Nanni Moretti

Giovanni Moretti
Geboren: 19.08.1953 in Bruncio/Bruneck, Südtirol, Italien

Nanni Moretti wurde oft als der italienische Woody Allen bezeichnet. Und was dem Amerikaner sein Manhattan ist, bedeutet Rom für Moretti. Hier wuchs er auf (sein Geburtsort in Südtirol ist auf den Sommerurlaub seiner Eltern zurückzuführen), und diese Stadt hat seine Filme geprägt. Anders als Woody Allen ist Moretti jedoch ein offen politischer Filmemacher, der sich in seinen Werken stets mit der Position der Linken in seinem Land und seiner Position in der Linken auseinandersetzt.

Obwohl schon immer ein Kinofreak, feierte Nanni Moretti seine ersten Erfolge auf ganz anderem Gebiet: Sport. 1970 zählte er zur Jugendnationalmannschaft Italiens im Wasserball. Doch das verfolgte er nicht weiter, sondern drehte drei Jahre später mit einer Super-8-Kamera seine ersten Kurzfilme, "La Sconfitta" und "Paté de Bourgois", persönliche filmische Tagebücher, die auf diversen Amateurfilmfestivals - zum Beispiel in Venedig - gezeigt wurden.

Ebenfalls auf Super 8 drehte Moretti 1974 "Come parli, frate?", eine Parodie auf Alessandro Manzonis Roman "Die Verlobten", einem großen Klassiker der italienischen Literatur. Morettis Drehbuch "Militanza, Militanza" (1975) wollte niemand verfilmen, also drehte er 1976 "Io sono un autarchico" weiter unerschrocken auf Schmalfilm. Doch das Werk wurde auf 16mm aufgeblasen, in einigen Filmclubs gezeigt, und niemand geringeres als Alberto Moravia rezensierte es.

In "Io sono un autarchico" taucht zum ersten Mal der autobiographische Charakter Michele Apicella auf, der lange Zeit zu Morettis filmischem alter ego werden sollte. Als Darsteller sah man ihn 1977 in "Padre Padrone" der Brüder Taviani. Nun schaffte Moretti endlich den Sprung zum professionellen Film. "Der Nichtstuer/Ecce Bombo" (1978) zeigt den Helden Michele Apicella auf den Spuren von Fellinis Frühwerk "Die Müßiggänger" (1953). Moretti trifft den Nerv und das Lebensgefühl der Menschen: Sein Werk wird in Italien ein unerwarteter kommerzieller Erfolg und vertritt Italien bei den Filmfestspielen von Cannes. Mit "Goldene Träume" (1981) gewann Moretti den Goldenen Löwen in Venedig. Diesmal geht Michele Apicella als enttäuschter Filmemacher der 68er-Generation auf Sinnsuche zwischen den Problemen mit Familie, Publikum, Kritikern und seinem nächsten Filmprojekt.



"Bianca" (1983) kam weniger gut an. Michele Apicella, diesmal Mathematiklehrer an einer übertrieben liberalen Schule, sehnt sich insgeheim nach den wohlgeordneten Verhältnissen einer sauberen Bilderbuchfamilie. Wer diesem hehren Ideal nicht entspricht, wird umgebracht. Selbst seine Kollegin Bianca, in die er sich verliebt, gerät bald wegen Micheles Eifersucht in Lebensgefahr.

"Die Messe ist aus" (1985) brachte Moretti einen Silbernen Bären in Berlin ein. Er erzählt die Geschichte des jungen Priesters Don Giulio, der trotz aller Bemühungen den Zerfall seiner Gemeinde und sogar der eigenen Familie nicht bremsen kann. Die Hauptrolle spielte wieder Moretti selbst.

1987 gründete Moretti seine eigene Produktionsfirma, die er nach seiner Lieblingsleckerei "Sacher" benannte. Dort produziert er nicht nur die eigenen Werke, sondern auch die von jungen Regisseuren wie Daniele Luchetti. Die Firma vergibt auch einen eigenen Filmpreis, den "Sacher d'oro", mit dem aufstrebende Nachwuchsregisseure ermuntert werden sollen. Dazu gehört auch ein eigenes Kino ("Nuovo Sacher"), das sich dem Kommerzkino verweigert.

Die Komödie "Wasserball und Kommunismus" (1989) brachte die Wiederkehr von Michele Apichella. Der verliert bei einem Autounfall sein Gedächtnis. Er rekonstruiert sein Leben und erfährt dabei, daß er Politiker für die KPI, die kommunistische Partei Italiens ist. Nun stellt er sich die Frage: Warum eigentlich? Während er ein mit miesen Tricks geführtes Wasserballspiel beobachtet, setzt er in Gedanken die Bruchstücke seines Lebens wieder zusammen. Der Film sollte im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig laufen, wurde aber abgelehnt.

In "Liebes Tagebuch" (1993) spielt Nanni Moretti erstmals sich selbst - zumindest auch unter diesem Namen. Der Film besteht aus drei Episoden, in denen Moretti verschiedene, nicht zusammengehörende Aspekte seines Lebens ausbreitet. Das erste Drittel folgt ihm bei seinen Vespa-Fahrten durch Rom, das zweite ist eine Beobachtung des sommerlichen Lebens auf den italienischen Küsten-Inseln, der letzte Teil eine Ärztesatire.

Nach dem Kurzfilm "Il giorno della prima di 'close-up'" (1996) knüpfte Moretti 1998 mit "Aprile" an seine vorangegangenen Werke an. Ein Regisseur sieht sich innerlich dazu gedrängt, einen Dokumentarfilm über die heutige Linke in Italien zu drehen, doch viel lieber würde er ein realitätsfernes Musical im 50er-Jahre-Stil über einen trotzkistischen Konditor machen. Als er die derzeitige Linke einer Beobachtung unterzieht, findet er nur Orientierungslosigkeit und einen Mangel an Identität. Der Regisseur stürzt in eine Krise. Ernüchtert stellt er fest: Statt seines ernsthaften Dokumentarfilms sollte er vielleicht doch lieber das Musical drehen, denn es ist auch nicht weniger weltfremd.

2001 schließlich entstand das ergreifende Familiendrama "Das Zimmer meines Sohnes", in dem Moretti den Verlust eines geliebten Kindes thematisierte. Weitere Filme mit und von Nanni Moretti: "The Last Customer" (2003), "Te lo leggo negli occhi" (2004), "Der Italiener" (2006), "Stilles Chaos" (2008), "Habemus Papam" (2011).

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