Kindliche Wutausbrüche sind für alle Beteiligten höchst anstrengend. Danielle Graf, Co-Autorin eines Bestsellers zum Thema, erläutert Hintergründe und gibt Tipps, wie Eltern und Nach-wuchs diese Phase möglichst unbeschadet überstehen.

Ewige Klassiker: Beim Einkaufen bekommt die Kleine einen Brüll-Anfall, weil Mama die Haarspange nicht kauft. In der Fußgängerzone macht der Sohn eine Szene, weil er keine zweite Kugel Eis haben darf. Das nächste Kind weint bitterlich, weil es den Spaziergang partout nicht weiter auf seinem Dreirad fortsetzen will, obwohl es die Mitnahme des Gefährts vorher lautstark durchgesetzt hatte. Und zuhause? Ins Bett gehen, Fernseh-Stopp, Abendessen, Socken ausziehen, Pyjama anziehen, Zähne putzen, schlafen – alles doof. Für den Nachwuchs gibt es täglich ungezählte Anlässe zu Wut, Frust und Tränen.

Emotionen zulassen

Wichtig ist für Eltern, auch beim schlimmsten Anfall Verständnis für das Kind aufzubringen. Denn während der Autonomiephase, die meist ab dem ersten Lebensjahr beginnt, begreift es allmählich, dass es ein von Mama und Papa unabhängiger Mensch wird – und dass seine Wünsche manchmal von den elterlichen abweichen, wie Danielle Graf erklärt. Die Ratgeber-Autorin ist selbst Mutter und weiß: "Die Kleinkinder erleben erstmals in ihrem Leben Gefühle wie Wut und Trauer. Weil ihr Gehirn noch keine Strategien entwickeln konnte, diese intensiven Emotionen zu regulieren, sind sie ihnen hilflos ausgeliefert."

Wutanfälle entstünden also aus der natürlichen Unreife, nicht aus Trotz oder Provokation. "Daher ist es für uns Eltern wichtig, das Kind in seinen Gefühlen zu begleiten und sie ihm zuzugestehen." Dazu gehöre auch, herauszufinden, was es so wütend gemacht habe. Widerstehen sollten Eltern dem Impuls, den Anfall schnellstmöglich zu beenden und begrenzend einzugreifen. Graf: "Unsere Aufgabe ist es, die Gefühle zu benennen und Strategien zur Beruhigung zu zeigen. So schafft es das Gehirn, zunehmend besser mit den überwältigenden Gefühlen umzugehen." Also nicht ärgern, sondern konkret bewusst machen, dass das Kind nicht aus Vorsatz, sondern aus seiner natürlichen Entwicklung heraus so extrem reagiert.

Rituale etablieren

Wie gelingt Eltern das? "Das probiert am besten jeder individuell für sich aus", sagt Graf: Durchatmen, langsames Zählen, lautes Singen, in ein Wutkissen schlagen, Aufstampfen, all das kann helfen. Auch dem Kind sollte eine Zone zur Verfügung stehen, in der es seinen Emotionen Luft machen kann. Zudem raten Erziehungsexperten, heimische Abläufe so gut wie möglich vorauszuplanen und feste Zeiten einzuhalten. Denn Kinder reagieren auch oft auf Unregelmäßigkeiten im gewohnten Alltag mit Überforderung. Dazu gehören Zeitdruck, hungrig Erledigungen machen oder ein unruhiges Umfeld wie etwa bei Familienfeiern. Anpassungen der Infrastruktur wie ein Hocker an Wasch- oder Spülbecken, damit das Kind allein Hände waschen oder beim Kochen helfen kann, unterstützen es zudem auf seinem Weg zur Selbstkontrolle.

Noch ein Tipp: sich aufs Positive fokussieren. Meist gehen auch dem schlimmsten Gefühlsausbruch zahlreiche angenehme Momente voraus, in denen das Kind problemlos kooperiert hat.