Im Interview

Sebastian Ströbel: "Eigentlich bin ich kein Gipfelstürmer"

22.10.2026, 15.12 Uhr
Sebastian Ströbel ist bekannt als der Bergretter in der ZDF-Serie. Doch der Schauspieler kann mehr, wie er im Interview über seine Anden-Tour, Wertevermittlung und seine Familie verrät.

Steigeisen an und los: Sebastian Ströbel ist wieder als "Bergretter" im Einsatz, wenn die beliebte ZDF-Serie am 29. Oktober in die 18. Runde geht. Doch der "sportbekloppte" Naturfreund kann viel mehr: Ein Interview mit Sebastian Ströbel über seine Anden-Tour, die Vermittlung von Werten und seinen moralischen Kompass.

Auch Termindruck und eine volle To-Do-Liste können Sebastian Ströbels freundlichem Gemüt nichts anhaben. Aufgrund eines Wetterumschwungs beim Dreh ist Zeit für ein spontan vorgezogenes Interview, das der "Bergretter"-Darsteller gern wahrnimmt. Jede Antwort kommt mit Bedacht, ausführlich und mit einer Stimme, die verrät, dass er brennt für das, was er tut. In diesem Jahr sind das zahlreiche Filmprojekte, neben den "Bergrettern", wo er seit zwölf Jahren den Leiter Markus Kofler spielt, auch die Romanze "Vulkanherzen" sowie eine "Terra X"-Doku über die Anden. Doch vor allem schwärmt er für seine Familie. Ströbel ist verheiratet und Vater von vier Töchtern. "Dankbarkeit" ist ein Wort, das ihm häufig über die Lippen kommt. Starallüren? Keine Spur. Lieber verbringt der 49-jährige Wahl-Hamburger, der einst mit "Kommissar Rex" sein Bildschirmdebüt feierte, Auszeiten mit seinen fünf Mädels, gern in der Natur oder auch beim Sport. Momentan steht er jedoch schon für die nächste Staffel der "Bergretter" vor der Kamera. Die neuen Folgen starten am 29. Oktober, 20.15 Uhr, und werden donnerstags ausgestrahlt.. Online sind sie jeweils eine Woche früher zu sehen.

prisma: Herr Ströbel, wir erwischen Sie in Ihrer Mittagspause an einem Drehtag voller Actionszenen ...

Sebastian Ströbel: Ich bin in meinem normalen Habitat, wir drehen schon für die nächste Staffel "Die Bergretter". Zunächst geht es erst einmal mit der aktuellen Staffel weiter, dann erscheinen mein Buch und eine Doku von "Terra X" über die Anden, schließlich "Vulkanherzen", ein ZDF-Film. Mitte November drehe ich einen Thriller auf Malta fürs ZDF. Mit "Terra X" geht es im Januar weiter.

"Menschen dem Berg entreißen"

prisma: Die Zuschauer lieben "Die Bergretter" seit vielen Jahren. Warum sind die Geschichten immer noch nicht auserzählt?

Ströbel: Weil wir einfach aus dem Leben schöpfen und keinen Inhalt kreieren, den es nicht gibt. Wir zeigen die Dramen des menschlichen Zusammenlebens, die jeder kennt. Wir haben den archaischen Kampf des Menschen, der versucht, dem Berg die anderen Menschen zu entreißen, außerdem Geschichten über Solidarität, Nächstenliebe, ehrenamtlichen Einsatz. Das sind Werte, die wir uns alle wünschen und die für die Gesellschaft von enormer Bedeutung sind. Dabei präsentieren wir keine heile Welt: Unsere ist genauso oft brüchig und die Dramen am Berg haben manchmal auch keinen guten Ausgang. Trotzdem halten wir in der Not alle zusammen. Darum liebe ich dieses Format nach wie vor: Wir können den Menschen emotional etwas mitgeben, wonach sie sich sehnen und womit sie sich identifizieren können.

prisma: Wie eng ist die Zusammenarbeit mit der echten Bergrettung?

Ströbel: Sehr eng. Wir drehen ja meistens hochalpin, und da sind immer Mitarbeiter von der Bergrettung dabei. Wenn der Hubschrauber ins Spiel kommt, arbeiten wir mit dem ÖAMTC (Österreichischer Automobil-, Motorrad- und Touring-Club, d. Red.) zusammen. Auch mit Bergführern gibt es einen engen Austausch. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir voneinander profitieren und dass wir von der Bergrettung so aktiv unterstützt werden: Die Zuschauer sehen, was passieren kann, wenn man sich nicht gut vorbereitet, keine richtige Ausrüstung hat, keine Routenplanung macht. Deswegen ist es ein Stück weit ein Erfolg unserer Reihe mit der echten Bergrettung, dass wir das Augenmerk der Menschen auf die Gefahren, aber auch die Kostbarkeiten unserer Umwelt lenken, die es in den Bergen eben gibt.

prisma: Sind Sie selbst jemals in Bergnot geraten?

Ströbel: Nein, Gott sei Dank noch nicht. Mein Bestreben ist auch, das niemals zu erleben, damit es keine peinliche Schlagzeile gibt wie: "Bergretter muss aus alpiner Not gerettet werden" (lacht). Für meine Dokumentationen in den Anden haben wir den Huayna Potosí bestiegen, einen Sechstausender in Bolivien. Da hätte es durchaus sein können, dass ich es aufgrund der Höhenkrankheit oder anderer Komplikationen nicht bis zum Ende schaffe und auf Rettung angewiesen gewesen wäre.

Über die Liebe, sich zu "schinden"

prisma: Wie haben Sie diese Tour erlebt? War das ein langgehegter Traum?

Ströbel: Es war Wahnsinn! Ich fand die Zahl 6000 so abstrus, dass ich daran nie gedacht habe. Aber als man mir das Projekt auf dem Serviertablett reichte, wurde ich gierig (lacht). Dabei bin ich eigentlich kein Gipfelstürmer, sondern genieße eher den Weg nach oben, auch wenn ich es liebe, mich zu schinden. Aber wenn dann alle Augen auf einen gerichtet sind, will man es natürlich schaffen. Der Weg dahin war fantastisch, unbeschreiblich schön, wirklich das Filetstück unserer Doku.

prisma: Was waren die größten Schwierigkeiten?

Ströbel: Das Schwierigste war wirklich die mentale Stärke. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich mit der Höhe gut zurechtkomme. Trotzdem blieb immer ein Rest Unsicherheit – ist man genug akklimatisiert oder macht der Körper doch noch zu? Hält das Wetter? Wir hatten nur einen Versuch, um hochzukommen. Um Mitternacht stapften wir los, mit Steigeisen in der Seilschaft, über den Gletscher – irre, wenn man im Schein seiner Stirnlampe schweigend den Berg hochgeht. Wir hatten nur ein kurzes Zeitfenster, weil es bei Sonnenschein durch die Lawinengefahr zu gefährlich wird. Dann noch nebenher zu drehen, wieder ein Stück zurückzulaufen, wieder zu drehen, O-Töne aufzunehmen, das war für das ganze Team sehr herausfordernd.

prisma: Wann kommt der nächste Sechstausender?

Ströbel: Ich würde das gar nicht an der Höhe festmachen. Was mich triggert, ist die Reihe, die ich bei "Terra X" machen darf, denn dadurch komme ich in Situationen, die ich mir selbst nicht schaffen würde, wie auch schon in der Arktis oder den Alpen. Ich möchte mir nicht irgendwelche Träume erfüllen, sondern Geschichten von und über Menschen erzählen. Dieser Aufgabe widme ich mich voller Dankbarkeit und Herzblut und nehme alles mit, was mir auf dem Weg begegnet. Wenn ich die Filme sehe, erinnere ich mich an die Menschen, die ich getroffen habe, und bin stolz auf das ganze Team, weil wir es geschafft haben, die Emotionen aus dieser Reise auf den Bildschirm zu bekommen.

prisma: Sind Sie grundsätzlich eher der Bergtyp oder mögen Sie das Meer genauso gerne? Schließlich leben Sie in Hamburg.

Ströbel: Ich bin ja Gott sei Dank in der Lage, mir beides herauszusuchen. Das ist Luxus, denn ich liebe die Natur. Durch die "Bergretter" bin ich gezwungen, in die Berge zu gehen, und danach kann ich am Meer Entspannung finden. Ein Strandlieger bin ich nicht, auch wenn ich mich der Magie des Meeres nicht entziehen kann. Aber wenn man mir die Pistole auf die Brust setzen würde und ich mich entscheiden müsste, wären es die Berge.

Zuhören, um gemeinsam Größeres zu erreichen

prisma: Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus, gerade auch im Hinblick auf Ihre "Hauptrolle" als Vater von vier Mädchen? Sind Ihnen dabei Werte wichtig, die Sie vermitteln wollen?

Ströbel: Auf jeden Fall. Trotzdem würde ich nicht ablehnen, einen Bösewicht zu spielen und nicht die Rollen nur aussuchen, um irgendwelche Werte zu vermitteln. Mein Beruf ist dazu da, auch Zerstreuung zu schaffen. Wenn man damit etwas Schönes transportieren kann, ist mir das natürlich umso lieber. Aber ich bin ein sehr moralischer Mensch, und bei allem, was ich tue, versuche ich immer, meinen moralischen Kompass zu beachten, vor allem in meinem täglichen Leben. Natürlich gibt es Bücher und Filme, die einfach nur der Zerstreuung dienen. Daran finde ich nichts Verwerfliches. Unterhaltung wird in Deutschland immer viel zu negativ gesehen. Das ist ein ganz großes Missverständnis, denn es heißt ja nicht, dass man den Menschen nicht trotzdem irgendwas mitgeben kann.

prisma: Ist es das, was Sie anstreben – eine Message im Unterhaltungsformat?

Ströbel: Ich will nicht übermoralisch sein oder mit erhobenem Zeigefinger auftreten, niemanden überfordern oder fertigmachen. Ich will, dass man über die seichte Welle sozusagen den Stein höhlt und sagt: Seht euch an, wie schön alles ist, und jeder kann ein Stück dazu beitragen. Es lohnt sich, gemeinsam dafür zu kämpfen, ohne sich gegenseitig niederzubrüllen. Wir müssen uns zuhören und dankbar sein für jeden Schritt, den jeder Mensch um uns herum auch in diese Richtung macht. Diese Art des Miteinanders sollten wir mehr verinnerlichen. Das wünsche ich mir von allen, auch von der Politik: dass wir versuchen, eine Vision für uns alle zu entwickeln, wie und wo und was wir leben wollen.

prisma: Sie erwähnten in einem anderen Gespräch, dass Sie mit Ihrem Vater von klein auf viel über Politik diskutierten. Machen Sie das mit Ihren Kindern auch?

Ströbel: Ja, auf jeden Fall. Ich bin ein historisch sehr interessierter Mensch. Auch Reisen sehe ich immer unter dem Aspekt der Geschichte. Das habe ich meinen Kindern immer angeboten, ohne sie zu überfordern. Wir laufen nicht stundenlang mit ihnen durch Museen, aber wenn es das Bedürfnis gibt, über Dinge wie Politik zu reden und über das, was in der Welt passiert, dann ist es wahnsinnig schön, sich da auszutauschen. Es ist toll zu sehen, wie die Kinder sich schon früh eine eigene Meinung bilden und auch für mich als Vater ein großes Geschenk, von ihnen zu lernen, damit man nicht versteift. Bewegung ist immer gut.

prisma: Kritische Fragen von den eigenen Kindern sind unglaublich spannend ...

Ströbel: Absolut. Und da sollte man genau hinhören und es annehmen, ohne gleich in eine Verteidigungshaltung zu gehen, was gerade bei Älteren ein häufiger Reflex ist. Wichtig ist, dass man in beide Richtungen zuhört, den Alten wie den Jungen, damit man das Miteinander, um etwas Größeres zu erreichen, sieht.

Mit offenen Augen, Neugier und Empathie durch die Welt

prisma: Sie mögen es, Menschen zu unterhalten, und haben dazu ganz unterschiedliche Dinge, vom "Traumschiff" bis zu "Terra X" gemacht. Was liegt Ihnen am meisten?

Ströbel: Das sollen andere beurteilen. Mein Beruf ist so bunt, geil und schön! Es wäre so, als würde man als Arzt sagen, ich behandele keinen Schnupfen, weil es mir zu langweilig ist. Alles hat seine Berechtigung und ich liebe es, unterschiedliche Sachen zu machen, weil sonst sehr schnell eine Routine einsetzt. Das kann ein Polizist sein, der sich um gestrandete Jugendliche kümmert, oder ein Bergretter Markus Kofler, der sich altruistisch in jedes Abenteuer stürzt oder bei "Vulkanherzen" ein etwas tolpatschiger Wissenschaftler, der sich durch Teneriffa schlägt. Das ist der Reichtum, den ich habe. Wenn ich etwas annehme, dann werfe ich mich voll rein und kann wirklich allem etwas abgewinnen. Dann brenne ich dafür.

prisma: Wie bekommen Sie diesen bunten Beruf mit Ihrem Familienalltag unter einen Hut?

Ströbel: Auch wenn ich viel unterwegs bin, ist allen klar: Die Nummer eins ist die Familie. Immer, egal was ist. Wenn man das vermittelt, dann fühlen das auch die Anderen. Ich habe so wahnsinniges Glück mit meinen Kindern und meiner Frau, aber das geht nur, wenn Gesundheit, viel Demut und Dankbarkeit dabei sind und man alle mitnimmt auf seiner Reise. Wenn ich jetzt anfangen würde, mich als coolen Star zu sehen und mein eigenes Ding zu machen, würde es nicht funktionieren. Ich bin alleine überhaupt nichts. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Das haben wir über die Jahre für uns entwickelt und bisher ist es gut gegangen.

prisma: Sie haben über Werte gesprochen: Zuhören ist Ihnen wichtig, die Nähe zur Natur. Was möchten Sie Ihren Kindern noch mitgeben?

Ströbel: Es gibt diesen banalen Spruch, dass man alle so behandeln sollte, wie man selbst gern behandelt werden möchte. Damit ist ganz schnell ein moralischer Kompass vorhanden. Und dass man ein Auge für die Schwachen hat. Dass man mit offenen Augen, Neugier und Empathie durch die Welt geht. Wenn man das tut und die Menschen liebt, kommen die Werte alle von selber. Es gibt oft die Frage: Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich gern raten? Das macht für mich keinen Sinn. Das Leben stellt einen ja ständig vor Entscheidungen, die alle Konsequenzen haben. Ich bereue keinen Fehler, den ich gemacht habe. Man muss Dinge selber durchmachen.

prisma: Wenn Sie zwischen Drehtagen einmal gar nichts zu tun haben, was machen Sie dann gerne?

Ströbel: Dann bin ich bei der Familie. Und wenn ich ganz alleine wäre, würde ich einfach gern lesen und in der Natur sein, am besten noch mit Sport. Ich bin ja ein bisschen sportbekloppt und liebe es, mich zu bewegen. In den Bergen bin ich am liebsten Skitourengeher, aber ich mag auch Klettersteige und Wanderungen. Freunde zu treffen liebe ich auch. Das vermisse ich manchmal. Wenn man so viel arbeitet, fallen solche Dinge oft hinten runter, was mich traurig macht. Dann bin ich um so glücklicher und dankbarer für die Menschen, die ich direkt an meiner Seite habe.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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