Eine Webseite zu einer TV-Serie verspricht meist Spaß: lustige Clips, Interviews und die ein oder andere Information, die dem Zuschauer bisher verborgen war. Umso mehr fällt "13reasonswhy.info" aus der Reihe. Sobald der Besucher angegeben hat, aus welchem Land er kommt, erscheint eine Liste mit Internetadressen, bei denen er sich im Falle von Suizidgedanken helfen lassen kann. Hat jemand die Domaine missbraucht? Den Namen der Serie zweckentfremdet? Nein, wissen diejenigen, die schon die erste Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht", wie der deutsche Titel lautet, gesehen haben. Denn, dass der Suizid einer Schülerin im Fokus steht, hat für viele Diskussionen und heftige Kritik gesorgt. Ab Freitag, 18. Mai 2018, ist nun die zweite Staffel der Netflix Eigenproduktion zu sehen – und nicht nur die Fans, sondern auch die Kritiker dürfen neugierig sein.

Worum kann es in der zweiten Staffel noch gehen? Hannah Baker (Katherine Langford) ist tot. Die Schülerin nahm sich das Leben. Doch zuvor sprach sie auf 13 Kassetten detailliert die Gründe, für ihren Suizid. Dabei ist jedes Band einer Mitschülerin oder einem Mitschüler gewidmet. Einer brach ihr das Herz, eine andere stellte sie bloß. Von Mobbing bis hin zu einer Vergewaltigung, kreidet Hannah nun an, was ihr widerfahren ist. Der Zuschauer hört die Kassetten gemeinsam mit Clay Jensen (Dylan Minnette), der heimlich in Hannah verliebt war.

Den Protagonisten treffen die Seher auch in der zweiten Staffel wieder. Nun findet der blasse Junge statt den hörbaren Hinweisen Polaroid Fotos, die ihn ermutigen, weiter nach der Wahrheit in Hannahs Fall zu suchen. Nacheinander müssen die Jugendlichen als Zeugen vor Gericht im Prozess zwischen der Schule und Hannahs Eltern aussagen. So entsteht zum zweiten Mal ein Flickenteppich aus Erinnerungen und Ereignissen, der nach und nach zeigt, die Interessen der Schüler und die Gründe für Hannahs Tod zeigen. Es entsteht ein harter Kontrast zwischen früher und jetzt, der vor allem die Veränderung der Figuren nach dem traumatischen Ereignis hervorhebt.

Nichts wird beschönigt

Diese Serie zeigt eine realistische, ehrliche Welt, keine übertriebene High-School-Kulisse, wo sich der Quarterback doch noch in die Außenseiterin verliebt. Bei "Tote Mädchen lügen nicht" wurde ein Teenager in den Tod getrieben, und nichts wird beschönigt. Hannahs Kassetten-Manifest jedoch, bereitete Eltern und Erwachsenen Sorge. Stimmen wurden laut, die vor einem Werther-Effekt warnten – dem Effekt, dass Jugendliche Hannahs Tat nachahmen könnten. Der Streaming-Dienst und die Macher mussten Kritik einstecken, man gehe zu leichtfertig mit Suizid um, zeige ihn zu detailliert und spiele vor, dass man erst, wenn man tot ist, gehört wird. Aus gegebenem Anlass blendete Netflix vor einigen Folgen der ersten Staffel einen Warnhinweis ein. In Neuseeland wurde sogar darüber beraten, ob man die Serie erst ab 18 Jahren freigibt, und Interessierte zuvor nur mit ihren Erziehungsberechtigten schauen dürften.

Von anderen Seiten aus wurde dagegen gelobt: Diese Serie trifft den Puls der Zeit. In einem Making-of für die erste Staffel erklärt Autor Jay Asher: "Das Thema Selbstmord ist ein unangenehmes Gesprächsthema, aber es passiert, also muss man darüber reden." In einem zweiten kurzen Trailer, stellen sich die Schauspieler vor und warnen fast schon davor, die Serie zu schauen: Man solle sich einen Freund oder ein Elternteil dazu holen. Trotzdem heißt es von Katherine Langford: "Indem wir diese schwierigen Themen beleuchten, hoffen wir, dass wir den Zuschauern helfen, eine Konversation darüber anzufangen." Das ist mit der ersten Staffel gelungen, nun wird die bereits aufgebaute Plattform genutzt, die Debatte weiterzuführen.

"Wir müssen junge Menschen aufklären"

Und das Timing könnte nicht besser sein. Tobt nicht seit Monaten die MeToo-Debatte? Diskutieren Medien und Menschen nicht seit Wochen sexuelle Belästigung? Trauen sich nicht endlich Frauen an die Öffentlichkeit zu gehen mit ihren Erlebnissen? Und fragt man sich nicht immer wieder, welche Strafe die Täter bekommen? Diese Frage ist wohl der Kern der zweiten Staffel: Wer trägt wirklich die Schuld? Wer hätte eingreifen können? Und bekommt Brice Walker (Justin Prentice), der Hannah vergewaltigte, auch seine gerechte Strafe? Fragen, die hier fiktional aufgearbeitet werden und doch nicht aus der Luft gegriffen sind. Schauspielerin Kate Walsh propagiert: "Wir müssen junge Menschen aufklären." Und wo geht das einfacher als im Fernsehen, bei Netflix?

Wer sich nun in die Irren und Wirren der zweiten Staffel stürzen möchte, der sollte sich die Ereignisse aus den ersten 13 Folgen nochmals ins Gedächtnis rufen. So schnell wie ihr Vorgänger zieht die zweite Staffel den Zuschauer nicht in den Bann, denn es wird eher auf das Vergangene geblickt, nur wenige Neuigkeiten kommen zutage. Netflix bleibt der außergewöhnlichen und spannenden Erzählweise treu und spinnt das Netz der Figuren mit einigen neuen Gesichtern weiter.


Quelle: teleschau – der Mediendienst