Josef Bierbichler, der am 26. April 70 Jahre alt wird, gibt nicht gern Auskunft über sich und seine Arbeit. Wenn aber doch, wie jüngst in der Dokumentation "Seeuferblues" von Andreas Lechner zu seinem Spielfilm "Zwei Herren im Anzug", dann so mürrisch wie überaus präzise. "Bierbichler", das Porträt von Regina Schilling, das der Bayerische Rundfunk nun zum 70. Geburtstag des schauspielerischen Urgesteins sendet, ist eine Wiederholung früheren Datums. Aber überflüssig ist es deswegen nicht. Man wird noch einmal mit der längst nicht abgeschlossenen Lebensleistung Bierbichlers konfrontiert. Seine Theater- und Film-Sternstunden, vielfach preisgekürt, sind in der Suche nach neuen Wegen begründet, radikal gegenüber sich selbst und seinem Publikum. Wenn er im Film sagt, dieses sei ihm "wurscht", so bedeutet das allenfalls, dass er nicht von Gefallsucht angeleitet sei. Ein Wiedersehen mit Freunden, die den Schauspieler und Autor begleitet haben, darunter Herbert Achternbusch, Werner Herzog, Tom Tykwer und Luisa Francia.

"Endlich Holz hacken auf der Bühne", das ist der Traum des (1948 geborenen) Bauern- und Gastwirtssohns vom Starnberger See (wo man schon immer etwas Besseres war als im Hinterland). 2006, nachdem er längst einen Abschiedsbrief an die Münchner Kammerspiele und damit an das Theater schlechthin geschrieben hat, haut Bierbichler in der Berliner Schaubühne – meist mit einem Hieb – ganze Baumstämme entzwei. Im Stück "Holzschlachten. Ein Stück Arbeit" spielt er einen KZ-Arzt, der seine Untaten sühnen will. Er wolle, so sagt er, endlich zeigen, was es bedeute, künstlerische Arbeit zu leisten. Die Bäume hat er zuvor selbst noch daheim am Starnberger See gefällt.

Der Arbeiter und Bauer als Künstler – nie zuvor haben sich die zwei Klassen so stark berührt wie hier. Es ist eine aberwitzige Komik, die Bierbichler zelebriert. Er hat seine ganze Wut über die Vergeblichkeit der Kunst, über die Eitelkeit des Theaters in diese Aktion gepackt. Und er zeigt die Wut über die Erkenntnis, dass auch nach Auschwitz und dem vermeintlichen 1.000-jährigen Reich noch immer keine wirklich humane Gesellschaft zu verwirklichen war.

Dass Bierbichler beim Holzhacken die schrecklichen Erfahrungen eines Auschwitzarztes wiedergibt und nun doch in der "Rolle" daliegt wie ein Gekreuzigter, hat ihm nicht gerade die Sympathie der Kritik eingetragen. Die Selbstinszenierung trieb ihn wieder einmal pfeilgrad in den Status des Außenseiters.

In der Jugend schon hatte er Hamlet-Monologe beim Ausmisten im Kuhstall gesprochen. Er wollte endlich was Besseres als "nur" Landwirt sein, so wie sein Vater schon in der sechsten Generation. Im Grunde ein Tabubruch, wie später seine Theaterstücke und Filme. Die 70er-Jahre werden hier noch einmal höchst lebendig, als er mit Herbert Achternbusch in Filmen wie "Bierkampf" und "Servus Bayern" gegen die Etablierten anarchisch zu Felde zog. Was für ein Schock für die braven Eltern, die damals den Film besuchten!

Weggefährten wie Werner Herzog und Achternbusch, aber auch die Freundin Luisa Francia, legen beredtes Zeugnis ab von jener Zeit, aus der so wenig übrig blieb. Heute sind sie furchtbar zerstritten, der Herbert und der Sepp, der mit ganz hohler Stimme sagt, das da nix mehr geht: "Nie wieder."


Quelle: teleschau – der Mediendienst