Der Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini war Anfang der Siebzigerjahre zur provokantesten und unbequemsten Stimme Italiens geworden, die in der Öffentlichkeit auf offene Ohren traf. Mit seinen Arbeiten schockierte er immer wieder das italienische Publikum und stieß an die engen moralischen Konventionen des Landes. In der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 wird Pasolini in Ostia vor den Toren Roms Opfer eines brutalen Mordes. Verhaftet und verurteilt wird der 17-jährige Strichjunge Pino Pelosi. Dieser zieht später sein Geständnis zurück und behauptet, Unbekannte hätten seine Familie bedroht und ihn zu seiner Aussage gezwungen. Die Umstände von Pasolinis Tod lassen sich nicht zweifelsfrei klären. Hatte sich Pasolini mit seinen politisch-brisanten Texten und gesellschaftskritischen Filmen im Laufe der Zeit zu viele Feinde geschaffen?

Neben den engen Pasolini-Vertrauten Dacia Maraini, dem Soziologen und Italien-Kenner Peter Kammerer, Pasolinis Cousin Nico Naldini und der Literaturwissenschaftlerin Barbara Castaldo, kommt unter anderen auch der Anwalt und Universitätsprofessor Guido Calvi zu Wort. Er hat maßgeblich für die Wiederaufnahme des Prozesses gesorgt und ist überzeugt, dass politische Motive hinter der Ermordung Pasolinis stecken. Mit Textbeispielen und Filmzitaten aus dem reichhaltigen Werk Pasolinis wird das Profil eines Künstlers sichtbar, der heute schon deshalb aktuell und brisant geblieben ist, weil sich viele seiner Prophezeiungen und Analysen auf erschreckende Weise bewahrheitet haben: von den Hintermännern der Bombenanschläge der "Bleiernen Jahre" im Geheimdienst, über den zunehmenden Einfluss der Mafia auf die Politik und den Aufstieg Silvio Berlusconis bis hin zum Zusammenbruch des politischen Systems Anfang der Neunzigerjahre.

Foto: ZDF/© Ali Soozandeh