"John Lennons geheime Liebe: May Pang": Kritik zum Dokumentarfilm auf ARTE
Die Ehe von John Lennon und Yoko Ono war nicht immer nur jene große Liebe, die das Promi-Paar in Kunstwerken und Auftritten ausstellte. Zwischen 1973 und 1975 lebte Lennon mit seiner Assistentin May Pang zusammen. Der Dokumentarfilm "John Lennons geheime Liebe: May Pang" berichtet von dieser Zeit.
Wer an John Lennon in den Siebzigern denkt, hat vielleicht zwei Bilder im Kopf. Am ehesten das des New Yorker "Love-and-Peace"-Aktivisten und Ehemanns Yoko Onos. Wer jedoch ein bisschen tiefer schürft und die Jahre 1973 bis 1975 betrachtet, findet auch John, den Trinker und Party-Chaoten, der in Los Angeles mit Harry Nilsson die Nächte durchzechte. 18 Monate zwischen 1973 und 1975 gelten als das "Lost Weekend" John Lennons, der diese Zeit in Anspielung auf den berühmten gleichnamigen Trinkerfilm Billy Wilders aus dem Jahr 1945 so bezeichnete. 1980 wurde John Lennon im Alter von 40 Jahren in New York von einem Attentäter erschossen. Dass der ehemalige Beatle zwischen 1973 und 1975 mit seine produktivste Solophase hatte, geht in der Legende oft unter. Der 2021 veröffentlichte amerikanische Dokumentarfilm "John Lennons geheime Liebe: May Pang" (Originaltitel: "The Lost Weekend: A Love Story"), den ARTE als deutsche Erstausstrahlung zeigt, erzählt jene Lebensphase aus Sicht jener Frau, die dabei war: May Pang. Ab dem Tag der Ausstrahlung findet sich der Film bis zum 21. Dezember 2026 auch in der ARTE-Mediathek.
Pang, aufgewachsen in Spanish Harlem als Tochter chinesischer Einwanderer, kam als Teenager zu Apple Records, der Plattenfirma der Beatles, und wurde bald die persönliche Assistentin von John und Yoko. Als deren Ehe in die Krise geriet, wurde sie zu Johns Geliebten, und zwar – so May Pangs Version – auf ausdrückliches Betreiben Yoko Onos. Der Film nimmt diese Konstellation als Ausgangspunkt und bleibt konsequent bei Pangs Blick. Die 1950 geborene New Yorkerin Pang ist Erzählerin und Zeitzeugin zugleich. Sie ist Anfang 70 zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Films und blickt darin auf ihr junges Ich zurück, das seine erste große Liebe erlebt.
Aus der großen Liebe wird eine Fußnote
Dabei ist der manchmal fast etwas zu rasant geschnittene und erzählte Film am stärksten, wenn er Material zeigt, das man noch nicht kannte: private Fotos, Heimaufnahmen und Lennons eigene Skizzen, die seinen Alltag reflektierten. Dazu Archivbilder, in denen Pang schon früher in Talkshows erzählte, wie ihre Affäre und/oder Liebe ablief. Interviews mit Alice Cooper, Tony King und Jim Keltner fügen ein bisschen Rock-'n'-Roll-Klatsch bei. Musikalisch ist diese Zeit ohnehin beeindruckend: Die Alben "Mind Games" (November 1973) sowie "Walls And Bridges" (September 1974) mit Lennons einzigem US-Nummer-eins-Hit "Whatever Gets You Through The Night" – sowie "Rock'n'Roll" (Februar 1975), ein Coveralbum, entstanden aus absurd chaotischen Sessions mit Phil Spector – entstammen der "Lost Weekend"-Phase
In Archivaufnahmen sieht man Lennon mit Elton John, David Bowie und Ringo Starr singen und spielen. Auch Paul McCartney und Lennon kamen in jener Zeit wieder miteinander in Kontakt. Durchaus bewegend ist, wie Pang die Annäherung zwischen Lennon und seinem damals entfremdeten Sohn Julian aus erster Ehe anstieß. Julian selbst kommt im Film zu Wort und unterstützt Pang in ihrer Sichtweise. Die Schwäche von "John Lennons geheime Liebe: May Pang" ist zugleich Konzept: Der Film ist eine sehr persönliche Dokumentation, die keinen Anspruch auf Ausgewogenheit erhebt. Lennon erscheint versöhnlicher als üblich, Yoko Ono dagegen als kontrollierende Figur im Hintergrund. Eine, die anruft, dazwischenfunkt und am Ende alles beendet. Es ist Pangs Wahrheit, die Gegenstimmen fehlen. Auch das Ende des 18-Monate-Trips wirkt so abrupt, wie Pang es erlebte: Lennon kehrt eines Tages in New York spontan zu Ono zurück und aus der großen Liebe wird eine Fußnote.
John Lennons geheime Liebe: May Pang – Fr. 23.10. – ARTE: 21.55 Uhr
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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH