Eine junge Frau wurde entführt – so wie zwei weitere vor Jahren. Die hatte der Täter damals nach drei Tagen umgebracht. Für Wilsberg und seine Freunde beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Auch nach 20 Jahren, in denen uns Leonard Lansink bisher den Wilsberg machte, wird er immer mal wieder gefragt, wie lange er das noch so halten wolle – und ob er nicht Angst vor der berühmten "Schublade" habe und da auch mal wieder heraus wolle. Lansink zitiert dann gern den Satz einer PR-Dame, die mal zu ihm gesagt habe: "Um aus einer Schublade herauszukommen, musst du erst mal in einer drin sein!" Soll heißen, Lansink, mittlerweile 61, fühlt sich äußerst wohl in seiner Samstags-Schublade. Auch nach 20 Jahren "Wilsberg" im ZDF will er "weitermachen, so lange ich reden und denken kann". In seinem 55. Fall, "Straße der Tränen", wird der Antiquar vor allem mit einer Jugend konfrontiert, die dem Internet huldigt – und das reichlich gedankenlos. Es ist Wilbergs Sicht, und sie passt zu ihm wie angegossen.

Analog gegen digital, einsamer und umsichtiger Wolf gegen vorauseilende Computer-Kids – so ungefähr lauten die Gegensätze, die sich im neuen "Wilsberg" gegenüberstehen. Wenn dann auch noch Wilsbergs Antipodin, die Hauptkommissarin Anna Springer (Rita Russek), auf ihr "Bauchgefühl" pocht und ihre konservative Sicht der Dinge hinzufügt, ist die Devise "Mehr Spaß als Spannung" wieder einmal programmiert.

Helfer Ekki war's

Emelie Boll, eine junge Frau, wurde nach einem Clubabend entführt – so wie zwei weitere Frauen vor zwei Jahren. Und weil eben diese nach jeweils drei Tagen ermordet wurden, beginnt für Wilsberg & Co. ein Kampf gegen die Zeit. Denn es scheint ganz so, als hätte der Serienmörder von damals wieder zugeschlagen. Ausgerechnet Wilsbergs Freund und Helfer Ekki (Oliver Korittke) wurde aber gesehen, wie er Emilie als Tramperin im Auto nach Hause fuhr. Unter dem eilends ins Internet gestellten Hashtag "#woistemelie" scheint der Fall für viele Follower schnell geklärt: Ekki war's. Gleich wird denn auch auf Ekkis Karre ein weißes "M" gepinselt – ganz wie im Fritz-Lang-Fim "M – Eine Stadt sucht einen Mörder". Ein etwas hoch gegriffenes Zitat.

An Ekkis Schuld können allerdings weder Wilsberg noch die Kommissarin Springer glauben. Doch während Wilsberg mit einem ganzen Pulk Internet-Freaks gemeinsame Sache macht, um den Täter zu finden, wendet sich die Kommissarin von dieser Strategie mit Verachtung ab. Erst recht ist ihr zudem eine Kriminalpsychologin suspekt, die schon damals ein Täterprofil entwickelt hat, das sich aus den üblichen Attributen zusammensetzt: Freude an Gewalt und Machtdemonstration attestierte sie dem Täter, der im privaten Umfeld eher zurückhaltend wirke. An den Videofilmen, die der Täter ins Internet stellt, ist das alles auch für den Laien zu erkennen.

Kleine finale Moralpredigt

Es hängen dann, mit oder ohne Internet, noch manche falschen Fische am Haken. Und es dauert, bis der Münsteraner Privatdetektiv und Antiquar Wilsberg endlich zu einer kleinen finalen Moralpredigt ansetzen kann. Ob es nicht besser wäre, sich ganz analog an die Umwelt zu wenden, wenn man sich verachtet und ausgeschlossen fühle, statt sich in die Untiefen des world wide web zu begeben, fragt er nicht ohne Grund. Darin schwingt fraglos auch Wilsbergs Sehnsucht mit, dass das ganz reale Leben, ohne Hashtags und zweifelhafte Internet-Nerds wieder Platz greifen möge. Einfach wieder mit guten Freunden recherchieren, der eigenen Nase nach, und bombensicher den Wettlauf mit der hassgeliebten Berufskommissarin gewinnen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst