31. August 1939. Aus einer SS-Schule fahren sechs ehemalige Volksdeutsche aus Polen nach Gleiwitz, um einen Mann namens Helmut Naujocks zu treffen. Am gleichen Tag in Berlin, um 12.40 Uhr, erlässt Adolf Hitler die Weisung Nr. 1: Der Angriff gegen Polen ist nach den für den "Fall Weiß" getroffenen Vorbereitungen durchzuführen. Angriffstag: 1. September 1939, Angriffszeit: 4.45 Uhr. In seiner Gleiwitzer Villa beschließt, ebenfalls um die Mittagszeit des gleichen Tages, SS-Hauptsturmführer und Gestapomann Naujocks, ins Kino zu gehen. Durch SS-Führer Müller weiß er um die Ereignisse der nächsten Stunden. Es beunruhigt ihn überhaupt nicht. Beunruhigt dagegen ist der namenlose KZ-Häftling, der gerade eine Suppe löffelt. Sie ist gut, und er weiß, es ist seine Henkersmahlzeit. Danach wird er an das Kommando "Birke" überstellt und am 1. September 1939 das tote Beweisstück der "polnischen Provokation" sein. 1. September 1939, 4.45 Uhr. Polnische Soldaten und deutsche SS in polnischen Uniformen stürmen den Sender Gleiwitz. Für die deutsche Wehrmacht Anlass, die Grenze nach Polen zu überschreiten. Es ist der Beginn des Zweiten Weltkrieges ...

Dem Antikriegsfilm, den Gerhard Klein nach dem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase ("Sommer vorm Balkon", "Die Grünstein-Variante") und Günther Rücker ("Der Dritte") drehte, liegt eine genaue Detailkenntnis zugrunde und wurde gekonnt mit der kühlen Präzision, mit der auch das ungeheuerliche Komplott geschmiedet wurde, von Klein ("Berlin - Ecke Schönhauser") und seinem Kameramann Jan Curìk in Szene gesetzt. Mehr als interessant gestaltete sich die Rezeptition von "Der Fall Gleiwurz". Nach einer glanzvollen "staatlichen Abnahme" wurde es merkwürdig still um ihn. Er wurde nicht - wie erwartet - DDR-Beitrag im Wettbewerb der IFF von Moskau, sondern nur Beitrag einer Informationsschau. Nach einer Kritik im "Neuen Deutschland" ("scheußlicher Naturalismus und perverser Formalismus") verschwand der Film aus den Kinos. Der Grund der DDR-Führung: Eine viel zu objektive und zu wenig politische Darstellung. Anfragen des Auslands brachten ihn aber in kleineren Spielstätten zum Wiedereinsatz. "Der Fall Gleiwitz" gehört heute zu den bedeutensten Filmen der DEFA und der antifaschistischen Filmkunst.

Foto: MDR/Progress Film-Verleih/Kurt Schütt