"Aktenzeichen XY ... ungelöst", eines der großen alten TV-Formate der Deutschen, wird 50 Jahre alt. Rudi Cerne hat immer hin 15 davon aus nächster Nähe gesehen. Wie lebt es sich mit dem Verbrechen?

Am 20. Oktober 1967 flimmerte Eduard Zimmermanns Idee, Schwerverbrecher über das Fernsehen zu jagen, erstmals über den Bildschirm. "Aktenzeichen XY ... ungelöst" hatte in seinen frühen Jahren allerdings fast ebenso viele Kritiker wie Fans. Dennoch erwies sich das ZDF-Format als extrem langlebig und sorgte – wie nur wenige deutsche Programme – auch im Ausland für Furore. Seit 2002 wird die Sendung von Rudi Cerne moderiert. 1958 im Ruhrgebiet geboren fand der ehemalige Weltklasse-Eiskunstläufer über Praktika zum Fernsehen. Er arbeitete dort vor allem als Sportmoderator. Zwischen 1999 und 2006 war Cerne unter anderem Gastgeber des "Aktuellen Sportstudios". Die Jubiläumssendung von "Aktenzeichen XY ... ungelöst" hat das ZDF am Mittwoch, 25. Oktober, 20.15 Uhr, im Programm. Vorher spricht Cerne über Angst und Fälle, die in Erinnerung blieben. Im guten wie im schlechten Sinne.

prisma: Die Aufklärungsquote der bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst" liegt bei 40 Prozent. Sind Sie damit zufrieden?

Rudi Cerne: Damit kann man sehr zufrieden sein, denn zu uns kommen nur Fälle, bei denen die Polizei nicht mehr weiter weiß.

prisma: Als Ihr Format vor 50 Jahren startete, wurde es von jenen, die sich eine freiere Gesellschaft wünschten, schnell als Repräsentant des autoritären Staats ausgemacht.

Cerne: Für die 68er-Generation war Öffentlichkeitsfahndung natürlich ein rotes Tuch. Stichwort: Denunziantentum. Aber sagen Sie mir eine Alternative! Öffentlichkeitsfahndung ist so alt wie die Menschheit. Wenn Schwerverbrecher, wie zum Beispiel Mörder, Unterschlupf in der Masse unbescholtener Bürger suchen, muss man davor nicht kapitulieren. Andererseits kann es natürlich auch zu Verwechslungen kommen. Ich selbst habe das erlebt.

prisma: Ach ja?

Cerne: Es war am 27. Dezember 1978. Da bin ich mit dem RAF-Terroristen Christian Klar verwechselt worden. Damals herrschte der Deutsche Herbst: Die Morde an Buback und Ponto, die Flugzeugentführung und Befreiung der Geiseln in Mogadischu. Es war eine sehr nervöse Zeit. Von Christian Klar gab es ein Fahndungsfoto, auf dem er mir sehr ähnlich sah. Ich kam als Eiskunstläufer mit dem Flugzeug von einem Schaulaufen zurück. Ein Passagier meinte, mich als Christian Klar erkannt zu haben, und die Stewardess glaubte ihm. Als ich ausstieg, wurde ich verhaftet. Der Polizist, der die Waffe auf mich richtete, hatte weiße Lippen und war aufgeregt. Ich dachte damals: Bloß keine schnelle Bewegung!

prisma: Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, dass ein TV-Format wie "Aktenzeichen" zum politischen Glaubensbekenntnis wird, oder?

Cerne: Das stimmt. Daran sieht man, wie sich die Gesellschaft verändert hat. Damals hatte man Angst, die Freiheitsrechte könnten eingeschränkt werden. Heute, gerade in den letzten Jahren, macht sich ein erhöhtes Sicherheitsdenken breit. Die Angst vor Anschlägen und anderen Verbrechen sorgt dafür, dass man einem Format wie unserem eher wohlwollend begegnet.

prisma: Können Sie diese Angst verstehen? Das statistische Risiko, in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist verschwindend gering.

Cerne: Ich selbst denke ebenso und habe keine Angst davor. Andererseits bin ich ein vorsichtiger Mensch. Durch die Fälle, die ich in "Aktenzeichen XY ... ungelöst" vorstelle, fühle ich mich bestätigt.

prisma: Auf welche Weise zeigt sich Ihre Vorsicht im Alltag?

Cerne: Wenn mir jemand zu nah kommt, sei es mit dem Wagen auf der Autobahn oder als Fußgänger in einer Menge, gehe ich zur Seite und lasse die Person durch. Körperliche Nähe dieser Art ist mir unangenehm. Grundsätzlich bin ich ein zuversichtlicher Mensch, der mit offenen Augen durch die Welt geht.

prisma: Hatten Sie das schon immer mit der körperlichen Nähe?

Cerne: Nein, das kam durch die Prominenz. Mit dem Eiskunstlaufen.

prisma: "Aktenzeichen XY ... ungelöst" gilt nicht nur als erstes Reality-TV, sondern es ist auch eine der ganz wenigen deutschen Fernseherfindungen, die im Ausland kopiert wurden.

Cerne: Richtig – und das in durchaus wichtigen Fernsehmärkten. Großbritannien zeigt immer noch "Crime Watch UK" auf BBC. In den USA lief das bei FOX und hieß "America's Most Wanted". Es gab und gibt aber noch viele weitere Kopien von Eduard Zimmermanns Idee in anderen Ländern.

prisma: Sie übernahmen die Moderation vor 15 Jahren. Gerade in den letzten Jahren fährt das Format unglaublich starke Quoten ein. Sind die nur dem Zeitgeist geschuldet?

Cerne: Ich glaube, es hat auch etwas mit der Machart zu tun. Wir verlängerten die Sendung damals von 60 auf 90 Minuten. Mit der Folge, dass die im Film vorgestellte Fälle nicht mehr sechs Minuten, sondern im Durchschnitt 15 Minuten dauerten. Das heißt, der Zuschauer hat viel mehr Zeit, um sich auf eine Person, auf ein Opfer einzulassen. Damit wecken wir mehr Emotionen. Man weiß ja bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst": Dieser Mensch, der da begleitet wird, überlebt diesen Film vielleicht nicht. Also will man wissen, was passiert. Im Prinzip gehen wir einen Weg, den die Fiktion lange vor uns ging. In den Krimis aus meiner Kindheit wusste man nie etwas über die Opfer. So etwas wäre heute undenkbar. Man erzählt emotionaler, und das tun auch wir.

prisma: Ein Erfolgsrezept der Sendung?

Cerne: Den Erfolg bringt uns die Realität. Die Emotionalität wird durch die Härte der Wirklichkeit erschaffen. Alles ist echt, dicht und spannend.

prisma: Ab und zu führen Sie Interviews mit Angehörigen im Studio. Zum Beispiel mit Eltern von Kindern, die vermisst werden. Wie gut halten Sie das aus?

Cerne: Ich bin natürlich angefasst. Andererseits weiß ich, die Betroffenen kommen mit einer großen Hoffnung zu uns. Für viele ist es der letzte Versuch, nach vielen Jahren. Ich hatte Gespräche mit Müttern und Vätern, die mir geradeheraus sagten: "Das ist jetzt für uns der Abschluss, danach geben wir auf." Das trägt natürlich eine große Ambivalenz in sich. Vor allem dann, wenn sich am Ende tatsächlich keine neuen Hinweise ergeben. Ich versuche, gefasst durch diese Interviews zu gehen. Wenn die Leute ins Fernsehstudio kommen, ist das für sie der pure Stress: Kameras, Licht, fremde Menschen – ihre Geschichte. Ich versuche, den Leuten ein Anker und eine Stütze zu sein.

prisma: Sie wirken als Typ emotional eher zurückhaltend ist. Fühlen Sie sich durch solche Begegnungen nicht gequält?

Cerne: Anfangs hatte ich auch Sorge, dass wir zu sehr auf den Gefühlen der Menschen herumreiten. Wenn die Leute dann sagen, dass sie sehr dankbar sind, in dieser Sendung auftreten zu dürfen, hilft mir das ungemein. Die Angehörigen haben das Gefühl: "Es kümmert sich noch jemand um uns."

prisma: Treffen Sie die Angehörigen noch mal, nachdem Sie Ihre Hoffnung aufgeben mussten?

Cerne: Eher nicht. Es ist in unserer Sendung nicht vorgesehen und wäre auch ziemlich grausam, negatives Feedback zu verbreiten. Die Aufklärungsquote bei Langzeitvermissten ist ziemlich gering. Das muss man von Anfang an wissen. 90 Prozent der Vermissten-Fälle klären sich innerhalb von drei Tagen. Aber da bleiben immer noch ein paar Tausend Menschen. Bei uns waren auch die Eltern von Maddie McCann, ein Ärzte-Ehepaar. Da sagte der Vater ganz nüchtern zu mir: "Solange ich nicht den Beweis habe, dass meine Tochter tot ist, hoffe ich weiter, dass sie lebt. Sagen Sie mir eine Alternative!" Mir ist bislang keine eingefallen.

prisma: Welcher aufgeklärte Fall hat Sie am glücklichsten gemacht?

Cerne: Glücklich wäre in diesem Zusammenhang der falsche Ausdruck, aber manchmal entsteht so etwas wie große Genugtuung. Wie im Mordfall Lolita Brieger – den haben wir nach 29 Jahren aufgeklärt. Die Mutter der Toten, über 80 Jahre alt, sagte zu mir: "Jetzt habe ich endlich ein Grab, an dem ich trauern kann." Für sie war die Nachricht vom Tod der Tochter eine Erlösung. Besonders ist mir auch der Fall Siegrid Paulus in Erinnerung. Sie wurde von ihrem Mann im Streit erwürgt. Viele Jahre galt sie als verschwunden. Die Tochter hatte die Initiative ergriffen, damit zu "Aktenzeichen XY ... ungelöst" zu gehen. Wir haben das nachgestellt – als Vermissten-Meldung. Danach riefen Leute an, die zum Zeitpunkt des Verschwindens umfangreiche Baumaßnahmen an dem Haus beobachtet hatten. Es gab einen richterlichen Beschluss, und vieles sollte noch mal aufgerissen werden. Doch dann legte der Ehemann ein Geständnis ab. Er erzählte den Beamten, wo er die Leiche seiner Frau eingemauert hatte.


Quelle: teleschau – der Mediendienst