Sie haben es wieder getan! Es ist nicht das erste Mal, dass die "Tatort"-Verantwortlichen der ARD dem Zuschauer am Ende den Mörder vorenthalten. "Der Fall Holdt" verstand sich vielmehr als Chronik des Scheiterns der ziemlich angeschlagenen Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler). Am Ende ihres Jubiläumsfalls – dem 25. seit 2002 – musste sie sich sogar fragen lassen, ob sie nicht einen fürchterlichen Fehler gemacht hat ...

Was war los?

Im Grunde wenig! Auf den ersten Blick ähnelte der Entführungs-Fall Holdt vielen anderen Beispielen aus der TV-Krimi-Vergangenheit: Jemand wird entführt, und sein Partner gerät in Verdacht, in die Tat verwickelt zu sein. In diesem Fall war es der finanziell klamme Banker Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann), bei dem der Zuschauer von Anfang an rätseln durfte, ob er diese Entführung selbst in Auftrag gab. Ein kurzes Telefonat nach etwa einer halben Stunde gab einen dezenten Hinweis darauf. Doch er leugnete die Tat bis zum Schluss. Sicher ist: Die Polizei machte Fehler bei den Ermittlungen. Am Ende wurde die LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm vom Fall abgezogen. Der oder die Täter wurden nicht gefasst.

Und was war los mit der Kommissarin?

"Charlotte Lindholm gerät in eine emotionale Abwärtsspirale. Der Auslöser dafür ist eine traumatische Erfahrung, die sie gleich zu Beginn der Geschichte macht", sagt Darstellerin Maria Furtwängler. Nachdem Charlotte Lindholm ausgelassen mit ihrem Freund Henning (Adam Bousdoukos) in der Disko tanzte, geht sie nach draußen zum "kleinen Geschäft" zwischen zwei Autos. Zwei Männern fotografieren's, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Verletzt liegt die Polizistin am Boden. Sicher, sie hätte diesen Vorfall melden können, doch offensichtlich hindert sie ihre Scham daran. Ob es allerdings glaubwürdig ist, dass die fortan permanent übermüdete Ermittlerin so aus der Bahn gerät, mag jeder selbst entscheiden. Möglich könnte es sicher sein.

Ergab die Story Sinn?

"Hier ist Frank Holdt. Hören Sie, mein Schwiegervater macht alles kaputt. Ich würde gerne was ändern." Das ist der Wortlaut eines kurzen Telefonats, das Frank Holdt wohl mit den Entführern führt. Je nach Deutung desselben, ließ das kluge Drehbuch von Jan Braren beide Varianten zu. Sowohl eine Beteiligung Holdts als auch keine. Schwer glaubwürdig indes war der schwere Ausnahmefehler des Computers, dem Charlotte Lindholm am Ende aufsaß.

Gab es schon früher "Tatorte", in denen der Mörder nicht gefasst wurde?

Es gab viele. So scheiterten die Münchner Kommissare im Oktober 2016 ("Tatort: Die Wahrheit"), als eine Messerattacke unaufgeklärt blieb. Einige Monate später durften sie Versäumtes dann aber doch im "Tatort: Der Tod ist unser ganzes Leben" nachholen. Schon 2012 blieb der BR-"Tatort: Der tiefe Schlaf" ohne klare Lösung am Ende. Dass "Tatort"-Kommissaren es nicht gelingt, Täter zu überführen, hat eine lange Tradition. 1986 scheiterte Kriminalhauptkommissar Bülow (Heinz Drache) bei der Suche nach dem Mörder einer Pelzhändlerin. Im Frankfurter "Tatort: Weil sie böse sind" (2010) kannte der Zuschauer zwar den Täter, die Kommissare fanden ihn aber nicht. 2012 ließ der SWR beim "Tatort: Der Wald steht schwarz und schweiget" die Täterfrage bewusst offen und bat die Zuschauer danach zum Online-Spiel. Und schließlich mussten auch im "Tatort: Land in dieser Zeit" die HR-Kommissare Janneke und Brix Anfang 2017 ihre Ermittlungen in einem Brandanschlag aufgeben.

Wie waren die Kommissarin in Form?

Mal gut, mal schlecht. Den Hergang der Tat rekonstruierte Lindholm nach kurzer Zeit besser als die Fachleute. Doch ihre seelische Ausnahmesituation sorgte auch dafür, dass sie – sonst ja äußerst korrekt – bisweilen die Fassung verlor. Dass ihr am Ende sogar der Fall entzogen wurde, war spätestens nach dem unüberlegten Angriff auf Frank Holdt nachvollziehbar. "Die Kommissarin wird zur Antiheldin", sagt Autor Jan Braren. "Ein solches Scheitern wird viel zu selten erzählt im krimistarken deutschen Fernsehen." Da mag er Recht haben, wobei verzweifelte, gebrochene Kommissars-Charaktere sicher auch keine Seltenheit mehr und von der Mehrheit des Publikums nicht wirklich gewünscht sind.

Wer hatte den besten Auftritt?

Ohne Zweifel Aljoscha Stadelmann. Der 1974 in Wuppertal geborenen Schauspieler empfahl sich mit dieser Rolle für Fernsehpreise. Übrigens: Stadelmann ist als "Sheriff" aus dem Harz, Frank Koops, am 25.11. und am 25.12. in zwei neuen Folgen aus der losen ARD-Reihe "Harter Brocken" zu sehen.

Wie gut war der "Tatort"?

Der Debüt-"Tatort" der jungen Regisseurin Anne Zohra Berrached war leise und streng genommen ereignisarm, aber er lebte von den starken Darstellern. Die Idee, eine Ermittlerin auch mal scheitern zu lassen, machte aus einem eigentlich gewöhnlichen Film einen ungewöhnlichen. Wir vergeben eine Zwei minus.


Quelle: teleschau – der Mediendienst