Neue Kommissarin im Franken-"Tatort": Rosalie Thomass tritt große Fußstapfen an
Es ist eine aufregende, produktive Zeit für Schauspielerin Rosalie Thomass: Im Kino startete Anfang des Monats die Literaturverfilmung "Lügen über meine Mutter", ein Film, in dem die Münchnerin nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern für den sie auch das Drehbuch verfasste. In "Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise" ist die 39-Jährige zudem seit Ende September erneut als Bibis Mutter Barbara auf der großen Leinwand zu sehen. Und auch im Fernsehen gibt es Neues von Rosalie Thomass: Im "Tatort: Gottesgarten" (Sonntag, 25. Oktober, 20.15 Uhr, ARD) tritt sie die Nachfolge von Dagmar Manzel an und feiert ihr Debüt als Nürnberger Hauptkommissarin Emilia "Emmy" Rathgeber an der Seite von Fabian Hinrichs als Hauptkommissar Felix Voss. Im Interview erklärt die Schauspielerin, wie sie an ihre neue Rolle als "Tatort"-Kommissarin heranging, warum sie für mehr Zivilcourage in der Gesellschaft plädiert, und sie verrät ihr fränkisches Lieblingswort.
prisma: "Man soll Gott für alles danken, vor allem auch für Franken", sagt Kriminalhauptkommissarin Emilia Rathgeber bei ihrer Antrittsrede zu ihren neuen Kollegen und Kolleginnen bei der Nürnberger Polizei.
Rosalie Thomass: Ja. Ich liebe es dort. Das ist ein sehr, sehr schöner Arbeitsort für mich.
prisma: Sie lassen als Emilia auch immer mal wieder ein bisschen Fränkisch einfließen und haben das richtig gut drauf. Hat das auch die Verantwortlichen überzeugt, Ihnen diese Rolle zu geben, weil Sie so viel Begeisterung für Franken mitbringen?
Thomass: Das ist schwer für mich zu beantworten, schließlich kann ich nicht für die Verantwortlichen sprechen. Was sie letztlich überzeugt hat, weiß ich natürlich nicht. Ich kann nur sagen, dass ich Begeisterung und ein Spielangebot mitgebracht habe.
prisma: Nämlich?
Thomass: Ich habe bei dem Casting überlegt, dass es wahrscheinlich am besten ist, "all in" zu gehen, mit einem wirklich ernst gemeinten Spielangebot, mit Blick darauf, was ich mir vorstelle und was für eine Figur ich gerne spielen – und auch sehen würde. Vor allem in Verbindung mit Fabian Hinrichs' Figur Felix Voss. Und ich bin sozusagen das Risiko eingegangen, dass man das auch doof finden könnte, das weiß man ja immer nicht. Ich bin jetzt ganz froh, dass ich so entschlossen zu dem Casting ging. Dass diese Idee offenbar auch bei den Verantwortlichen gut angekommen ist und daraus jetzt tatsächlich diese Figur geworden ist, über die ich mir so viele Gedanken gemacht habe, macht natürlich besonders viel Freude.
"Eine Art Ritual, ein Ort, der an jedem Sonntag verlässlich ist"
prisma: Früher war der "Tatort" das ganz große Ding im deutschen Fernsehen. Ist es immer noch ein Ritterschlag für Schauspielerinnen und Schauspieler, "Tatort"-Kommissarin und -Kommissar zu werden?
Thomass: Ritterschlag ist nicht so ganz mein Wort dafür, aber sicher von Ihnen als Kompliment gedacht. (lacht).
prisma: Gemeint ist, ob es immer noch so etwas Besonderes ist wie früher, weil der "Tatort" sehr für das klassische Fernsehen steht, der typische Straßenfeger eben, was es so in Zeiten von Streaming immer weniger gibt.
Thomass: Aber Streaming nimmt einem doch nichts weg. Ich finde, der "Tatort" verliert dadurch überhaupt nichts, er besteht ja sehr souverän in einem breiter werdenden Angebot als feste Institution im deutschen Fernsehen. Ich bin wahnsinnig froh, dass ich in diese "Tatort"-Familie eintreten darf, und empfinde das wirklich auch als eine sehr große Verantwortung, auch weil wir da ein sehr prominentes Format haben, wo immer alle Augen drauf gerichtet sind, wo man, glaube ich, auch nicht nervös werden darf unter der Verantwortung.
prisma: Wie meinen Sie das?
Thomass: Es hat ja jeder eine Meinung dazu. Es wird viel diskutiert. Es gibt eine sehr lebendige Fangemeinde, was ich unglaublich schön finde. Ich kann mich daran sehr erfreuen, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt – und der "Tatort" ist ein Format, das viel gesehen und besprochen wird.
prisma: Eben eine Institution!
Thomass: Ja, oder vielleicht ist es sogar schöner, zu sagen: eine Art Ritual, ein Ort, der an jedem Sonntag verlässlich ist. In meinem unsteten Leben zum Beispiel tut es mir sehr gut, wenn es ein paar Dinge gibt, auf die ich mich verlassen kann.
"Ich habe mir gewünscht, dass wir eine vielschichtige Frauenfigur erzählen"
prisma: Sie haben an Ihrer Figur Emilia Rathgeber mitentwickelt. Was war Ihnen wichtig dabei? Was hat vielleicht dem Team bisher noch gefehlt in Franken, das Emilia mitbringt?
Thomass: Ich würde das gar nicht so beschreiben, dass etwas gefehlt hat, denn dann würde man ja dem Vorhandenen einen Mangel unterstellen. Ich frage mich bei jeder Arbeit: Was genau kann ich dazugeben? Wie beim Kochen, man hat schon ein sehr gutes Gericht vor sich und überlegt, ob man da irgendwo noch Salz oder eine Säure hinzufügen kann für den letzten Schliff.
prisma: Was waren Ihre Zutaten, um im Bild zu bleiben?
Thomass: Ich habe mir gewünscht, dass wir eine vielschichtige Frauenfigur erzählen. Das ist mein Anspruch bei jeder Rolle, die ich spiele. Dass wir Klischees vermeiden, dass wir zum Beispiel eine Frau zeigen, die kompetent ist und sich gleichzeitig gerne schminkt. Das klingt jetzt super banal. Aber das gibt es in meiner Wahrnehmung gar nicht so viel in Film und Fernsehen – die kompetente Frau ist dann oft auf so eine merkwürdige Weise fast neutral, die sinnliche Ebene wird wie ausgeblendet.
prisma: Wie war demnach Ihre Vorstellung von Emilia?
Thomass: Ich wollte zeigen, dass Emmy gerne eine Frau ist und sich zum Beispiel mal körperbetont kleidet, einen klaren Stil hat. Vor allem aus dem Gedanken heraus, eine Normalität in einem Format zu zeigen, also eine weibliche Normalität.
prisma: Was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Thomass: Mir war wichtig, dass Emmy kompetent ist und das selber nicht infrage stellt. Emmys Neugierde ist mir wichtig und dass sie sich gleichsetzt mit den Menschen, sich nicht erhebt über die Menschen in dem Milieu oder wo auch immer sie ermittelt. Weil ich das auch in meiner Recherche so erlebt habe in der Polizeiarbeit.
prisma: Ihre Figur ist auch sehr empathisch, etwa für das Mordopfer im ersten Fall: ein queerer junger Mann, der aus einem oberfränkischen Dorf stammt und in Nürnberg als Travestiekünstler arbeitet und als Frau auftritt. Emilia Rathgeber und Felix Voss lernen einen extrem intoleranten Vater kennen ...
Thomass: Genau, die Empathie war mir auch wichtig. Empathie ist in meinen Augen ein Wert, der uns nicht verloren gehen sollte. Und den wir scheinbar bewusst praktizieren müssen, weil er nicht mehr ganz selbstverständlich ist bei allen. Das ist mir auch wichtig, dass, wenn wir auf einer so präsenten Bühne stehen, man Figuren erzählt, die empathisch sind und warm.
"Was Zivilcourage ist, das könnten wir wieder mehr kultivieren"
prisma: Dasselbe kann man über das Thema Toleranz sagen, das auch in Ihrem neuen Kinofilm "Lügen über meine Mutter" eine Rolle spielt.
Thomass: Der ist wahnsinnig schön und kraftvoll, ich möchte, dass sich den Film alle anschauen!
prisma: Es geht um eine Frau und das, was die Außenwelt von ihr erwartet ...
Rosalie Thomass: Ja, es geht vor allem um ihr Selbstbestimmungsrecht als Frau, die Einsamkeit von Müttern, Körperkult und die Frage, wie viel Frauen eigentlich aushalten müssen, für eine "heile" Familie. Wir müssen uns bei der Toleranz mit diesem sogenannten Toleranzparadoxon beschäftigen: Die Toleranten dürfen den Intoleranten gegenüber nicht tolerant sein, sonst verlieren wir die Toleranz irgendwann. Und das ist, wie der Name sagt, paradox – ich beanspruche für mich einerseits, Toleranz als Wert zu leben, und gleichzeitig muss klar sein, wo sie aufhören muss.
prisma: Wo muss sie aufhören?
Rosalie Thomass: Wenn es an die Menschenwürde geht, also wenn jemand offen rassistisch und rechtsextrem ist oder zum Beispiel vom Verfassungsgericht bereits als rechtsextrem eingestuft wurde, dann muss ich in dem Moment intolerant sein dem gegenüber, denn hier will jemand die Toleranz an sich abschaffen. Mein Eindruck ist, dass wir das wirklich leider total verfehlt haben in den letzten Jahren.
prisma: Da passt zu einem weiteren Film, den Sie gerade gedreht haben, die Verfilmung des Romans "Über Menschen" von Juli Zeh ...
Thomass: Genau, deswegen habe mich gerade damit so viel beschäftigt, weil es das Thema des Films ist.
prisma: Was antwortet man Menschen, die, wie eine Figur im Roman, sagen, sie wählen eine rechte Partei, weil "die da oben uns wie Idioten" behandeln.
Thomass: Was meine Figur in dem Film macht, ist, dass sie immer dagegenhält, und das ist das, was ich in echt auch mache. Mir ist dabei inzwischen bewusst, dass ich dabei nicht jeden überzeugen werde können. Das ist aber auch gar nicht mein Anspruch. Mir ist wichtig, dass Menschen erleben: Eine rassistische Äußerung zum Beispiel bleibt nicht unkommentiert stehen. Das ist glaube ich der erste Schritt, den wir jetzt alle auch machen müssen, dass wir das benennen und dass wir uns gemeint und zuständig fühlen. Das, was wir noch in der Schule gelernt haben, nämlich was Zivilcourage ist, das könnten wir wieder mehr kultivieren.
"Bridschäbraad aufs Kanapee fläzen"
prisma: Abschließend noch einmal zurück zum Franken-"Tatort": Haben Sie denn schon ein fränkisches Lieblingswort oder einen Lieblingsort kennengelernt?
Thomass: Bridschäbraad – die Vorstellung, dass sich am Sonntag die Franken bridschäbraad aufs Kanapee fläzen und unseren Tatort gucken, gefällt mir sehr. Ansonsten bin ich begeistert von Frankens und Nürnbergs Gastroszene, ich war in meiner freien Zeit hauptsächlich damit beschäftigt, sehr gut essen zu gehen.
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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH