Mitte Oktober hat Chansonnier Klaus Hoffmann mit "Aquamarin" ein neues Studioalbum veröffentlicht. Ein Gespräch über Heimat, Sehnsucht und das Politische in seiner Musik.

Herr Hoffmann, in der Ankündigung zu Ihrer neuen CD steht, Sie seien damit wie bei keinem Album zuvor bei sich angekommen. Ist das ein schöner PR-Text oder steckt mehr dahinter?

Es hat schon was von dem, aber wann kannst du schon sagen, dass du bei dir angekommen bist? Es geht an sich doch immer weiter. Der Satz ist in sich ein Zwischenstand. Aber das Album selbst hatte sich nach einer gewissen Zeit abgerundet. Außerdem ist das aktuelle Album für mich immer das beste. Nur: Hier habe ich mich so verknallt, dass ich sagen konnte: Wenn ich es mit Distanz sehe, bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich vielleicht als Nächstes die Lieder anders schreiben würde. Wenn man so will, bin ich also an einem Punkt angekommen. Aber ob ich bei mir angekommen bin? Das ist ja nichts Besonderes, wo willst du sonst ankommen?

Wenn Sie sagen, Sie schreiben künftige Titel vielleicht anders, macht das natürlich neugierig ...

Ich habe damit versucht, diesen großen Satz einzuholen, dass man nicht stehenbleibt, dass es weitergeht. Aber ich träume davon, vielleicht ein großes Griechenland-Projekt zu machen, das ist so ein alter schlummernder Traum. Um es mal konkret zu sagen: Die-ses "Aquamarin" ist ein Edelstein, das ist ja ein sehr kindliches Wort und, wenn man es auseinandernimmt, nichts anderes als ein Glücksstein für Seeleute, die über das Meer fahren. Für mich war das aber auch der Kern der Romantik. Was macht ein Kind aus? Was macht den Kern aus, woraus du deine Kunst schöpfst?

Jetzt haben Sie gerade Griechenland schon angesprochen, geboren aber sind Sie in Berlin, das Cover der neuen CD könnte in Venedig aufgenommen worden sein. Wo fühlen Sie sich aktuell zu Hause?

Was Sie da aufgezählt haben, finde ich schon ganz gut. Überall eigentlich. Mit meinem Berlin, mit meinem Zuhause bin ich ja oft im Widerspruch. Aber jetzt wohne ich schon sehr lange hier, erst alleine, dann kam meine Frau Marlene dazu, dann die Katzen, und jetzt denke ich oft: Das ist schon ein großes Glück, wenn man durch offene Fenster und Türen rausgucken kann. Aber ich merke schon, dass ich 67 bin und die Welt anders ansehe. Aber was Zuhause ist? Also: Wenn wir jetzt noch eine Weile gut reden, dann ist das auch ein Stück davon.

Wo Sie Ihr Alter schon selbst ansprechen: Sie haben seit 1975 fast 50 Alben aufgenommen. Das klingt nach Arbeitstier. Trifft es das?

Ich hatte Phasen, da wollte ich das nicht mehr. Aber ich habe auch immer gesagt: Meine Lieder haben mich gerettet. Das ist zwar sehr pathetisch, aber es stimmt. Mit 16 bin ich in die Clubs, habe eine Lehre vorher gemacht als Kaufmann, und dann habe ich das aufgegriffen, was mir Leute beigebracht und wozu sie mich erzogen haben: Mich zu äußern, darum ging es. Und dieser Prozess, der war schon arbeitstierisch. Aber es ist auch erfüllend. Und so gesehen wird sich das hoffentlich nicht än-dern. Ich denke sogar oft: schade, dass das nicht länger gehen kann.

Dieser Arbeit steht etwas gegenüber oder zur Seite, was in Ihren Stücken immer wieder auftaucht: diese große Sehnsucht. Woher kommt die?

Wenn ich eine Analyse machen oder von außen gucken würde, war das erst ein Leidensweg. Ich bin protestantisch erzogen und wie jeder in Deutschland mit so einer Nachkriegsgeschichte aufgewachsen. Der Vater fehlte und ich habe immer gesagt: Ich war alleinerziehend. Und dieser Leidensweg hat sich dann verändert und so eine Sehnsucht artikuliert. Da kann man nun fragen: wonach? Aber irgendwann habe ich verstanden, dass das gar nicht immer ein Ziel haben muss.

Auch Ihr Publikum wächst mit Ihnen mit und wird älter. Haben Sie das Gefühl, junge Menschen noch zu erreichen?

Wenn ich will, ja.

Das heißt, Sie wollen das manchmal gar nicht?

Na ja, du kommst dann in so einen modischen ... davor habe ich manchmal Angst, dass man dann anfängt, Skateboard zu fahren.

Trotzdem zeichnet Sie eine Vielseitigkeit aus, über die in der FAZ mal stand, man könne Sie eigentlich nur mit Hildegard Knef vergleichen ...

Vor Jahren wäre ich gebauchpinselt gewesen, zumal ich Hilde sehr mag, wir kannten uns auch. Aber heute würde ich sagen: Ich bin bereit, mein eigenes Zeug gut zu finden. Eine Zeit lang habe ich meine Lieder nicht mehr so gut gefunden und ich glaube, das hat mein Publikum auch gemerkt. Zum Glück war es gnädig, weil ich meine Arbeit immer noch gut machte. Und in letzter Zeit fange ich an, die frühen Sachen wieder zu lieben. Jetzt stehe ich mir nicht mehr so im Weg. Vielleicht ist das dieses komische Bei-sich-Ankommen ...

Das Einzige, was Ihrer Vielseitigkeit, trotz einer Nähe zur SPD, fehlt, ist das Politische. Warum ist das so?

Ich glaube, in den Liedern steckt, manchmal verborgen, der Ruf nach den großen Worten wie Freiheit, nach einem Humanismus, danach, den Menschen zugetan zu sein. Aber ich war nie einer, der gerne laut wurde, wenn alle laut wurden. Früher habe ich arrogant gesagt: Politische Lieder sind peinlich, weil sie ein Parteiprogramm stemmen und für die gemacht sind, die es doch eh schon wissen. Und die anderen fühlen sich angeklagt oder belehrt.