groß gemacht hat und dann sind andere nachgezogen. Für uns war es selbstverständlich, dass Alben der richtige Weg sind: Du machst eine Platte, du hast eine Hit-Single, und dann folgt ein Album. Aber es war nicht immer so. Vor den Beatles haben sehr wenige Künstler Alben gemacht.

Das stimmt. Es war früher eher eine Single-Zeit.

Chris Norman: Richtig, es waren die Singles, die Album-Bands kamen erst später. Das ist inzwischen wieder so ziemlich verschwunden. Nicht, dass niemand mehr Alben aufnimmt, aber es ist nicht mehr so wichtig wie früher, ein neues Album zu machen. Die Leute können die einzelnen Songs streamen und müssen nicht das ganze Album hören. Sie picken sich die raus, die ihnen gefallen, streamen sie. Früher mussten sie das ganze Album kaufen.

Und mussten sich durchhören.

Chris Norman: Genau und manchmal wurden Songs übersprungen: „Den mag ich nicht, den überspring ich.“ Das haben die Leute immer gemacht. Heute müssen sie das nicht. Sie streamen einfach nur das, was sie wollen. Und wenn ihnen ein Album gefällt, suchen sie sich drei oder vier oder sechs oder wie viele Songs auch immer davon raus und streamen die. Also sind die Albumverkäufe nicht mehr wie früher. Die Plattenindustrie ist nicht mehr, wie sie war. Also muss man als Künstler mit der Zeit gehen. Du musst dich von der alten Vorstellung lösen: „Oh, ich muss jetzt ein Album machen.“ Aber für mich ist das Wichtigste – abgesehen davon, ein Album wie dieses zu machen – frisch zu bleiben, also neue Songs zu haben, die ich in die Setlist packen kann, wenn ich live spiele. Wenn ich auf Tour gehe.

Diese Setlists müssen aber herausfordernd sein, oder? Wie stellst Du die bei den vielen Hits zusammen?

Chris Norman: Es ist immer ein bisschen schwierig. Denn wenn du ein Album draußen hast, willst du immer auch ein paar neue Songs ins Programm nehmen. Und wenn es brandneue Songs sind, ist das eine knifflige Sache: Wo platzierst du sie in der Show? Denn wenn du auf der Bühne bist und die Leute sind so: „Oh, ich mag den Song, ich erinnere mich an den und den…“ und dann sagst du: „Und das ist ein neuer.“ Dann musst du aufpassen, dass du ihnen nicht zu viele neue Songs auf einmal gibst, sonst verlieren sie vielleicht das Interesse. Schließlich gehen die Leute zu einem Konzert und möchten die Songs hören, die sie lieben. Also ist es immer eine Herausforderung, die Setlist auszubalancieren: Wo kommen die neuen hin, wo bleiben die alten? Es ist gut, die Hits in der Hinterhand zu haben: „Okay, jetzt spiele ich diesen, der war 1979 ein Hit“ oder so. Aber ich brauche auch die neuen, um es für mich selbst frisch zu halten und um aktuell zu bleiben. Vor jeder Tour setze ich mich hin und schaue: „Soll ich den wieder spielen oder lasse ich den jetzt mal raus und ersetze ihn durch einen neuen?“ Es ist immer schwer zu wissen, ob die Balance stimmt.

Bei vielen Bands gibt es diese Best-of-Shows. Und manchmal beobachte ich: Selbst ältere Leute erwarten einfach nur alle Hits. Wenn dann ein Song kommt, der nicht so bekannt ist, verlieren sie sofort das Interesse. Da sind sie auch nicht aufnahmefähiger oder konzentrierter als die jungen Leute. Ich glaube, das ist wirklich schwer für Künstler, diese Setlists zusammenzustellen.

Chris Norman: Die Sache ist aber: Du musst dir die Songs von den Alben rauspicken, von denen du selbst denkst, dass sie wirklich gut sind. Es gibt Lieder in meinem Set, die ich ziemlich regelmäßig spiele – die waren nie Hits. Das sind einfach Songs von Alben, die ich über die Jahre gemacht habe. Und da gibt es bestimmte, die trotzdem immer gut ankommen, weil Leute sie lieben, auch wenn sie keine Hits waren. Aber ja, es stimmt: Viele Leute konzentrieren sich auf die großen bekannten Songs. Und man sieht das auch daran, wie viele Tribute-Bands es gibt.

Da ist etwas dran.

Chris Norman: Denn Tribute-Bands gehen raus und nennen sich dann „Spirit Of Smokie“ oder „The Drifters“ oder wie auch immer.

Oder „Pink Floyd Experience“ oder „Genesis Tribute Band“…

Chris Norman: Genau, und die Leute gehen hin, weil sie die Songs hören wollen. Es ist ihnen egal, wer die spielt.

Mittlerweile gibt es da sogar Avatare.

Chris Norman: So ist es heute. Früher sind Leute auf Tour gegangen, um das neue Album zu hören, um alle Songs vom neuen Album live zu erleben. Ich erinnere mich: Ich habe vor Jahren die Kinks in Los Angeles gesehen, in Santa Monica. Und ich habe darauf gewartet, dass sie „Waterloo Sunset“ spielen oder „All Day And All Of The Night“ und sie haben die erste Stunde einfach nur das neue Album gespielt.

Denen war es egal. Irgendwie cool, sowas zu machen. Das ist herausfordernd, manchmal auch für das Publikum.

Chris Norman: Ich saß da und dachte: „Okay“. Welches Album war das überhaupt? „The Kinks Are The Village Green Preservation Society“ glaube ich. Das war das Album, das sie damals hatten, und sie haben das komplette Album gespielt. Und ich sitze im Publikum und denke: „Komm schon – was ist mit „Waterloo Sunset“? Was ist mit „Dedicated Follower of Fashion“? Und sie haben es nicht gespielt. Sie haben einfach das ganze Album gespielt, und in den letzten 15 Minuten gab es ein Medley der Hits, das war’s. Ich glaube, Leute wollen bei einem Konzert die Songs hören, die sie kennen und lieben. Ich habe Paul McCartney ein paar Mal gesehen, und der verteilt das gut: Er spielt viel Beatles, viel Wings, und dann wirft er ein paar neue Sachen rein. Ich glaube, so gefällt es dem Publikum am besten – es zu mischen.

In 70ern, als er mit Wings auf Tour war, hat er keine Beatles-Songs gespielt oder nur zwei oder drei.

Chris Norman: Am Anfang, als er mit den Wings angefangen hat, hat er das gemacht. Ich glaube, er dachte: „Ich kann jetzt mit dieser neuen Band rausgehen.“ Aber natürlich…

Natürlich wollten die Leute die Beatles-Sachen hören.

Chris Norman: Die Leute rufen dann „Paperback Writer“ oder was auch immer. Also musste er nachgeben. Und heute macht er das so: Ganz, ganz viel Beatles und Wings, und dann schiebt er vielleicht drei oder vier Songs vom neuen Album dazwischen.

Ich habe ihn vor zehn Jahren hier in Düsseldorf gesehen – das war wirklich ein großartiges Konzert. Wenn wir auf Deine ebenfalls unglaubliche Karriere schauen: Was sind für Dich die „Lifelines“, die Wendepunkte?

Chris Norman: Wendepunkte sind immer die Dinge, die alles verändern. Und das Erste, das alles verändert hat, war für uns, professionell zu werden als Band. Wir haben als Kinder angefangen, Alan Silson, der Gitarrist, und ich. Wir waren etwa 15, das war 1965. Und wir haben gespielt, weil es Spaß gemacht hat, es war unser Hobby. Dann haben wir immer mehr gespielt, die Band wurde zusammengestellt, und 1968 sind wir professionell geworden – also ab da an war es ein Vollzeit-Job. Das war ein großer Wendepunkt: Diese Entscheidung zu treffen, „Wir ziehen das durch.“ Und wenn wir dafür hungern und im Van schlafen müssen – was wir am Anfang oft gemacht haben – dann ist das eben so. Ein weiterer Wendepunkt war der erste Hit. Es fing in England an mit „If You Think You Know How to Love Me“, das war 1975 unser erster großer Hit. Dann ging es durch Europa und in andere Teile der Welt. Das ist ein Wendepunkt, weil du plötzlich berühmt wirst. Das verändert dein Leben: Du verdienst ein bisschen Geld, das du vorher nie hattest, und du fängst an, Länder zu bereisen.

Du warst damals auch verheiratet, oder? Du hast 1970 geheiratet. Also hattest Du schon eine Familie, und dann kam der ganze Ruhm. Das war ja eher ungewöhnlich, oder?

Chris Norman: Ich war sehr jung, als ich geheiratet habe. Ich hatte zwei Söhne, als ich dann auf Tour war und überall hingefahren bin. In den 70ern war ich kaum zu Hause. Ich war ständig unterwegs – Touren, Alben aufnehmen, was auch immer. Aber es hat funktioniert. Wenn ich zu Hause war, war ich wirklich „voll zu Hause“. Ich bin nicht dauernd ausgegangen oder so. Aber ja, ich habe sehr jung geheiratet, sehr jung eine Familie bekommen und gleichzeitig die Musik gemacht.

Und dann kam diese Reihe großer Hits – und nicht zu vergessen der Hit mit Suzi Quatro „Stumblin‘ In“. Anfang der 80er hattest Du dann genug vom Touren und Unterwegssein mit Smokie.

Chris Norman: Um 1980 haben der Drummer und ich entschieden, dass wir erstmal nicht mehr touren wollen. Du musst Dir vorstellen: Wir waren bis dahin schon zwölf Jahre lang sehr viel auf Tour, ständig Gigs, überall. Es kam der Punkt, wo wir dachten: Wir wollen das eine Zeit lang nicht mehr, weil wir mehr Zeit haben wollten, es auch zu genießen. Du kannst erfolgreich sein und Geld verdienen, aber wenn du nie Zeit hast, anzuhalten und es zu genießen, ist das schwierig. Also haben wir eine Pause eingelegt und nicht mehr viel mit Smokie gemacht. Es gab noch ein Album so um ’82 herum, aber von da an haben wir eigentlich nicht mehr viel gemacht. Jeder von uns hat dann verschiedene Projekte gehabt: Ich habe ein paar Solo-Platten gemacht, die Jungs andere Sachen gemacht, produziert und so weiter. Und dann sind wir Mitte der 80er wieder zusammengekommen wegen der Valley-Parade-Feuerkatastrophe in Bradford im Fußballstadion.

Ja, ich erinnere mich – schrecklich.

Chris Norman: Ja, das war unsere Heimatstadt. Wir wurden gebeten, eine Charity-Show dafür zu machen. Also kamen wir 1985 wieder zusammen und spielten ein Konzert. Dann kamen natürlich Leute und meinten: „Wie wäre es, wieder auf Tour zu gehen?“ Also sind wir so um ’85 wieder aufgetreten – etwa ein Jahr. Wir haben Deutschland gemacht, Australien, und noch andere Orte. Und in dieser Zeit habe ich dann „Midnight Lady“ aufgenommen.

Mit Dieter Bohlen.

Chris Norman: Ja. Das war der Punkt, der mich dazu brachte, die Band komplett zu verlassen, weil ich plötzlich alles doppelt machen musste. Auf Tour mit Smokie – und dann auch solo als Chris Norman. Das war zu viel. Ich wäre nie zu Hause gewesen. Also musste ich mich entscheiden – und ich habe mich für die Solokarriere entschieden.

Was glaubst du: Was wäre passiert, wenn Du Dich entschieden hättest, bei Smokie zu bleiben?

Chris Norman: Wahrscheinlich hätte ich weiter mit ihnen Erfolg gehabt. Smokie ist ja ohne mich auch weitergelaufen. Es gab dann nur noch zwei ursprüngliche Mitglieder. Pete war weg, der Drummer Pete Spencer war weg, ich war weg. Es blieben Alan und Terry, sie haben andere Musiker dazu geholt, weiter getourt und ein paar Platten gemacht. Das ging so weiter.

Ich glaube, die touren heute immer noch.

Chris Norman: Ja, aber bei der Band, die heute tourt, ist niemand mehr von damals dabei. Alan ist in den 90ern gegangen, dann hat Terry mit neuen Musikern weitergemacht. Er ist vor etwa fünf Jahren gestorben. Ich dachte, dann hören sie auf, haben sie aber nicht. Sie machen weiter. Also es gibt immer noch eine Gruppe namens Smokie. Ich nenne sie nicht Smokie.

Das ist nicht wirklich Smokie.

Chris Norman: Genau, es sind einfach ein paar Jungs, die sich weiterhin Smokie nennen. Und die Leute gehen hin. Wie ich vorhin sagte: Solange sie die Hits spielen, gehen die Leute hin, weil sie diese Songs hören wollen.

Und manche merken das nicht einmal.

Chris Norman: Sie merken es nicht. Ich werde manchmal angehalten und jemand sagt: „Oh, ich habe dich 1993 irgendwo mit Smokie gesehen.“ Und ich sage: „Nein, hast du nicht.“

Hast Du jemals eine Show von dieser neuen Smokie-Version gesehen?

Chris Norman: Nicht von der ganz neuen Combo. Ich habe sie auf YouTube gesehen. Aber ich habe sie ein paar Jahre nach meinem Ausstieg mal live gesehen, weiß nicht mehr wo. Damals waren Alan und Terry noch dabei, da war also noch „halb Smokie“ drin. Und da war ein Sänger dabei, Alan Barton, den ich gut kannte.

Er ist dann tragischerweise gestorben.

Chris Norman: Ja, er ist bei einem Autounfall bei Köln gestorben. Also das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, das war in den frühen 90er-Jahren. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen, außer auf YouTube.

Wenn Du zurückblickst: Würdest Du sagen, die meisten Deiner Entscheidungen waren gut für Deine Karriere? Oder gibt es welche, die Du heute anders treffen würdest?

Chris Norman: Es gibt ein paar Dinge, die ich nicht noch mal so machen würde. Einige Platten würde ich nicht noch mal so aufnehmen. Aber wenn du mitten drin bist, denkst du: „Das könnte gut sein, das könnte funktionieren“, und dann machst du es. Und hinterher denkst du: „Das Album mochte ich nicht so. Das war nicht wirklich das, was ich machen wollte.“ Das würde ich ändern. Es gab auch die Zeit, als „Stumblin‘ In“ in Amerika ein großer Hit war. Und ich wurde gebeten, mit Suzi Quatro auf Tour zu gehen, Promotion zu machen, große TV-Shows und so. Aber ich war damals noch so beschäftigt mit Smokie. Und wenn du in Amerika Promotion machen willst, musst du monatelang dort sein. Ich habe damals gesagt: „Nein, das kann ich im Moment nicht.“ Und Suzi Quatro ist darüber bis heute noch sauer.

Ich habe sie vor ein paar Monaten gesehen, und sie hat den Song mit einem anderen Sänger gespielt.

Chris Norman: Mit irgend so einem Typen aus ihrer Band. Klar macht sie das, ich spiele den Song ja auch immer noch live.

Es ist so ein großer Song. Man wäre ja blöd, ihn nicht zu spielen.

Chris Norman: Eben. Und „Stumlin‘ In“ hat ein neues Eigenleben bekommen, weil es kürzlich in einem Film namens „Licorice Pizza“ war.

Ja, den Film habe ich gesehen. Der ist wirklich gut.

Chris Norman: Er war auch in einer Netflix-Serie, ich glaube, die hieß „Dahmer“, über diesen Serienkiller. Dann gab es noch einen Australier namens Cyril, der eine Dance-Version aufgenommen hat. Der hatte Millionen Streams und Views damit. Also wurde das nochmal eine ganz eigene Geschichte, weil die Leute den Song plötzlich wieder wahrgenommen haben. Das ist lustig, denn der Song hat irgendwie sein eigenes Leben.

Ich glaube, jeder kennt diesen Song. Er ist überall.

Chris Norman: Und ich spiele ihn live, und er funktioniert immer. „Here we go, stumbling in…“ – das ist großartig.

Du hast wieder eine Tour vor Dir. Was können die Fans erwarten – natürlich alle Hits.

Chris Norman: Ich habe die Setlist noch nicht komplett ausgearbeitet, aber ich habe bis vor zwei Tagen noch Shows in Irland gespielt. Da hatten wir eine Mischung aus allem. Wir haben nicht so viel vom neuen Album gespielt, weil es noch gar nicht draußen ist – es kommt erst im März (Das Interview wurde vor der Veröffentlichung von „Lifelines“ im Februar geführt. Anm. der Redaktion). Deshalb habe ich nur ein paar gebracht: den Titelsong und vielleicht ein oder zwei weitere vom Album. Den Rest nicht. Also war die Setlist eine Mischung aus Smokie- und Solo-Material. So ähnlich wird es auch sein, wenn ich im Herbst in Deutschland spiele: eine Mischung aus Smokie-Songs, Sachen wie „Stumblin‘ In“, „Midnight Lady“, eigene Songs – und dann werde ich auch einige Songs vom Album spielen. Ich weiß noch nicht wie viele. Aber das Schöne an diesem Album ist: Die Songs sind bekannt, es sind meine Versionen davon. Es ist also nicht so, dass ich sage: „Jetzt kommt ein Song, den Ihr noch nie gehört habt.“ (lacht).

Die Vielfalt auf dem Album ist wirklich erstaunlich.

Chris Norman: Ich werde eine Mischung spielen – definitiv einige neue Sachen, einige alte Smokie-Songs, einige alte Solo-Songs. Es wird eine Zwei-Stunden-Show. Und es wird eine Mischung aus allem, etwas für jeden.

Was mir auffällt: Du hast immer noch diese raue, markante Stimme. Wie pflegst Du sie?

Chris Norman: Ich gurgle jeden Tag mit Rasierklingen (lacht).

Ja, wir haben gewettet, dass du das tust.

Chris Norman: Spaß beiseite: Meine Stimme ist so, wie sie ist, weil ich über die Jahre so viel gesungen habe. In den frühen Tagen habe ich Sachen wie Little Richard gesungen, da habe ich richtig geschrien. Und ich glaube, das hat meine Stimme so geformt, wie sie heute klingt. Und glücklicherweise – ich klopfe auf Holz, wenn ich irgendwo Holz finde – ist meine Stimme noch da. Gott sei Dank. Je älter man wird, desto größer ist die Chance, dass sie eines Tages nicht mehr da ist. Aber im Moment habe ich Glück. Ich kann noch ziemlich so singen wie immer. Und das ist wirklich ein großes Glück, weil ich viele Leute in meinem Alter kenne, die das nicht mehr können. Ich habe Angst davor, dass mir das passiert. Aber bisher ist es nicht passiert. Ich mache weiter, bis es passiert, und dann höre ich auf. Wenn ich nicht mehr singen kann, sage ich: „Okay, das war’s.“ Ich gehe nicht raus und mache mich zum Idioten.

Das machen nicht alle so.

Chris Norman: Ich weiß. Ich finde aber, sie sollten definitiv aufhören.

Also kein Training, keine Warm-ups?

Chris Norman: Nein, das mache ich nicht. Der Soundcheck ist mein Warm-up. Ich gehe nicht in die Garderobe und mache „wobble wobble“ oder was auch immer. Das habe ich noch nie gemacht. Aber ich mache vor jeder Show einen Soundcheck, und der dauert meist 45 Minuten bis eine Stunde, manchmal länger. Und ich singe dabei. Das bringt meine Stimme in Form, bevor ich auf die Bühne gehe. Wenn ich das nicht mache, ist es am Anfang manchmal etwas eng, und dann brauchst du 20 Minuten, bis es wieder da ist, wo es sein soll. Also: Soundcheck ist mein Warm-up. Keine komischen Geräusche in der Garderobe.

Wir dachten, Du rufst Rod Stewart an und Ihr schreit Euch eine Stunde lang an.

Chris Norman: Rod Stewart hat vor ein paar Jahren einen Song von mir gebracht, als Duett mit Bonnie Tyler: „Battle Of The Sexes“.

Oh, großartig.

Chris Norman: Ich habe ihm ein Demo geschickt, er mochte es, und dann hat er es mit Bonnie aufgenommen.

Cool, drei raue Stimmen. Ihr könntet Euch echt zusammentun.

Chris Norman: Drei Nebelhörner…

Zu etwas ganz anderem: Ich weiß nicht, ob Du das noch machst. Du hast das Kinderhospiz in Mitteldeutschland unterstützt.

Chris Norman: Ja.

Machst Du das noch?

Chris Norman: „Noch“ klingt so, als wäre ich jeden Tag damit beschäftigt. Bin ich nicht. Denn es gibt nicht viel zu tun. Der ursprüngliche Plan war, dieses Hospiz aufzubauen, und da habe ich damals etwas gemacht: ein paar Gratis-Konzerte, Charity, ein paar Auftritte. Aber jetzt, wo alles läuft, habe ich schon länger nichts mehr gemacht. Wenn sie mich wieder fragen würden, würde ich es wahrscheinlich tun, aber sie haben sich eine Weile nicht gemeldet. Und ich denke, das liegt daran, dass es jetzt läuft. Es ist jetzt aufgebaut und in Betrieb.

Was waren die Gründe, warum sie Dich ursprünglich gefragt haben?

Chris Norman: Ich weiß nicht, warum sie ausgerechnet mich gefragt haben, aber sie haben mich über mein Management angefragt. Ich habe ein Kind verloren. Er war kein Kind mehr, als er starb, aber er war Anfang 30, als er bei einem Motorradunfall ums Leben kam – Brian, mein ältester Sohn. Ich kenne diese Härte, diesen Schmerz, ein Kind zu verlieren. So soll es nicht sein, dass Eltern länger leben als ihre Kinder. Es war für mich und die ganze Familie, meine Frau und alle, wirklich verheerend. Also ich kenne dieses Gefühl. Als sie mir erzählten, es soll ein Hospiz für Kinder sein, die unheilbar krank sind. Die Idee ist, dass die Eltern in den letzten Tagen bei ihnen sein können. Dass es einen Ort gibt, wo die Eltern bleiben können, während sie bei ihren Kindern sind, in deren letzten Lebenstagen. Und das klang für mich nach einer sehr guten Charity, bei der man mitmachen sollte. Deshalb habe ich das gemacht.