Bewegung ist für ein gesundes Leben wichtig. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder möglichst früh zum Sport motivieren. Experten geben Tipps, wie das funktioniert.

Rund 60 Minuten moderate Bewegung täglich: So lautet die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO für Vor- und Grundschulkinder. Doch nur ein Drittel erreicht diese Mindestgrenze, bis ins Grundschulalter verringert sich die Anzahl weiter: Dann bewegen sich nur noch acht Prozent der Mädchen und zwölf Prozent der Jungen in Deutschland genügend, wie Prof. Dr. Klaus Roth vom Institut für Sport und Sportwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg anführt. "In aller Regel hat das lebenslange Effekte auf den Lebensstil. Die Inaktivität verfestigt sich."

Die Frage, wie man junge Menschen zu sportlicher Bewegung motiviert, stelle sich heutzutage anders als in Zeiten der Straßenspielkultur vor rund 30 Jahren, so Roth. "Früher fanden die Lebensaktivitäten der Kinder stark im Freien statt. Sie verbrachten dort drei bis vier Stunden und verbesserten ohne Anleitung ihre motorischen Fähigkeiten. Mit durchschnittlich elf oder zwölf Jahren traten sie in Sportvereine ein und konnten dann schon etwas." Eine ideale Grundlage, um sich mit Hilfe der Übungsleiter zu spezialisieren.

Sport schon im Mutterleib

Auch heute noch treffen Kinder in Sportvereinen auf ausgebildete Übungsleiter. "Allerdings meist komplett unausgebildet, weil das Eintrittsalter inzwischen bei etwa sechs Jahren liegt und sich Kinder vorher kaum noch eigenständig bewegen", sagt Roth. "Das ist ein Problem, da sie erst mal breitmotorisch und vielseitig ausgebildet werden müssen." Weder zeitlich noch inhaltlich könnten Vereine dies leisten. So erhielten gerade die Kinder mit dem größten Bedarf außerhalb des Schulsports keine sinnvolle Ausbildung mehr. Diesem Trend gelte es, gegenzusteuern.

Ratsam ist eine Art Sport schon im Mutterleib, wie apl. Prof. Dr. Swantje Scharenberg vom Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen (FoSS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sagt: "Es gibt ein Programm, das auf Bewegung von Müttern in der Schwangerschaft abzielt. Die Anregung ihres Kreislaufs wirkt sich positiv auf die Entwicklung des Ungeborenen aus." Auch nach der Geburt entdeckten Babys die Welt durch Bewegung, etwa indem sie sich drehen, wälzen und versuchen, aufzustehen. Angeleiteten Sport könnten Eltern mit ihrem Nachwuchs sehr früh beginnen, etwa Babyschwimmen, bei dem die Techniken die Ganzkörperbewegung beanspruchen.

Um herauszufinden, welche Sportrichtung der Nachwuchs später einmal einschlagen möchte, empfiehlt sich laut Scharenberg, ihm früh eine große Vielfalt anzubieten. Das schaffe die Basis für alles Weitere: "Dazu gehören unter anderem Bewegung mit Bällen oder im Wasser, Balancieren, spielerisches Ausdauertraining und Aktivitäten in der Gruppe." Kinderturnen etwa decke ein breites Spektrum ab. "Für die Entwicklung der motorischen Grundeigenschaften ist das optimal", sagt Scharenberg. Ballspiele haben Klaus Roth zufolge außerdem die positive Eigenschaft, die Mehrheit der Kinder zu "locken" – und ihnen so einen leichten Einstieg in den Sport zu ermöglichen.

Leistungsdruck vermeiden

Ist das motorische Fundament gelegt, kommt womöglich eine Spezialisierung. Aber in welche Richtung? "Das ist zum einen regional geprägt", urteilt Scharenberg. Der Umstand, etwa in einer Fechthochburg aufzuwachsen, beeinflusse oft die Entscheidung. Doch auch ohne solch ein Umfeld küren Kinder aus den vorliegenden Optionen zum anderen gemäß Interesse und Talent ihren Favoriten. "Jede Sportart ist geeignet", sagt Roth. "Ausgenommen natürlich sämtliche Wettkampfformen, gerade zum Beispiel Profiboxen, Gewichtheben und Skifliegen." Es komme eher auf das "Wie" statt das "Was" an. "Das Konzept muss altersgerecht sein – das erfüllen alle gut organisierten Verbände." Roths Rat für weniger talentierte junge Menschen: Sportvereine, die sich nicht ausdrücklich auf frühzeitige Wettbewerbserfolge ausrichten.

Apropos Erfolge: Kräftemessen ist unter jungen Menschen laut Psychologin Lisa Musculus von der Deutschen Sporthochschule Köln zwar relevant, Leistungsdruck resultiert aber eher aus dem Einfluss Dritter wie Trainer oder Eltern. Statt eines expliziten Vergleichs mit Konkurrenten sollten die Leistungen im individuellen Rahmen an eigenen Erfolgen ausgerichtet werden. "Kinder können ihre Leistungen selbst oft nicht einschätzen, das stabilisiert sich erst im Laufe der Entwicklung. Das Umfeld kann daher über Leistungsdruck mitunter hohen Druck ausüben." Deswegen sollten Eltern, aber auch Trainer, sensibel für Überforderungs-Anzeichen sein, rät Musculus. "Kinder können das meist schlecht in Worten ausdrücken und reagieren eher körperlich, beispielsweise mit Erschöpfung, Gereiztheit oder psychosomatischen Bauchschmerzen vor dem nächsten Turnier."