Fatih Akin beleuchtet in "The Cut" den Völkermord an den Armeniern aus der Sicht eines verzweifelten Familienvaters. Das ist ethisch standfest, aber filmisch unausgewogen.

Es ist die aufwühlendste Szene des Films: Die Kehle des Armeniers Nazaret (Tahar Rahim) wird langsam aufgeritzt. Das Messer führt der Türke Mehmet (Bartu Küçükçaglayan). Er zittert und will nicht, aber ein Soldat und Landsmann drückt ihm die Pistole an die Schläfe. Nazaret und Mehmet brüllen aus Leibeskräften, bis der Schnitt in den Hals Nazarets Schreien erstickt. Doch er überlebt. Momente klaustrophobischer Konfrontation wie dieser sind in Fatih Akins Filmen stets sehr eindringlich. Aber bemüht, nach Maßverhältnissen des Menschlichen die große, furchtbare Geschichte heranzurücken, zerfasert ihm die eigene, die er in "The Cut" erzählen will.

1915, der Erste Weltkrieg tobt seit einem Jahr. Die christlichen Armenier von Mardin im Osmanischen Reich müssen erleben, dass die türkische Herrschaft sie wie Feinde behandelt. Angeblich, weil er in der Armee dienen soll, wird Schmied Nazaret Manoogian von seiner Frau Rakel (Hindi Zahra) und seinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt. Tatsächlich muss er mit den anderen armenischen Männern beim Straßenbau schuften bis zum Umfallen.

Einige sterben. Armenische Frauen, Kinder, Alte, werden an ihnen vorbeigetrieben. Türkische Soldaten, ihre Helfershelfer und Berber vergewaltigen und töten. Seiner Ermordung knapp entgehend, ist Nazaret am Hals so verwundet, dass er nicht mehr sprechen kann. Doch seine Odyssee beginnt nun erst: Die jahrelange Suche nach seiner Familie führt ihn vom Libanon nach Kuba bis in die USA.

Perfekt verkörpert Tahar Rahim ("Ein Prophet", "Le Passé – Das Vergangene") als Nazaret den Jedermann, der brutalen Mächten schutzlos ausgeliefert ist. Sein Schrei bleibt stumm, aber er bekommt bei Akin ein Bild. Nur fehlt es dem Film an Intensität, um ihn dabei mit stets gleicher Aufmerksamkeit zu begleiten.

Mahnung an Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen

Als Western sehe er "The Cut", sagt Akin. Aber in der Beschwörung von Weiten der Wüste und des Meeres geht Akins große Stärke unter, das präzise Kammerspiel, in dem seine Charaktere lebendig werden. Nazarets Hader mit Gott wird nur angedeutet, die Zwillingsschwestern bleiben blass.

Es ist, als wollte Akin dem Schicksal, das er beschreibt, nicht erlauben, sich vor die große Tragödie zu stellen, deren Grauen er beklemmend darstellt. Wenn nach "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite" nun "The Cut" den Schlusspunkt der Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" setzt, steht dieser Film also für den Teufel, der im Verborgenen die Fäden der Weltgeschichte zieht. So erweist sich "The Cut", jetzt als Free-TV-Premiere im Ersten, als Mahnung an Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen.

Fatih Akins neuester Film "Aus dem Nichts" über eine Frau (Diane Kruger), die durch einen Bombenanschlag des NSU ihren Ehemann und ihren Sohn verliert, läuft aktuell im Kino, er wurde für den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film nominiert. Er gilt zudem als große deutsche Oscar-Hoffnung.


Quelle: teleschau – der Mediendienst