Der berüchtigte KitKatClub in Berlin: Jetzt kommt eine intime Kino-Doku!
Wenn der Name KitKatClub fällt, entstehen in vielen Köpfen schillernde Bilder von nackten Körpern, Fetisch-Outfits, Technobeats und ausschweifenden Partys. Der Dokumentarfilm "KitKatClub – Kinks of Berlin" setzt andere Schwerpunkte. Regisseur Philipp Fussenegger (36) interessiert sich nicht in erster Linie für die provokant-frivole Oberfläche, sondern für die Menschen, die hinter der Club-Tür feiern. Sein Film begleitet ihr Leben zwischen Beruf, Alltag, Beziehungen und Berliner Nachtleben. Er stellt die Frage, was ein Ort wie das KitKat mit Identität, Freiheit und Nähe zu tun hat.
Am 10. September 2026 ist der Dokumentarfilm in den deutschen Kinos angelaufen. Vier Jahre hat Fussenegger daran gearbeitet. Die Produktion entstand unter teilweise schwierigen Bedingungen, denn der KitKatClub ist ein Ort, an dem Kameras grundsätzlich nicht erwünscht sind. Diskretion gehört zum Selbstverständnis der Location. Der Regisseur beschreibt das Projekt deshalb als seine bislang komplexeste Filmarbeit.
"Kinks of Berlin": eine Dokumentation über Freiheit, Sex und Identität
Der Film begleitet mehrere Menschen, deren Lebenswelten sich stark unterscheiden. Da ist Tim, der als Drag-Künstler Raven Van Krueger im grellen Scheinwerferlicht auf der Bühne steht. Tagsüber ist er auf Unterstützung des Jobcenters angewiesen, im KitKat tritt er als Drag-Performer auf und erfährt dort viel Anerkennung. Der Club ist für ihn daher nicht vorrangig ein Ort zum Feiern, sondern vielmehr die Bühne für seinen persönlichen Traum.
Oli und Foxy leben eine Owner-/Pet-Play-Beziehung. Oli übernimmt die Rolle des Herrchens, Foxy die des Hundes. Der Film begleitet das Paar sowohl zu Partys als auch zu ihnen nach Hause und skizziert so eine Beziehung, deren Regeln und Rituale für die beiden Stabilität bedeuten. Zwischen Gruppensex und intimen Momenten wird deutlich, dass dieses Lebenskonzept mit den üblichen Vorstellungen von Fetischkultur nur wenig gemein hat.
Auch Simon Thaur (66), einen der Mitgründer des KitKatClubs, findet man unter den Protagonisten. Der Österreicher blickt auf langjährige Erfahrungen in der BDSM-Szene zurück. Als Pornoregisseur finanzierte er den Club in den Anfangsjahren mithilfe seiner Filme. Gemeinsam mit seiner Partnerin Mali repräsentiert er die ältere Generation hedonistisch orientierter Menschen innerhalb der sexpositiven Szene. Ihre Beziehung stellt neben dem Ausleben von Dominanz und Unterwerfung auch den unterschiedlichen Umgang verschiedener Generationen mit diesem Thema dar.
Elisa lebt polyamorös und ist pansexuell. Im KitKat fühlt sie sich frei und kann ihre Sexualität ohne Tabus ausleben. Sie spricht mit ihrem Vater über ihre Erlebnisse und besucht letztendlich gemeinsam mit ihm den Club. Überdies berichtet sie über die Schattenseiten falsch verstandener Freizügigkeit.
Mit Vici und Marvin begleitet die Dokumentation ein weiteres BDSM‑Paar. Im Club lebt Marvin seine Rolle als Dom, Vici die Rolle der Sub. Ihr Alltag außerhalb des Clubs sieht völlig anders aus: Vici arbeitet als toughe Businessfrau, Marvin unterstützt sie im täglichen Leben. Für beide bilden BDSM-Rituale, Zuneigung, Vertrauen und klare Regeln eine Einheit.
Die Performance-Künstlerin Hottie de Paris verbindet Erotik, Kunst und Selbstinszenierung. Ihre "Reclaiming Sensuality"-Performances verkörpern Sinnlichkeit, Empowerment und Bodypositivity. Voraussetzung für ihre Show "Body Heat" ist Consent. Sie kennt den Kodex der Szene und beschäftigt sich mit der Frage, wie – ungewollte – Grenzüberschreitungen besser verhindert werden können.
David wiederum eröffnet einen anderen Blickwinkel auf das Clubleben. Er fühlt sich im KitKat wohl und ist dort Stammgast, erkennt jedoch zunehmend, dass Konsum und Partyleben seinen Alltag bestimmen. Er versucht, sich aus der Szene zurückzuziehen und ein neues Leben aufzubauen. Seine Schwester Steffi unterstützt ihn dabei, trotzdem zieht es ihn immer wieder zurück.
Die aus den USA stammende Lexi hat das KitKat ebenfalls zu einem festen Bestandteil ihres Berliner Lebens gemacht. Sie besucht dort häufig Sexpartys und pflegt ihre Kontakte in der Szene, fühlt sich außerhalb des Clubs aber nicht im gleichen Maße zugehörig. Ihre Geschichte erweitert die bisherige Darstellung um die Perspektive einer Frau, die Berlin zugleich als überaus offene Stadt sowie als schwieriges Pflaster erlebt.
Vier Jahre Arbeit für einen schwer zugänglichen Ort
Für Fussenegger war es nicht leicht, Zugang zum KitKatClub zu erhalten. Kameras müssen an der Tür abgegeben werden. Privatsphäre und Diskretion gelten als Grundlage für die Existenz des Clubs. Der Regisseur wollte bewusst nicht von außen über eine Subkultur berichten. Sein Zugang zur Szene entwickelte sich deshalb über persönliche Beziehungen und ein hohes Maß an Vertrauen, das über Jahre gewachsen war.
Es ging ihm weniger um das Einfangen spektakulärer Momente als um die Abbildung von Grenzbereichen und Überschneidungen: das Schminken vor dem Auftritt, den Blick in den Spiegel, das Anziehen eines Kinky-Outfits oder das Umschalten zwischen verschiedenen Identitäten. Der Film folgt keiner klassischen linearen Erzählung. Begegnungen und Geschichten überlagern sich. Seine Montage orientiert sich vorrangig an der emotional bedingten Dramaturgie.
Auf einen erklärenden Off-Kommentar und die sonst üblichen Experteninterviews verzichtet Fussenegger vollständig. Der Film beabsichtigt, sich den dargestellten Welten nicht aus der Distanz zu nähern, sondern sehr persönliche Erfahrungen zu vermitteln. Seine Kamera beobachtet, ohne Menschen vorzuführen. Nähe und Zurückhaltung stehen dabei in einem ständig spürbaren Spannungsverhältnis.
Der Regisseur bewegt sich seit mehr als einem Jahrzehnt in der Szene. Sein erster Besuch im KitKat habe in ihm die Erkenntnis angestoßen, dass neben der – ihm aus Österreich vertrauten – monogam und patriarchal geprägten Gesellschaft auch andere Beziehungs- und Lebensformen möglich seien. Diese Idee habe er mit seinem Film auch für Menschen außerhalb der Clubwelt erfahrbar machen wollen.
Dass die Dreharbeiten manchmal belastend waren, verschweigt Fussenegger dabei nicht. Er berichtet von mehreren Nervenzusammenbrüchen und davon, dass einige Protagonisten während der Produktion aus dem Projekt ausgestiegen sind. In Räumlichkeiten zu drehen, in denen Kameras verboten sind, erforderte klare Absprachen mit zahlreichen Beteiligten.
Stilvolle Schwarz-Weiß-Bilder statt Voyeurismus
"KitKatClub: Kinks of Berlin" beeindruckt durch kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder. Deren Ästhetik verleiht dem Film eine ganz eigene visuelle Sprache und rückt Körper, Kleidung, Licht und Bewegungen in den Mittelpunkt. Dennoch bleibt der Film nicht auf die reine Clubnacht beschränkt. Die Protagonisten werden zusätzlich in ihren Wohnungen und im Alltag präsentiert.
Da der Film explizite Inhalte zeigt, ist er erst ab 18 Jahren freigegeben. Auch Themen wie Drogenkonsum, sexuelle Übergriffe, Alkohol und die Schattenseiten eines Lebens auf der Suche nach Ekstase und Kontrollverlust kommen zur Sprache. Für Fussenegger dürfen diese Aspekte bei einer ehrlichen Betrachtung der Szene nicht ausgeklammert werden.
Eine zentrale Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Dokumentation: Wo endet Freiheit und wo beginnt der Übergriff? In einer Umgebung, die von körperlicher Nähe lebt, kommt dem Thema Consent eine zentrale Bedeutung zu. Der Film betont, dass diese Form sexueller Offenheit auf einvernehmlichen Absprachen basiert und keineswegs mit unreflektiertem grenzüberschreitendem Verhalten gleichzusetzen ist.
KitKatClub Berlin: Die Geschichte des legendären Clubs
Mit seiner Gründung im März 1994 durch das österreichische Paar Kirsten Krüger und Simon Thaur beginnt die Geschichte des Berliner KitKatClubs. Die ersten Partys fanden in der "Turbine" an der Glogauer Straße in Kreuzberg statt. Das Konzept verband Berliner Techno-, Goa- und Sunrise-Partys mit der SM- und Fetischszene. Die Idee: ein Ort, an dem Sexualität offen und spielerisch ohne die Hemmnisse bürgerlicher Konventionen ausgelebt werden kann.
Seinen Namen erhielt der Club nach dem "Kit Kat Club" aus "Cabaret", der wiederum auf Christopher Isherwoods (†81) Berlin-Erzählungen zurückgeht. Der historische Club aus Musical und Film befand sich allerdings weder am selben Ort, noch handelt es sich um seine Fortsetzung.
Vom Kreuzberg zum heutigen Standort
Aufgrund wachsender Publikumszahlen wechselte der KitKatClub mehrfach den Standort. 1999 zog der Club ins Metropol am Nollendorfplatz, ab 2001 in die Malzfabrik in Schöneberg. Seit 2007 ist er in der Köpenicker Straße beherbergt, in den früheren Räumen des Sage Clubs, von wo aus er sich endgültig zu einer festen Größe des Berliner Nachtlebens entwickelte. Eine der bekanntesten Veranstaltungen ist der samstagnachts stattfindende "CarneBall Bizarre", der traditionell in die Sonntags-Afterhour "Nachspiel" übergeht.
Wofür steht der KitKatClub?
Das Selbstverständnis des Clubs lässt sich mit einem Satz beschreiben: "Alles kann, nichts muss." Das bedeutet jedoch bei weitem nicht, dass dort alles erlaubt wäre. Niemand darf zu Sex, Nacktheit, Berührungen oder in eine bestimmte Rolle gedrängt werden. Allein der Besuch der Location bedeutet noch längst keine sexuelle Einwilligung. Ein Nein muss akzeptiert werden. Ebenso gilt eine Zustimmung immer nur für die konkrete Handlung.
Der KitKatClub feiert Technobeats, sexuelle Selbstbestimmung, Fetisch- und BDSM-Kultur, queere Lebensweisen und Nacktheit. Auch ein strenger Dresscode gehört zum Konzept. Bei den meisten Veranstaltungen sind Jeans und T-Shirt unerwünscht. Stattdessen werden Fetischkleidung, Latex, Leder, Dessous, Kostüme, Bodypainting oder glamouröse Outfits gefordert.
KitKatClub: Das Clientel
Innerhalb der Club-Community herrscht Vielfalt: Techno-, House- und Trance-Fans treffen auf Queere, Anhänger der Fetisch- und BDSM-Szene, Paare, sexpositive Singles, Künstler, DJs sowie internationale Besucher. Nicht jeder Gast des KitKatClubs hat dort zwangsläufig Sex. Manche tanzen, flirten oder beobachten nur, andere suchen wiederum erotische Kontakte.
Die größten Mythen rund um den KitKatClub
Der verbreitetste Irrtum besagt, dass im KitKat "alles erlaubt" sei. Diese Annahme ist falsch. Es gelten klare Regeln: kein ungefragtes Anfassen, Respekt vor persönlichen Grenzen, keine privaten Fotos, kein aggressives Verhalten und keine Störung intimer Situationen. Nacktheit, Darkrooms und Playareas können zwar Teil des Cluberlebnisses sein, dennoch ist niemand zur Teilnahme verpflichtet.
Auch Gerüchte über prominente Gäste gehören zum Mythos. Viele dieser Erzählungen sind nicht eindeutig dokumentiert und vermischen sich oft mit Anekdoten aus anderen Berliner Clubs. Strikte Diskretion und das absolute Fotoverbot tragen dazu bei, dass manche Namen im Dunkeln verborgen bleiben.
Die legendäre Türpolitik
Die Tür des KitKatClubs ist genauso Teil des Mythos. Gründerin Kirsten Krüger galt über viele Jahre als Aushängeschild der Einlasspolitik. Abgewiesen werden können Gäste aus einer Vielzahl von Gründen: unter anderem wegen Alltagskleidung, Trunkenheit, aggressivem oder respektlosem Verhalten, einer erkennbar voyeuristischen Absicht oder schlicht, weil ihr Auftreten nicht mit der jeweiligen Veranstaltung harmoniert. Die Tür soll eine bestimmte Mischung von Gästen gewährleisten und trägt somit das Konzept des Clubs. Für Außenstehende ist es oft schwer vorhersehbar, wer Einlass erhält und wer abgewiesen wird.
Zwischen Freiraum und Kritik
Das positive Selbstbild des Clubs steht bisweilen in der Kritik. Kann ein Raum mit dunklen, schwer einsehbaren Bereichen allen ausreichend Schutz bieten, da ja der Großteil der Verantwortung bei den Gästen selbst liegt? Gegenstand der Debatte sind darüber hinaus Alkohol- und Drogenkonsum, der Umgang mit Übergriffen und die Transparenz der Awareness-Strukturen.
Die Kritik greift einen grundsätzlichen Widerspruch auf: Je stärker ein Ort Freiheit und sexuelle Offenheit verspricht, desto höher sind die Erwartungen der Gäste und damit auch die Anforderungen an Sicherheitskonzepte, insbesondere bezüglich der Wahrung von Grenzen. Für einen Club, dessen Ruf auf Selbstbestimmung beruht, stellt die praktische Umsetzung der Schutzmaßnahmen einen zentralen Maßstab dar.
KitKatClub – eine (außer-)gewöhnliche Location
Über drei Jahrzehnte nach seiner Gründung bleibt der KitKatClub auch zukünftig weit mehr als irgendeine Adresse für nicht enden wollende Techno-Nächte. Er ist Bühne und Treffpunkt, Projektionsfläche und Rückzugsort, Treffpunkt für Selbstinszenierungs-Freaks und für alle Menschen, die sich außerhalb konventioneller Lebensentwürfe bewegen.
Die Kino-Doku "KitKatClub Berlin: Kinks of Berlin" gewährt sowohl nüchterne als auch zärtliche, in jedem Fall aber nicht-alltägliche Einblicke hinter eine der strengsten Türen Berlins. Dieser Schwarz-Weiß-Film birgt die seltene Chance, sich einer bunt gemischten Szene zu nähern, eingerahmt von einer einzigartigen, legendären sowie sagenumwobenen Location.
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