Schafsperspektive

Schauspieler als Schaf: Merlin Sandmeyer in der Serie "Sheep"

03.08.2026, 12.24 Uhr
Die ZDF-Serie "Sheep" lotet mit prominenten Stimmen wie Merlin Sandmeyer die Tiefen des Schafsalltags aus und stellt Fragen zur Gesellschaft und Work-Life-Balance.

Merlin Sandmeyer war bereits einer der interessantesten deutschen Theaterstars – als ihn die Rolle des tollpatschigen Ladendetektivs in der Kultserie "Die Discounter" noch mal deutlich bekannter werden ließ. In der ungewöhnlichen ZDF-Serie "Sheep" (bereits im Stream oder am Montag, 24. August, 0.00 Uhr, im ZDF) spielt der 36-jährige Wahl-Hamburger nun die Hauptrolle. Oder sollte man besser sagen: Er entwickelte sie zusammen mit einem realen Schaf?

prisma: War "Sheep" Ihre erste Rolle als Tier?

Merlin Sandmeyer: Nein, ich habe schon Tiere im Theater gespielt. Da gibt es ein paar Klassikerrollen. In "Hundeherz" von Michail Bulgakow verwandelt sich ein Hund in einen Menschen. Das war sogar das erste Theaterstück, in dem ich gespielt habe. Außerdem fällt mir spontan noch die wichtige Rolle des Esels in "Ein Sommernachtstraum" von Shakespeare ein.

prisma: "Sheep" ist eine ungewöhnliche Tierserie. Schafe werden in ihrem Alltag gefilmt und ihre Münder digital an sehr menschliche Dialoge angepasst. Kann man das so sagen?

Sandmeyer: Ja. Den Text gab es zuerst, dann entstanden die Tieraufnahmen. Wir haben als Sprecher mit den unbearbeiteten Tierszenen gearbeitet. Danach wurden die Mundbewegungen der Schafe digital an die Arbeit der Sprecherinnen und Sprecher angepasst – und umgekehrt. Es war eine Art des aufeinander Zubewegens. Die Mundbewegungen der Schafe passten sich dem Text an, ich als Sprecher aber auch der Physiognomie der Schafe.

"Es geht um Vereinzelung und das Leben im Kollektiv"

prisma: Wie seltsam ist dieser Prozess?

Sandmeyer: Es ist auf jeden Fall eine größere Transferleistung, sich als Schauspieler in ein Schaf hineinzudenken. Schafe haben eine für uns doch eher gewöhnungsbedürftige Mimik und Bewegungsabläufe. Hinzukommt, dass man im Synchronstudio meistens alleine arbeitet und auf sich gestellt ist, also ohne Mitspieler arbeitet. In der Regel liegt das an Terminschwierigkeiten, vor allem bei einem so prominenten Ensemble. Immerhin war ich einmal gemeinsam mit Jella Haase im Studio, das war ganz toll.

prisma: Worum geht es in "Sheep" eigentlich?

Sandmeyer: Oh, das ist meiner Meinung sehr vielschichtig. Vordergründig wird vom Fleischkonsum erzählt. Man wohnt einer Geschichte bei, in der die Hauptfiguren Angst davor haben, getötet und gegessen zu werden. Das ist der Thriller-Aspekt. Darüber hinaus geht es darum, wie wir miteinander leben wollen. Es geht um Vereinzelung und das Leben im Kollektiv. Die Serie erzählt von Individualismus, aber auch von der Verantwortung für die Gruppe und die Gesellschaft.

prisma: Hat die Serie Ihre Sicht auf Ernährung und Fleischessen verändert?

Sandmeyer: Sie ist mir schon sehr nahe gegangen. Ich schaffe es leider noch nicht ganz, auf Fleisch zu verzichten, versuche aber, möglichst wenig und ausgewählt zu essen. Ich war schon mal Vegetarier, bin dann aber ein bisschen rückfällig geworden. Trotzdem kaufe ich seitdem bewusster Fleisch. Nur jenes, von dem ich weiß, wo es herkommt und auch nur aus Bio-Produktion.

"Die Menschheit erinnert mich schon an eine Schafherde"

prisma: Das Autoren- und Regie-Duo kommt aus Österreich, dazu viele Sprecherinnen und Sprecher ... Bietet "Sheep" eine besonders österreichische Sicht auf die Welt?

Sandmeyer: Sprache und Humor sind schon stark vom Österreichischen geprägt. Ich habe ja auch eine Weile dort gelebt. Der Humor ist etwas anders als in Deutschland: etwas dunkler und man hat die Angewohnheit, in kurzen Sätzen viel auszudrücken. In "Sheep" geht es aber auch um die Dummheit des Schwarms oder der Herde. Wir reden gerne von Schwarmintelligenz, aber es gibt auch das gegenteilige Phänomen. Dass eine Gruppe dümmer ist als die Summe ihrer Mitglieder.

prisma: Sind wir Menschen ebenfalls Schafe, die sich in einer Art Autosuggestion erzählen, dass die Welt doch ziemlich in Ordnung ist – während um uns herum vieles den Bach runtergeht?

Sandmeyer: Diese Lesart steckt auf jeden Fall mit drin, aber natürlich auch die Aussage, dass Gruppen und ihre Mitglieder lernfähig sind. Dass "die Herde" neue Erkenntnisse gewinnen kann, die ihr Leben verändert. Die Menschheit erinnert mich schon an eine Schafherde. Dass wir alle gerne in eine Richtung laufen oder auch gemeinsam schnell unsere Meinung ändern, ohne Dinge zu hinterfragen. Menschen schlagen oft den einfachsten Weg ein. Einer, der uns "safe" erscheint. Dazu kann man sich in einer Herde gut verstecken, nach dem Motto: Was soll ich als Einzelner denn machen, zum Beispiel bezüglich des Klimawandels? Auch das erinnert mich an Schafe.

prisma: Und dabei fassen Sie sich selbst an die Nase?

Sandmeyer: Natürlich. Allein die Tatsache, dass ich es nicht konsequent schaffe, auf Fleisch zu verzichten, zeigt das ja. Ich bin auch öfter ein Schaf, das der Herde nachläuft. Da mache ich mir keine Illusionen.

"Als Schauspieler ist man nicht ganz frei"

prisma: Wie viel Schaf steckt im Beruf des Schauspielers?

Sandmeyer: Ein interessanter Gedanke. Als Schauspieler ist man dabei nicht ganz frei, sondern ein sozusagen abhängig Beschäftigter. Zum einen ist da die vom Drehbuch vorgegebene Rolle. Und dann gibt es noch die Regie, die diese Rolle interpretiert. Ich kann eine Figur nicht völlig anders spielen, als Buch oder Regie sie haben will. Trotzdem bin ich jemand, der Rollen gerne "anschrägt" oder darüber nachdenkt, ob man sie vielleicht ein wenig anders spielen könnte als man es erwarten würde. Ich glaube, dafür bin ich sogar ein bisschen bekannt.

prisma: Sie kommen von der Bühne und waren zuletzt einige Jahre im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters. Wie geht es mit Ihrer Karriere weiter?

Sandmeyer: Seit einem Jahr bin ich nur noch Gast am Thalia. Trotzdem haben wir uns auf eine weitere Zusammenarbeit geeinigt. Ich mache derzeit nur noch eine neue Produktion pro Spielzeit in Hamburg, wo ich ja auch lebe.

prisma: Sie sind als Schauspieler vor der Kamera gerade ziemlich am Kommen. Haben Sie am Theater reduziert, um mehr drehen zu können?

Sandmeyer: Ja, das ist schon der Grund. Ich habe Lust auf Film. So lange drehe ich auch noch gar nicht. Gegen 2020 oder 2021 habe ich angefangen. Die letzten Jahre bin ich zweigleisig gefahren, aber das ist sehr anstrengend. Auch Theater ist sehr zeitintensiv. Und wenn man dreht, ist man meistens für eine Weile komplett weg, also nicht für Vorstellungen verfügbar. Man kann eigentlich nicht beides intensiv gleichzeitig machen. Ich war zehn Jahre am Theater, deshalb habe ich jetzt gerade Lust auf das andere.

"Die Figuren stehen für Eigenschaften, die wir gut kennen"

prisma: Vermissen Sie die Bühne nicht?

Sandmeyer: Doch, schon. Deshalb will ich sie auf keinen Fall aufgeben. Es ist ein Unterschied zum Drehen einiger Szenen für einen Film, wenn man stattdessen sechs Wochen intensiv von morgens bis abends an einem Stück arbeitet und dann jeden Abend mit dem Ergebnis zwei Stunden auf die Bühne vor Publikum tritt. Es ist eine andere Art von Energie, die dabei durch den Körper fließt – und die will ich auch keinen Fall missen.

prisma: Sie spielten eine markante Rolle in der Erfolgsserie "Die Discounter". Ihr Durchbruch und der Grund, warum sie heute viele gute Angebote erhalten?

Sandmeyer: Ich hoffe, es liegt nicht nur an "Die Discounter", wenn man mir etwas anbietet (lacht). Aber klar: Es war die Rolle, die für mich den Durchbruch als Filmschauspieler bedeutete. Als wir 2021 mit dem Drehen der Serie begannen, war es ein kleines Projekt von sehr jungen Filmemachern. Man konnte nicht absehen, dass das so einen Kultstatus erlangen und vor großem Publikum laufen würde. Es freut mich natürlich – und es war mein Türöffner.

prisma: Warum hat diese schräge Serie so unerwartet viele Menschen mit ihrem Humor abgeholt?

Sandmeyer: Sie ist derbe, direkt und oft unter der Gürtellinie. Ich glaube, das ist der Grund, warum sie viele Jüngere schauen. Ich war eher überrascht, dass "Die Discounter" auch viele Ältere anspricht. Andererseits: Die Charaktere sind sehr nahbar, was am Mockumentary-Stil liegt. Die Welt, von der wir erzählen, ist sehr einfach. Jeder kann sich mit dem Ort Supermarkt identifizieren, da wir ja ständig dort sind. Hinzu kommt, dass die Figuren für Eigenschaften stehen, die wir ebenfalls gut kennen. Entweder von uns selbst oder von Menschen aus unserem Umfeld. Außerdem sind es Menschen, die oft scheitern – und dabei schaut man gerne zu.

prisma: In welcher Rolle wird man Sie als Nächstes erleben?

Sandmeyer: Das wird wahrscheinlich im Kino sein. Am 24. September startet die Neuverfilmung von "Emil und die Detektive" von David Dietl. Darin spiele ich Max Grundeis, den Bösewicht.

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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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