Längst sind Bibliotheken viel mehr als Aufbewahrungsorte für Bücher und andere Medien. Die Rolle der Einrichtungen hat sich stark gewandelt – ein Vorbild dafür liefert Skandinavien.

Restaurant, Kino, Konzertsäle, Musikstudios, ein 3D-Bereich für Präsentationen, Instrumenten- und Werkzeug-Verleih: Die Ausstattung der unteren Ebenen des im Dezember 2018 in Helsinki eröffneten Gebäudes aus Glas, Holz und Stahl lässt nicht sofort vermuten, dass es sich dabei um die Zentralbibliothek der finnischen Hauptstadt handelt. Literatur finden Besucher im Obergeschoss, einem weitläufigen, hellen Raum mit unzähligen Büchern in hohen weißen Regalen. Ein Wohnzimmer soll der rund 98 Millionen teure Bau für die Einheimischen sein, aber auch ein Ort der Interaktion, Kreativität und Entspannung. Symbolisch sind sein Standort mitten in der City und die futuristische Architektur, zukunftsweisend ist seine Rolle, die über den Auftrag, breiten Zugang zu Wissen zu ermöglichen, weit hinausreicht .

Medienkompetenz fördern

Auch in Deutschland hat sich die Funktion von Bibliotheken in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet. Begann die Entwickung einst mit der – neben dem Bücherverleih – zusätzlichen Ausleihmöglichkeit für Musik-, Hörspiel- und Videokassetten, setzte sie sich später über CDs und DVDs fort und ist inzwischen bei E-Books und weiteren digitalen Trägern angelangt. Bestellung, Auseihe und Rückgabe funktionieren übers Internet, Computerarbeitsplätze sind Standard. Viele Institutionen hierzulande gehen weitere Schritte Richtung Zukunft. So können etwa die Besucher der Zentralbibliothek der Stadtbüchereien Düsseldorf unter anderem mit virtueller Realität experimentieren und sich über digitale Themen austauschen.

Außerdem stärken immer mehr Bibliotheken gezielt die Medienkompetenz, etwa von Kindern, Senioren und Arbeitsuchenden. So unterstützt die Stadtbücherei Frankfurt am Main die Leseförderung und Medienbildung in 111 Schulbibliotheken. Das sich wandelnde Selbstverständnis spiegeln auch Bibliotheken in Ostdeutschland wider (siehe Kasten).

Analoges und Digitales verbinden

Die Ergebnisse einer 2018 erhobenen, repräsentativen Umfrage unter Bibliotheksleitungen in Deutschland zeigen, dass vor allem die Digitalisierung und das Nutzerverhalten den Wandel vorantreiben. "Bibliotheken haben sich neu erfunden", sagt Dr. Florian Höllerer, Mitglied des unabhängigen Expertengremiums "Rat für Kulturelle Bildung", das die Studie in Auftrag gegeben hat. "In Zukunft wird es immer stärker darum gehen, Bücher und digitale Medienformate nicht als gegensätzliche Pole anzusehen, sondern zu verbinden."

Sämtliche Facetten einer Bibliothek müssten nutzerorientiert gedacht werden, sagt Höllerer. "Das Leseangebot muss entspannt und innovativ gestaltet werden. Das schlägt sich auch in der Innenarchitektur nieder. Die Aufenthaltsqualität steht im Vordergrund, nicht die Funktion als Materiallager." Höllerer plädiert dafür, den Rollenwandel der Bibliotheken mit Lust und auch ein bisschen Übermut anzugehen. "Das ist der beste Weg, die Entwicklung selbst mitzugestalten."