In den USA herrscht Trump, im Dschungel ein Trump-Wähler. Doch während der eine gerade grausam Geschichte schreibt, ist König Marc The First schon wieder dabei, Geschichte zu werden.

Diese Worte kommen zu spät, weil jedes Wort über das Dschungelcamp nach dessen Ende zu spät kommt. Die Krone, die Marc Terenzi Samstagnacht deutscher Zeit auf dem Kopf trägt, ist nicht aus Metall, das höchstens rostet, sondern Blumen. "Es ist anvergesslich", sagt er in seinem Terenzi-Deutsch. Es ist keine Lüge, weil er wirklich daran glaubt, aber doch könnte er nicht falscher liegen. Er wird schnell vergessen, wir haben es schon vergessen.

Der letzte Tag im Dschungelcamp ist wie der letzte Tag auf der Dorfkirmes. Wenn bereits die ersten Lichter abgedreht wurden, die ersten Buden früher schließen, weil am nächsten Morgen alle fort sein wollen, dann ist die Kirmes in Wirklichkeit schon zu Ende. Genaugenommen endet das Dschungelcamp schon Tage vorm Finale, weil nicht interessant ist, wer Dschungelkönig wird, sondern wer mit wem mal wieder nicht kann. Das ist bei voller Besetzung wahrscheinlicher als ohne die aussortierten Kandidaten.

Am letzten Tag in Australien drohte nur Hanka noch einmal den Frieden der gar nicht mehr großen La Familia Grande zu gefährden. "I'm only human after all", singt sie, während Marc, Florian und der noch zu verabschiedende Icke am Feuer sitzen und die Marotten der Kandidat gewordenen Zwangsstörung schweigend ertragen. Unmöglich, Florian nicht dafür zu lieben, wie er seine Stirn auf zwei Finger stützt und eine feine Genervtheit in seinem Botox-Gesicht andeutet. "Zwei Tage und wir sind im Flugzeug", sagt Marc. 

Marc muss essen, was niemand essen sollte

Es ist das letzte böse Wort, das fällt, denn das Finale neigt traditionell zur Friedlichkeit. Jeder hat noch eine Prüfung zu bestehen, die schaffbar genug ist, dass danach alle zu einem festlichen Abendessen zusammenkommen. Hanka wird in einen überdimensionalen Eisbecher abgeseilt, in dem sie mit allem überschüttet wird, was RTL noch auf Ekellager hatte. Fischabfälle, geschredderte Huhnreste, roten Schleim, verdorbenes Gemüse, grünen Schleim, Fleischabfälle, Mehlwürmer, Kakerlaken, Grillen. Die Frau, für die Schmutz so unerträglich ist wie für andere der Griff in die Kettensäge, holt alle fünf Sterne. 

Marc hat zum letzten Mal zu essen, was niemand essen sollte: Nippel vom Kuheuter, pürierte und fermentierte Eier, Krokodilvagina, eine lebende Spinne und Kamelhirn. Spinne und Krokodil lehnt er ab, am Kuheuter scheitert er. Mit zwei Sternen kehrt er zurück ins Lager. Dass ihn das nicht um den Sieg bringt, mag daran liegen, dass der Zuschauer ihm das nicht als Schwäche auslegt, sondern als Tierliebe.

Florian muss fünf Minuten in einer Höhle liegen, zusammen mit Ratten und einem Insekten-Best-Of. "Boah, ist das krass", sagt er, als noch nicht ein Tier die Höhle betreten hat. Als die Not am größten ist, wünscht er sich für einen Stern ein Getränk, "wodurch ich etwas lustig werde". In diesem Moment fällt einem auf, dass Florian der einzige im Camp ist, der nie gelacht hat. Entweder weil es das Gesicht nicht zulässt oder weil der heilige Ernst ihn daran hindert, mit dem er nicht nur die Prüfungen durchzieht, sondern das ganze Camp. Er holt alle fünf Sterne. 

An Florian Wess ist bloß das Gesicht falsch

Beim Abendessen kommen drei Menschen zusammen, die drei Typen sind. Florian Wess ist der Mann, an dem bloß das Gesicht falsch ist. Nie täuscht er etwas vor. Er hatte kein Interesse an La Familia Grande und sagte das auch. Er stellte gleich bei der ersten Begegnung mit Honey klar, was er von dessen Grinse-Ego hielt. "Ich habe noch nie etwas gewonnen", sagte er regelmäßig und am Ende gewann er auch diesmal nichts. Als Drittplatzierter jedenfalls keinen Titel. Aber er verließ mit der Erkenntnis das Lager: "Ich habe wieder Freude empfunden. Ich dachte, ich hätte das verloren."

Hanka Rackwitz ist die Frau, die sich selbst überwand. Sie versuchte erst gar nicht, ihre Ängste zu verbergen, sondern trug sie offen mit sich herum wie ihre Tupperdose. Es muss die Zuschauer so fasziniert haben, wie sich da jemand seinen Ängsten ausliefert, um sie zu überwinden, dass sie Hanka bis zum Finale immer wieder wählten. Sie landet auf Platz 2. "Marci, man mag uns gern leiden", sagt sie, als die beiden vor der Entscheidung zusammensitzen. Diese Bedeutung, die die letzten Verbliebenen regelmäßig in das Wählerverhalten legen, rührt auch regelmäßig. Man hofft, die Freude darüber ist nicht so gespielt wie bei Schauspielern, wenn sie mit dem Nickolodeon-Award ausgezeichnet werden. Auch wenn der Titel des Dschungelkönigs ähnlich viel Bedeutung hat.

Marc Terenzi ist der All-American Boy, der Kerl, den die Frauen mögen, weil er charmant und trainiert ist, den aber auch die Männer mögen, weil sie sich vorstellen können, mit ihm ein Bier zu trinken, nachdem er ihnen beim Umzug geholfen hat. Dass die Zuschauer Hanka mit all ihren Fehlern akzeptiert haben, ist ein feiner Zug, doch am Ende gewinnt im Camp fast immer der nette Typ von nebenan. Die Botschaft lautet: Trump ist ein Idiot, Trump-Wähler sind es nicht unbedingt.

Das Dschungelcamp ist nicht Ereignis, sondern Ritual

Dass das Dschungelcamp noch weniger nachwirkt als in den vergangenen Jahren, dass es schon am Morgen nach der Entscheidung vergessen ist, hat unter anderem mit diesem Trump zu tun. Auch wenn es hausgemachte Gründe dafür gibt, dass kaum eine Folge überdurchschnittlich unterhielt. Allen voran das Übermaß an Reality-TV-Profis, die für solche Sendungen eine Professionalität entwickelt haben, die schädlich fürs Format ist. Erstmals verließ niemand vorzeitig das Camp. Gleichzeitig wussten in diesem Jahr aber fast alle Kandidaten so um ihre Schwächen und um ihre - geringfügige - Bedeutung in der Gesellschaft, dass man ihnen bis auf Honey nicht gerne beim Scheitern zusah. "Ein Stripper, ein Durchgeknallter und ein Botoxboy", sagte Florian am letzten Tag im Dschungel. In diesem Jahr sah der Zuschauer den Kandidaten weniger beim Sein zu als beim Sinnieren übers Sein. Auch Staffel 11 war keine Great Australian Novel. Dass die Quoten nicht einbrachen, zeigt, dass das Dschungelcamp mittlerweile weniger als Ereignis denn als Ritual funktioniert.

Doch da war eben auch die Welt außerhalb des Camps. Als die Bewohner einzogen, hatten wir noch eine Woche ohne einen Präsidenten, von dem wir annahmen, dass ihm nichts heilig ist. Als die letzten Bewohner gingen, hatte dieser Präsident eine Woche bewiesen, dass ihm noch viel weniger heilig ist. "Ich bin froh, dass ich wieder in der Zivilisation bin", sagte Thomas Häßler nach seinem Auszug. Er ahnte nicht, dass der Unterschied zwischen Zivilisation und Wildnis nicht der zwischen Straßenverkehr und Dschungelpfad ist, sondern der zwischen guten Menschen und schlechten Menschen.

In Kooperation mit RP ONLINE.

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