Rund eine Stunde dauert Jans Verwandlung. Am Anfang ist der junge Mann noch ein Informatikstudent, nimmt Drogen, hat Sex auf dem Diskoklo. Am Ende ist aus Jan ein gläubiger Moslem geworden. Züli Aladags Zweiteiler "Brüder" (das Erste zeigt beide Teile hintereinander) nimmt sich diese Zeit, da er eine in der Tat nur schwer nachvollziehbare Geschichte erzählt, die so aber doch passiert: Warum schließen sich junge Deutsche, auch solche ohne Migrationshintergrund, in Syrien dem Islamischen Staat an?

Ins Didaktische, wie man das am ARD-Mittwoch oft erleben muss, verfällt der Film dabei nie, im Gegenteil: In seiner zweiten Hälfte wird "Brüder" zum hochspannenden Ereignis. Dann nämlich, wenn Jan tatsächlich in Syrien kämpft.

Edin Hasanovic spielt diesen mit sich hadernden jungen Mann mit großer Wucht. Jan ist ein Suchender, stets etwas unsicher und zittrig. Er lebt in Stuttgart in einer WG, zusammen mit dem syrischen Medizinstudenten Tariq (Erol Afsin). Wenn Tariq von seiner Familie erzählt, die noch immer im Kriegsgebiet ausharrt, fällt Jan nicht mehr ein als ein gemurmeltes "Mach dir mal nicht so einen Kopf". Und es ist dann auch nicht Tariq, der Jan den Islam näherbringt, sondern der charismatische, aus Bosnien stammende Imam Abadin Hasanovic (Tamer Yigit). Der spielt am Abend Fußball mit seinen "Brüdern" aus der Nachbarschaft und predigt tagsüber in der Moschee von einem angeblichen Holocaust an den Muslimen im Nahen Osten. Das LKA überwacht ihn.

Hasanovic zeigt Jan, wie man betet und liest mit ihm im Koran. Irgendwann gesteht Jan dann seiner Mutter, er habe sich beschneiden lassen. "Warum brauchst du denn jetzt plötzlich den Islam?", fragt die, völlig fassungslos. Dann geht alles ganz schnell: Mit Tariq und anderen Muslimen aus Hasanovics Gemeinde reist Jan erst in die Türkei, dann nach Syrien. Tariq will seine Familie aus dem Bürgerkriegsland holen, Jan hingegen will kämpfen, für Syrien und für den Islam. Als Moslem fühlt er sich in seiner Deutschen Heimat mittlerweile fremd. Im Lager von IS-Kommandant Abu (Sermiyn Midyat) trifft er auf andere Ausländer, die sich der Terrororganisation angeschlossen haben, und erlebt so etwas wie ein Zugehörigkeitsgefühl. Gemeinsam ziehen sie in den Kampf.

Film mutet Zuschauern einiges zu

Gedreht wurden diese Szenen in Marokko, und der produzierende SWR hat sich dabei wahrlich nicht lumpen lassen. Für einen Fernsehfilm ist da alles ziemlich realistisch geraten. Und es geht unter die Haut. Vor allem dann, wenn Jan die Grausamkeiten des IS erlebt: Hinrichtungen, kaltblütige Morde, durchtrennte Kehlen. Der Film mutet dem Zuschauer bisweilen einiges zu.

Am Ende von "Brüder" steht dann eine große Überraschung. Jan ist zurück in Deutschland, gibt sich geläutert. Hat er wirklich seine Lektion gelernt oder ist er doch ein Schläfer, jederzeit bereit, den Terror aus Syrien auch ins beschauliche Ländle zu tragen? Die Lösung, die sich das Drehbuch von Regisseur Aladag und Kristin Derfler bereithält, raubt einem für einen kurzen Moment noch einmal den Atem.

Ob das alles realistisch ist? Im Anschluss an "Brüder" erzählt die Dokumentation "Sebastian wird Salafist" (23.45 Uhr, nach den "Tagesthemen") jedenfalls von einem echten Fall. Der Film von Ghafoor Zamani begleitet einen jungen Konvertiten zwei Jahre lang, zeigt, wie sich Sebastian radikalisiert und später doch dem Salafismus abschwört.


Quelle: teleschau – der Mediendienst