Es gibt Situationen, in denen sich der Charakter von uns Menschen wie durch ein Brennglas gebündelt beobachten lässt. An der Supermarktkasse etwa, wo mit dem bösen Blick bestraft wird, wer seine Tüten zu langsam packt. Oder auf der Autobahn, wo gnadenlos geschnitten wird, wer beim Einfädeln nicht genug Gas gibt.

Der Psychologie-Professor Paul Bloom forderte kürzlich in einem Essay zu weniger Mitgefühl auf. Empathie verleite uns zu törichten Urteilen, führe zu Gleichgültigkeit und zu irrationalen, ungerechten Entscheidungen. Und: Freundlichkeit, zu der uns das Mitgefühl veranlasst, könne die Welt sogar schlechter machen – etwa wenn Eltern dem Willen ihrer Kinder zu stark nachgeben oder wenn Spenden zwar dem Spender ein Glücksgefühl verschaffen, die Lage der Betroffenen aber noch verschlechtern.
Gegen die Freundlichkeit an sich hat Bloom dabei gar nichts, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn wir etwas netter zueinander wären, bestreitet er nicht. Für den Supermarkt oder die Autobahn gilt seine Forderung also nicht als Ausrede.