Marco Bellocchio

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Filme vom linken Flügel: Marco Bellocchio
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Marco Bellocchio
Geboren: 09.11.1939 in Piacenza, Italien

Ursprünglich will Marco Bellocchio nur kurz sein Philosophiestudium unterbrechen, um ein paar Semester an der römischen Filmhochschule Centro Sperimentale Kurse über Filmdarstellung und Regie zu besuchen. Was als Bildungserweiterung gedacht war, wird zur Profession: Bellocchio dreht Kurzfilme, studiert 1964/65 an der Slade School of Fine Arts in London, wo Thorold Dickinson lehrt, und schreibt während dieser Zeit das Drehbuch zu dem Film "Die Fäuste in der Tasche". Er geht nach Italien zurück, um die Finanzierung des Filmes zu sichern, mit dem er 1965 debütiert - erfolgreich bei Publikum und Presse.

Das Werk ist eine aggressive, wütende, intelligente Satire auf die Institution Familie: Eine blinde Witwe hat vier Kinder. Drei sind Epileptiker, nur eines führt ein normales Leben. Doch auch der Junge wird an einer normalen Entwicklung gehindert. Bei dem Versuch, diesen einen zu befreien, tötet einer der Brüder die Mutter und den jüngeren Bruder und verletzt die Schwester so schwer, dass sie gelähmt bleibt und ihn deshalb bei einem seiner Anfälle nicht retten kann. "Verfall einer Familie, Agonie einer Gesellschaft: Höhepunkt und Schlüsselszene ist der traumhaft lang ausgespielte Moment, in dem der trügerische Feuerschein einer Befreiung, eines Neubeginns, einer möglichen Zukunft auflodert", schreibt Urs Jenny in "Filmkritik" (I/69) und zieht den Schluss: "Ohne das Vorbild von Bellocchios 'I pugni in tasca' wären etliche neuere italienische Filme, die sich mit bourgeoiser Pathologie anlegen, nicht denkbar."

Der Film wird beim Filmfestival in Locarno mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichnet und findet auch auf anderen internationalen Filmfestivals Anerkennung. Von der Kritik ebenso gefeiert wird Bellocchios zweiter Film, "China ist nahe" (1967), in Venedig mit dem Filmkritikerpreis ausgezeichnet. Im Kino ist er allerdings kein Erfolg. Vorgestellt werden drei Mitglieder einer bourgeoisen Familie: Ein Lehrer und schwächlicher Kompromissler, dem die Sozialisten eine Kandidatur bei den Lokalwahlen in Aussicht stellen, seine Schwester, die die Besitztümer verwaltet und der jüngere Bruder, Zögling in einem katholischen Internat, der heimlich eine maoistische Zelle errichtet. Am Ende des eher provokativen als analytischen Films sind die ehemals Herrschenden Opfer der Korruption und Gefangene ihrer früheren "Bediensteten".

Eine bittere Satire, eine Utopie voller Hoffnungslosigkeit ist auch "Im Namen des Vaters" von 1971. Der Glaube an die Revolution ist vorbei, eine Verbindung zwischen Arbeiterklasse und Intellektuellen scheint unmöglich: Ein Revolutionär in einem katholischen Internat versucht mit Hilfe eines Theaterspiels, das in Furcht und Schrecken versetzen soll, die Mitschüler und Lehrer aufzurütteln. Doch der Spiegel, den er den anderen vorhält, hat unterschiedliche Effekte: Die Padres haben sich schnell wieder der Wirkung entzogen, die Zöglinge sind wieder die geduckte Herde, die älteren gehen schweigend in ihre einsamen Kammern. Aber Bellocchios Zynismus geht noch weiter: Der Rebell ist blond, kühl, überheblich. Er erkennt die Abstumpfung der anderen zu wehrlosen Wesen, zu denen er nicht gehören will. Also tritt er, indem er sich rettet, nach unten weiter. Vieles, was er hier zeigt und formuliert, hat Bellocchio am eigenen Leib erfahren; der Sohn eines Rechtsanwaltes und einer Lehrerin hat selbst eine sehr strenge katholische Erziehung in Elternhaus und Schule hinter sich.

"Tödliche Schlagzeilen" heißt Bellocchios Film von 1973, der in Mailand während des Wahlkampfes spielt. Es geht um die Macht der Presse, die Einfluss nimmt auf die politische Entscheidung ihrer Leser. Ein Verbrechen wird einer Anarchistengruppe angelastet, die dadurch diffamiert ist. So ergibt sich eine Stimmungsmache gegen alle linksgerichteten Parteien. Der Chefredakteur, gespielt von Gian Maria Volonté, nutzt seinen Einfluss, um soziale Missstände zu kaschieren. Zu dieser Zeit gehört Bellocchio zum linken Flügel der kommunistischen Partei.

Dies und die politische Radikalität seiner Filme erschwerten es Bellocchio immer mehr, finanzielle Mittel aufzutreiben. Häufig kann er - wie beim "Monstrum" - nur noch einspringen, weil der ursprüngliche Regisseur erkrankt ist. Dennoch wurde eine persönliche Arbeit daraus. Das gilt etwa auch für schwächere Filme wie "Triumphmarsch" (1975) und "Teufel im Leib" (1986). Im ersten Fall wird ein sensibler Literaturstudent, der dem Militärdienst entfliehen will, zum Mustersoldaten umerzogen, im zweiten überträgt Bellocchio Raymond Radiguets Roman um die Liebe eines Studenten zur Ehefrau eines Frontsoldaten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs in die Zeit der "Roten Brigaden": Die Verlobte eines Terroristen verliebt sich in einen Schüler. Doch die Story hat in der Verlagerung nicht die Brisanz, der erotische Reiz überlagert die gesellschaftliche Aussage.

1980 erhalten Michel Piccoli und Anouk Aimée den Darstellerpreis in Cannes für den Film "Der Sprung ins Leere", mit dem Bellocchio erneut versucht, den Mechanismus der Unterdrückung des Menschen durch Institutionen vorzuführen: Ein Richter versucht vergeblich mit Hilfe eines Freundes, seine gemütskranke Schwester in den Selbstmord zu treiben.

1988 dreht Bellocchio "Sabba die Hexe", einen Film, in dem sich ein junger Psychater in einem kleinen Dorf in die Frau verliebt, die des Mordes denunziert wurde, weswegen er ein psychiatrisches Gutachten abliefern soll. In den 90er Jahren dreht Bellocchio vorwiegend fürs Fernsehen, wobei sein satirischer Stachel mehr und mehr an Schärfe verliert. In dem Prozess gegen einen Vergewaltiger ("Die Verurteilung", 1990) betrachtet er die Vorgänge aus der Sicht des Täters. Der begabte junge Schauspieler Massimo aus "Il sogno della farfalla" (1994) spricht seit seinem 14. Lebensjahr nur auf der Bühne. Außerhalb des Theaters äußert er sich nur schweigend.

Weitere Werke von Marco Bellocchio: "Liebe und Zorn" (eine Episode, 1969), "Keiner oder alle" (1974), "Il Gabbiano" (TV, 1977), "Vacanze in Val Trebbia" (TV, 1980), "Die Augen, der Mund" (1982), "Heinrich IV." (1984), "Zerbrochene Träume" (1995), "Der Prinz von Homburg" (1997), "La Religione della storia" (1998), "La Balia - Die Amme (1999), "L'Affresco" (2000), "Un Altro mondo è possibile" (2001), "... addio del passato..." (TV, 2002), "L'Ora di religione (Il sorriso di mia madre" (2002), "Der Tag, an dem die Nacht kam" (2003) und "Il Regista di matrimoni" (2006).


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