Filme & Serien, in denen Fremdscham richtig Spaß macht

21.01.2026
Fremdscham entsteht dann, wenn Menschen soziale Regeln missverstehen, überschreiten oder verzweifelt retten wollen. Diese Filme und Serien leben von genau diesen Momenten.
Filme & Serien, in denen Fremdscham richtig Spaß macht
Der Cast von "The Office"  Fotoquelle: picture alliance / Mary Evans Picture Library

The Office (USA, 2005–2013)

Der Alltag in einem völlig normalen Büro wird durch einen Chef zur Dauerbelastung. Steve Carell spielt Michael Scott als Mann, der unbedingt gemocht werden will und dabei zuverlässig jede soziale Situation falsch einschätzt. Lob wird zur Beleidigung, Witze kippen ins Unangenehme, Meetings werden zur Zumutung. Die Serie steigert Fremdscham nicht durch einzelne Gags, sondern durch das konsequente Ausstellen sozialer Blindheit.

Gut zu wissen:

  • Die Serie basiert auf dem UK-Original von Ricky Gervais, entwickelt aber schnell einen eigenen, noch unangenehmeren Ton
  • Viele Szenen leben von langen Pausen, Blicken in die Kamera und dem bewussten Nicht-Eingreifen der anderen Figuren
  • Ohne The Office gäbe es Stromberg nicht – aber Stromberg ist eine sehr deutsche Eskalationsstufe davon

Jungfrau (40), männlich, sucht... (USA, 2005)

Der Meister der Fremdscham, Klappe 2: Andy (Steve Carell) lebt ein ruhiges, ordentliches Leben und hat ein Geheimnis, das seine Kollegen unbedingt lösen wollen. Carell spielt ihn als höflichen, zurückhaltenden Mann, dessen Unschuld in Gesprächen über Sex immer wieder schonungslos offengelegt wird. Fremdscham entsteht aus dem Kontrast zwischen Andys Ernsthaftigkeit und der grenzenlosen Übergriffigkeit seines Umfelds, das jede Grenze überschreitet und dabei überzeugt ist, ihm etwas Gutes zu tun.

Gut zu wissen:

  • Der Film machte Steve Carell endgültig zum Star und ebnete direkt den Weg für The Office
  • Viele Dialoge sind improvisiert und zielen bewusst auf zu lange, zu explizite Gespräche
  • Der Humor funktioniert nicht über Bloßstellung, sondern über das kollektive Unvermögen, mit Intimität normal umzugehen

Borat (USA / Großbritannien, 2006)

Borat ist eine Figur, die jede gesellschaftliche Konvention ignoriert und genau dadurch Gesprächspartner entwaffnet. Sacha Baron Cohen spielt ihn nicht als Witzfigur, sondern als sozialen Blindgänger, der Fragen stellt, die man normalerweise nicht stellt – und Antworten provoziert, die man sonst nie hören würde. Fremdscham entsteht hier nicht durch Borat selbst, sondern durch das hilflose Mitmachen, Lachen oder Ausweichen der Menschen, die ihm begegnen.

Gut zu wissen:

  • Die Figur Borat stammt aus der britischen Da Ali G Show und wurde für den Film radikal zugespitzt
  • Viele Szenen sind mit echten Personen gedreht, die nicht wussten, dass sie Teil einer Satire sind
  • Der Film verschiebt Fremdscham vom „Peinlich-sein“ hin zum „Peinlich-zusehen“, weil soziale Höflichkeit stärker ist als Widerspruch

Brüno (USA / Großbritannien, 2009)

Und nochmal Ali G: Der österreichische Modejournalist Brüno bewegt sich selbstbewusst durch gesellschaftliche Räume, die ihn eigentlich ablehnen. Sacha Baron Cohen spielt die Figur als kompromisslos höflichen Provokateur, der Regeln nicht bricht, sondern wörtlich nimmt. Fremdscham entsteht aus der Diskrepanz zwischen Brüno’s Selbstverständlichkeit und der sichtbaren Überforderung seiner Umgebung, die zwischen Lachen, Wegsehen und Aggression schwankt.

Gut zu wissen:

  • Brüno ist eine Schwesterfigur zu Borat und entstand ebenfalls aus Da Ali G Show
  • Viele Szenen wurden mit echten Personen gedreht, die nicht wussten, dass sie Teil einer Inszenierung sind
  • Der Film verschiebt Fremdscham von politischer Satire hin zu Identität, Sexualität und öffentlicher Toleranz

Toni Erdmann (Deutschland, 2016)

Ein pensionierter Musiklehrer reist spontan zu seiner Tochter nach Bukarest, wo sie als Unternehmensberaterin arbeitet. Peter Simonischek spielt Winfried als Mann, der Nähe über Irritation herstellt, Sandra Hüller seine Tochter Ines als perfekt kontrollierte, emotional abgekoppelte Karrierefrau. Fremdscham entsteht aus dem permanenten Zusammenstoß zweier Lebensentwürfe: Hier Anpassung, Status und Professionalität, dort absurde Masken, falsche Zähne und peinlich genaue Beobachtung. Der Film zwingt dazu, Szenen auszuhalten, in denen niemand ausweicht – und genau das macht sie so stark.

Gut zu wissen:

  • Peter Simonischek’s Figur „Toni Erdmann“ funktioniert wie eine reale Störvariable im neoliberalen Arbeitsalltag
  • Die berühmte Nacktparty-Szene gilt als einer der intensivsten Fremdscham-Momente des europäischen Kinos
  • International oft mit Curb Your Enthusiasm verglichen, nur ohne Pointe und mit maximaler emotionaler Fallhöhe

Lass es, Larry! (USA, ab 2000)

Larry David spielt eine leicht fiktionalisierte Version seiner selbst: wohlhabend, prinzipientreu und unfähig, kleine soziale Regelbrüche zu ignorieren. Aus banalen Situationen – Begrüßungen, Geschenke, Warteschlangen, Höflichkeitsfloskeln – entstehen endlose, unangenehme Diskussionen, weil Larry immer ausspricht, was andere denken, aber nie sagen würden. Fremdscham entsteht hier aus der Erkenntnis, dass Larry oft recht hat – und es trotzdem unerträglich ist, ihm dabei zuzusehen.

Gut zu wissen:

  • Larry David ist Miterschaffer von Seinfeld; Curb Your Enthusiasm wirkt wie dessen radikale, ungefilterte Weiterentwicklung
  • Die Dialoge entstehen aus groben Szenenvorgaben und viel Improvisation, was die Peinlichkeit extrem lebendig macht
  • Viele spätere Fremdscham-Formate wie The Office (US) oder Peep Show greifen genau dieses Prinzip auf: soziale Regeln werden sichtbar, indem sie verletzt werden

Fleabag (Großbritannien, 2016–2019)

Eine junge Frau in London stolpert durch Beziehungen, Sex, Trauer und Selbstsabotage – und kommentiert ihr eigenes Scheitern direkt in die Kamera. Phoebe Waller-Bridge spielt Fleabag als Figur, die ihre Peinlichkeit offensiv ausstellt und das Publikum zum Komplizen macht. Fremdscham entsteht hier aus Nähe: Man weiß mehr als alle anderen Figuren, sieht die Lügen entstehen und kann nicht eingreifen, wenn Situationen bewusst gegen die Wand gefahren werden.

Gut zu wissen:

  • Die Serie bricht konsequent die vierte Wand und macht das Publikum Teil der inneren Abwehrstrategie der Hauptfigur
  • Andrew Scott’s „Hot Priest“ erkennt als einziger, dass Fleabag mit jemandem spricht – ein Meta-Moment, der die Fremdscham zuspitzt
  • Oft als emotionale Weiterentwicklung von Peep Show gelesen: weniger Zynismus, mehr Verletzlichkeit, gleiche soziale Peinlichkeit

Nathan for You (USA, 2013–2017)

Nathan Fielder hilft kleinen Unternehmen mit angeblich genialen Marketingideen – und setzt sie mit todernster Höflichkeit um. Nathan Fielder spielt eine Version seiner selbst, die soziale Regeln buchstabengetreu befolgt und dadurch ad absurdum führt. Fremdscham entsteht aus der Kollision von professionellem Ton und völlig unpraktikablen Maßnahmen, denen echte Geschäftsinhaber aus Höflichkeit oder Verzweiflung folgen.

Gut zu wissen:

  • Alle „Beratungen“ werden mit realen Personen gedreht, die nicht wissen, wohin sich die Idee entwickelt
  • Der Humor entsteht aus Felders konsequenter Ernsthaftigkeit, nicht aus Pointe oder Schnitt
  • Gilt als direkter Vorläufer von The Rehearsal, in dem Fremdscham zur existenziellen Selbstbefragung ausgeweitet wird

Superbad (USA, 2007)

Zwei Highschool-Freunde wollen vor dem Schulabschluss endlich erwachsen wirken und stolpern von einem peinlichen Moment in den nächsten. Jonah Hill spielt Seth als lautstarken Überkompensierer, Michael Cera Evan als sozial übervorsichtigen Gegenpol; beide verheddern sich in Gesprächen über Sex, Alkohol und Status, die sie sichtbar überfordern. Fremdscham entsteht hier aus dem krampfhaften Versuch, cool zu sein, während jede Situation die eigene Unsicherheit offenlegt.

Gut zu wissen:

  • Geschrieben von Seth Rogen und Evan Goldberg nach eigenen Teenager-Erfahrungen: Viele Dialoge sind bewusst zu direkt
  • Michael Cera’s Spiel etabliert den Typus des charmant-peinlichen Außenseiters, der später auch Juno prägte
  • Der Film machte Fremdscham im Teen-Comedy-Genre salonfähig, ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben

Meine Braut, ihr Vater und ich (USA, 2000)

Ein Mann will beim ersten Besuch der Schwiegereltern alles richtig machen und scheitert an jeder einzelnen Kleinigkeit. Ben Stiller spielt Greg als nervösen Dauer-Erklärer, der sich immer tiefer verheddert, Robert De Niro seinen zukünftigen Schwiegervater als kontrollierenden Ex-CIA-Mann, der jede Unsicherheit seziert. Fremdscham entsteht aus dem Versuch, Höflichkeit, Ehrlichkeit und Anpassung gleichzeitig zu leisten – und dabei alles zu verlieren.

Gut zu wissen:

  • Robert De Niro’s ernste Präsenz verstärkt die Peinlichkeit, weil sie keinen komödiantischen Ausweg zulässt
  • Viele Szenen funktionieren nach dem Prinzip: Jeder Rettungsversuch verschlimmert die Situation
  • Ben Stillers Vater ist Jerry Stiller, der einer ganzen Generation als cholerischer Arthur Spooner in King of Queens bekannt wurde, wo er an der Seite von Kevin James spielte

How To with John Wilson (USA, 2020–2023)

John Wilson filmt scheinbar beiläufige Alltagsbeobachtungen in New York und kommentiert sie mit ruhiger, persönlicher Stimme. Aus harmlosen „How-to“-Fragen entstehen Gespräche, die zu intim, zu ehrlich oder zu lang werden – und genau darin liegt die Fremdscham. Menschen reden weiter, obwohl sie längst merken, dass sie zu viel preisgeben, und man als Zuschauer dabei bleibt, weil Wegsehen unhöflich wäre.

Gut zu wissen:

  • Produziert von Nathan Fielder, dessen Einfluss auf Ton und soziale Unbeholfenheit deutlich spürbar ist
  • Alle Aufnahmen sind real, ungeplant und oft zufällig entstanden, ohne klassische Interview-Situation
  • Die Serie verschiebt Fremdscham vom aktiven Bloßstellen hin zum stillen Miterleben von Grenzmomenten

Peep Show (Großbritannien, 2003–2015)

Zwei Mitbewohner in London scheitern zuverlässig an sozialen Situationen, Beziehungen und ihrem eigenen Anspruch, normal zu wirken. David Mitchell spielt Mark als überkontrollierten, statusfixierten Pessimisten, Robert Webb Jeremy als verantwortungslosen Hedonisten mit chronischer Selbstüberschätzung. Das Besondere: Die Serie lässt das Publikum permanent an den inneren Monologen der Figuren teilhaben. Fremdscham entsteht hier aus der brutalen Nähe zwischen dem, was gedacht wird, und dem, was dann trotzdem gesagt oder getan wird.

Gut zu wissen:

  • Die komplette Serie ist aus der Ich-Perspektive gefilmt, inklusive innerer Stimmen – ein radikales Stilmittel
  • Viele peinliche Momente entstehen, weil Mark genau weiß, was richtig wäre, es aber nicht umsetzt
  • Peep Show gilt als direkter Vorläufer späterer Fremdscham-Formate wie Fleabag