Wirtschaftswunder und Wiederaufbau sind richtig in Schwung gekommen, und nach der Arbeit versüßen die Schlager von Vico Torriani und Caterina Valente den Feierabend. Nur einem ist im Frankfurt am Main des Jahres 1958 nicht mehr nach Amüsement zumute. Der gut aussehende junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) brütet auf Partys meist einsam vor sich hin. In seiner Junggesellenwohnung stapeln sich Akten über Naziverbrecher, in seinen Albträumen besucht er KZ-Arzt Josef Mengele in dessen Arbeitszimmer. "Das ist der Schlimmste, weil er so ist wie wir", sagt Radmann. Gerade deshalb, weiß das hervorragende Drama "Im Labyrinth des Schweigens" (2014), ist die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit so mühevoll. Das ZDF zeigt den Film, der als deutscher Kandidat für einen Auslands-Oscar ausgesucht wurde, nun zu später Stunde als Free-TV-Premiere.

Anfangs ist es Radmann nur leid, sich um Verkehrsdelikte zu kümmern. Als keiner seiner Kollegen die Anzeige wegen Massenmordes gegen einen Lehrer aufnehmen will, die der "Frankfurter Rundschau"-Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) und der jüdische Künstler und ehemalige KZ-Insasse Simon Kirsch (Johannes Krisch) anstrengen, nimmt sich Radmann der Sache an. Er sticht in ein Wespennest von Verdrängung. Die Seilschaften zwischen ehemaligen Funktionären und Schergen des NS-Regimes und den Autoritäten der jungen Bundesrepublik reichen bis in die Spitzen von Justiz, Politik und Wirtschaft. Nur der weitgehend isolierte Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) unterstützt Radmann bei seinen Ermittlungen.

Wie wichtig die Auseinandersetzung mit den Gräueln des Dritten Reiches ist, zeigt die spontane Umfrage des Journalisten Gnielka im Justizgebäude: Von Auschwitz haben Radmanns Kollegen bisher so wenig gehört wie er selbst. Allenfalls sei das doch nur ein Kriegsschauplatz gewesen wie viele andere auch, oder? Was er einmal in einem Film gesehen habe, hält der ranghöhere Staatsanwalt Otto Haller (Johann von Bülow) bloß für alliierte Propaganda. Ungläubig hält Radmanns Sekretärin Schmittchen (Hansi Jochmann) beim Protokollieren der ersten Zeugenaussagen immer wieder inne. Aber dann muss sie sich vor Entsetzen übergeben.

Die Motivik des Labyrinths ist für Radmanns schwierige Untersuchungen, die im Kern für die Vorarbeit des Auschwitz-Prozesses von 1963 bis 1965 stehen, durchaus passend. Auch wird dem Aufklärer, der immer wieder den roten Faden verliert und seine eigene Familie in den Genozid verwickelt findet, clevererweise als Freundin die Schneiderin Marlene Wondrak (Friederike Becht) an die Seite gestellt, die die neue alte Elite einkleidet.

Zu demonstrieren, wie schwierig es gewesen ist, in der jungen Bundesrepublik auch bei Menschen mit innerer Bereitschaft dazu ein Bewusstsein für die Dimensionen des industriellen Tötens der Nazis zu schaffen, ist das große Verdienst des hervorragenden Films von Regisseur Giulio Ricciarelli und Autorin Elisabeth Bartel. Ganz besonders heutzutage, da man sich mit Informationen über die Shoah überfüttert glaubt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst