Gnadenlos ehrlicher Blick auf sich selbst: der späte Dylan

Am 29. Juli 1966 begann ein Spiel, das für die Karriere Bob Dylans bis auf den heutigen Tag prägend sein sollte. Er verschwand, um wiederzukehren; er starb, um wiederaufzuerstehen. Bob Dylan, nunmehr 70 Jahre alt, mag der geniale Songdichter der Popmusik sein, ganz sicher ist er das cleverste Comeback-Kid der Musikgeschichte.
An jenem 29. Juli, einem Freitag, rast Bob Dylan auf einem 500-Kubikzentimeter-Motorrad des Typs "Triumph Tiger 100" durch die waldreiche Umgebung seines Wohnortes Woodstock (US-Bundesstaat New York) und dreht offenbar einen kapitalen Sturz.
Offenbar? Ein Polizeibericht existiert nicht, und anscheinend wird auch kein Krankenwagen alarmiert. Biker Dylan zieht sich aus dem Verkehr. Konzerte und sonstige Auftritte werden auf lange Zeit abgesagt. Bald geht das Gerücht, Dylan sei tot.
Tatsächlich hockte er im Keller seines Hauses, umgeben von den Jungs, die später als "The Band" einige Bedeutung erlangten, und spielte Song um Song ein; tatsächlich entzog er sich, woran viele Superstars zugrunde gehen – der totalen Vereinnahmung durch die Öffentlichkeit und dem Druck, immer noch besser zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte der 26-jährige Dylan binnen weniger Jahre sechs Alben produziert, zuletzt sein frühes Meisterwerk Blonde On Blonde. Er gönnte sich eine kreative Pause.
Die Früchte dieser Pause fuhr er im Herbst 1967 mit dem sparsam instrumentierten und bis ins Detail durchdachten Album John Wesley Harding ein. Eine Hymne auf das Außenseitertum, auf glückliche oder auch jämmerliche Weltferne, gipfelnd in dem Minidrama All Along The Watchtower, das auf vier Versen aus Jesaja 21 fußt.
Dylan wäre nicht der "Alias", als der er in Sam Peckinpahs Film "Pat Garrett and Billy the Kid" auftrat, hätte er in diesem Stil weitergearbeitet. Vielmehr verpasste er seiner Stimme eine Ladung Botox und gab auf Nashville Skyline (belanglos) und Self Portrait (entsetzlich) den Schlagersänger.
Was folgte, waren kleine Comebacks und auch große Auferstehungen, die Alben Desire und Blood On the Tracks, die indes von neuen Spielarten des Abtauchens abgelöst wurden, etwa in die Rolle eines christlichen Verkünders.
Dylan hat sich nie "neu erfunden", er hat sich höchstens wiedergefunden. In jeder Krise half ein Rückgriff auf seine Wurzeln im Folk oder das Spielen im Kreis der Kollegen. Ende der Achtziger, als man von Dylan nurmehr in der Vergangenheit sprach, feierte er plötz - liche Erfolge als Mitglied der "Traveling Wilburys".
1989 erscheint das Album, das dem Alterswerk die Richtung weist: Oh Mercy. Alles ist bereits vorhanden, was seine Alben im neuen Jahrhundert auszeichnen wird, tiefe Melancholie und freier Bewusstseinsstrom, vorgetragen in einem Sprechgesang, der einem ziellosen Umherstreifen zu entspringen scheint. Dylan, der ewige Wanderdichter.
Die poetische Schärfe junger Jahre ist hier der Introspektion gewichen, einem gnadenlos ehrlichen Blick auf sich selbst.
Es ist dieser Blick, der den Dichter ausmacht.

Hinweis: Dieser Text erschien im Mai 2011 in der prisma-Ausgabe Nr. 20/2011