Walzerkönig André Rieu spricht in prisma über den Popstar Mozart, wie ein Walzer die Welt ein wenig besser machen könnte und warum er am liebsten mit Bruce Springsteen auf der Bühne stehen möchte.

André Rieu begeistert mit seiner Musik ein Millionenpublikum. Der Violinist und Entertainer hat mehr als 40 Millionen Alben und DVDs verkauft – und versteht es wie kaum Zweiter, die Menschen mit populären klassischen Melodien zu berühren. Das 30jährige Jubiläum der Gründung seines Johann Strauss Orchesters feierte Rieu Anfang Juli mit einem besonderen Sommerkonzert auf dem mittelalterlichen Stadtplatz seiner Heimatstadt Maastricht. Zehntausenden Fans aus der ganzen Welt wurde ein begeisterndes Musikerlebnis geboten. In Deutschland wird das Maastricht-Konzert 2017 am 30. Juli in über 170 Kinos zu sehen sein. 2018 kommt Rieu wieder auf Tournee.

Auf was dürfen sich die Kinobesucher am 30. Juli freuen?

Überraschungen verrät man nicht. Aber was ich versprechen kann ist, dass sie einen tollen Abend erleben werden. Es werden internationale Solisten auftreten, und es gibt viele wunderschöne Musik: eine herrliche Mischung aus Walzern, bekannten Arien aus Oper und Operette und Melodien aus Film und Musical.

Sie haben einen "magischen Abend" angekündigt ...

Im Publikum wird gelacht und geweint, geschaukelt und getanzt. In England werden unsere Maastricht Konzerte seit Jahren im Kino gezeigt. Dort sogar im Kinosaal Walzer getanzt! Das rührt mich total.

Was macht den Reiz dieses Sommerkonzertes aus?

Maastricht ist so unglaublich romantisch, besonders der "Vrijthof". Dieser Platz mit der wunderbaren Architektur und den vielen gemütlichen Terrassen ist der beste Platz für Open Air Konzerte. Auch das tolle Publikum trägt zur einzigartigen Atmosphäre bei. 100.000 Menschen reisen jedes Jahr aus der ganzen Welt an.

Der Klassik haftet mitunter ein elitäres Etikett an. Bei Ihren Konzerten indes ist es "Klassik für alle", ohne Berührungsängste. Ist es an der Zeit, die Trennung von E- und U-Musik zu überwinden?

Oh ja, absolut! Ich mag diese Trennung überhaupt nicht. Für mich gibt es keine E- oder U-Musik. Ein großer Teil der Musik ist dazu da, uns zu unterhalten. Mozart muss ein richtiger Popstar gewesen sein. Würde er heute leben, müsste er sicher jeden Tag Autogramme schreiben - und es gäbe Poster von ihm in vielen Mädchenzimmern.

Sie sind zuallererst Musiker, dann Dirigent, aber auch Conferencier. Welches ist Ihre liebste Rolle?

Von Haus aus bin ich Geiger. Ich kann wirklich all meine Gefühle in die Geige legen und leidenschaftlich spielen. Mit meiner Geige kann ich das "übersetzen", was in mir drinnen ist. Aber auch als Dirigent bringt man ja sein eigenes Temperament mit auf die Bühne. Man hat dann nur ein etwas größeres "Instrument" – das ganze Orchester. Die Rolle des Conferenciers ist mir aber genau so wichtig, da ich in dieser am leichtesten den Kontakt zum Publikum herstelle.

Wenn man sich die Maastricht-Konzerte der letzten Jahre anschaut, sieht man ein begeistertes, tanzendes, euphorisiertes Publikum ...

Ich denke, es liegt vor allem an der Art und Weise wie wir die Musik spielen. Alle Mitglieder meines Orchesters spielen mit ihrem ganzen Herzen, alle haben Spaß. Das überträgt sich auf das Publikum. Es gibt nicht den klassischen Abstand zwischen Bühne und Zuhörern.

Skandale kennt man bei Ihnen nicht. Sie sind von Kindesbeinen an Ihrer Heimatstadt Maastricht verbunden. Und Ihre Ehefrau Marjorie kennen Sie seit einem halben Jahrhundert. Ihr Erfolgsrezept?

Vielleicht gerade dank der vielen Reisen (lacht). Neben unserem privaten Glück haben wir aber auch das Glück, zusammen arbeiten zu können. Vielleicht ist das das Geheimnis. Marjorie hat den leichten Ton in meine Musik und damit in mein Leben gebracht. Ohne meine sie würde ich bestimmt in der Gosse liegen.

Keine Party, kein roter Teppich?

Ich mag einfach keine Partys und schon gar keine roten Teppiche. Ich bin fünffacher Großvater. Das ist fantastisch und mir viel wichtiger. Wenn ich auf Tour bin, vermisse ich meine Enkel sehr.

Sie geben rund 100 Konzerte auf allen fünf Erdteilen im Jahr. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Meine Heimat ist das nach Hause kommen, Ruhe suchen und finden bei meiner kleinen Familie, also Marjorie, die Kinder und meine Enkel. Meine große Familie sind die Mitglieder des Orchesters. Da wir ja oft unterwegs sind, teilen wir unsere Sorgen und Gefühle miteinander.

Wenn man das größte private Orchester der Welt führt, ist man ja eher Chef eines mittelständischen Unternehmens denn ein Künstler. Drückt da auch die Last der Verantwortung?

Die Hauptsache ist immer noch die Musik, darum geht es. Ich sehe mich an erster Stelle als Künstler, nicht als Unternehmer. Aber ich fühle selbstverständlich auch eine große Verantwortung für meine Mitarbeiter, das stimmt.

Ich habe einen Personal Trainer, der mit mir Sport macht und auf meine Ernährung achtet. Außerdem ist es sehr wichtig, dass ich genügend Ruhe habe und nicht immer arbeite. Ich möchte ja noch sehr lange die Menschen mit unserer Musik glücklich machen.

In ihrem Orchester spielen Musiker aus über zehn Nationen. Hilft der ¾-Takt bei den Krisen rund um den Globus?

Davon bin ich überzeugt! Sie sagen es selber schon: Das Orchester besteht aus mehr als zehn Nationen, das Publikum letztes Jahr in Maastricht kam aus rund 80 Ländern! Musik ist eine internationale Sprache. Man braucht keine Worte, um sich zu verstehen. Der magische Takt des Walzer hat alles in sich, was notwendig ist, um die Menschen zu vereinen.  Die Welt würde anders aussehen wenn alle Menschen Musik machen.

Bach, Beethoven und Mozart waren die Begleiter Ihrer Jugend. Gab es nie einen Ausbruch, die Lust auf Rock'n'Roll?

Diese Musik habe ich nie gekannt. In meinem Elternhaus gab es nur klassische Musik. Ich habe erst Bekanntschaft mit den Beatles gemacht, als die Herren bereits mit ihrer Auflösung beschäftigt waren (lacht). Eben Rachmaninov statt Rock'n'Roll, Bruckner statt Beatles.

Mit wem würden Sie gerne auf der Bühne stehen?

Es ist immer ein Traum von mir gewesen, mit Bruce Springsteen auftreten zu dürfen. Mein Gott, hat dieser Mann eine Energie! Er ist so alt wie ich, aber auf der Bühne springt er herum wie ein junger Hase. Ich bin nicht eifersüchtig, aber was der Kerl macht, ist wirklich bewundernswert. Ich bekomme ein herrliches Gefühl wenn ich "Dancing in the dark" höre.

Sie werden im Herbst 68. Denkt man da ans Aufhören?

Aufhören ist nur für diejenigen, die ihren Job nicht mögen - damit sie endlich machen können, wovon sie träumen. Aber ich habe so viel Spaß an dieser Lebensart, dass ich hoffe, es ist noch lange möglich Menschen aus aller Welt mit meiner Musik glücklich zu machen.

Das Gespräch führte Matthias M. Machan.