Ein Kleinkind geht in Frankfurt verloren, die griechische Betreuerin verschwindet ohne eine Nachricht, und die deutsche Mutter dreht durch. "Ein Atem" (2015) erzählt von zwei über dieses Ereignis verbundenen, sehr unterschiedlichen Frauen. In seinem Drama analysiert der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Christian Zübert Alltagssituationen in Nord- und Südeuropa und denkt dabei über Schuld und Sühne ebenso nach wie über das Thema Männer- und Frauenrollen. Die ARD wiederholt Züberts Werk zur besten Sendezeit.

Beim Liebemachen im alten Kinderzimmer, Wand an Wand mit dem Bruder ihres Freundes – so stellt der Film die Protagonistin Elena vor, gespielt von der vielversprechenden Newcomerin Chara Mata Giannatou. Wer sich wie viele in Athen keine eigene Wohnung mehr leisten kann, wohnt als Erwachsener bei seiner Familie. Die Jobs sind rar, und als Elena ihre Anstellung als Zimmermädchen auch noch verliert, reist sie nach Deutschland zum Arbeiten. Sie hat dort Kontakte und spricht die Sprache, nur ihren Freund muss sie zurücklassen, denn er will trotz schlechter Aussichten lieber in Griechenland bleiben. Als eine Schwangerschaft bei ihr festgestellt wird, verliert sie den Job im Nachtclub und wird bei einer gut situierten deutschen Familie Kindermädchen für die kleine Lotte.

Eben noch stark und selbstbewusst, droht sie bei ihrem neuen Job zu scheitern. Sie hat keine Ahnung von Kindern, ist schnell gestresst und überfordert. Und Lottes Mutter Tessa (Jördis Triebel) gehört zu den Helikoptermüttern. Als Lotte plötzlich spurlos verschwindet, wird Tessas scheinbar gut funktionierende Ehe infrage gestellt. Das wäre alles sehr überzeugend, hätte man nur nicht das Gefühl, dass alle möglichen Themen reingepackt wurden – etwa die Unvereinbarkeit von Kind und Karriere. Für die Ausarbeitung bleibt keine Zeit. Das weckt Unmut beim Zuschauer, vor allem gegenüber der Figur von Lottes Vaters Jan (Benjamin Sadler) und seines familiären Hintergrunds.

Aber Regisseur und Autor Christian Zübert führt den Zuschauer ohnehin in eine andere Richtung. Nachdem er im ersten Teil Elenas Geschichte erzählt hat, sorgt ein geschickter Kunstgriff dafür, dass die Zeit zurückgedreht wird. Vom Zusammentreffen der beiden Frauen an wird nun alles noch einmal aus Tessas Perspektive erzählt. Dadurch relativieren sich Tessas zuvor manchmal verstörende Verhaltensweisen etwas, dennoch ist die ganze Figur zu extrem angelegt. Zübert will Tessa durchdrehen lassen. Sie glaubt, die plötzlich verschwundene Elena hätte ihr Kind mitgenommen und reist nach Griechenland, um die inzwischen auch verstörte Frau zu finden.

Der erzählerisch starke erste Teil verliert durch die Dramatik des zweiten an Kraft, auch wenn wiederum interessante und vielsagende Begegnungen auf Tessas Reise nach Griechenland dem Film bis zuletzt Höhepunkte verleihen. Wie Christian Zübert uns vorführt, dass die Wahrheit wohl oft nur von der Perspektive abhängt, ist sehenswert.


Quelle: teleschau – der Mediendienst