Das Landesmuseum in Bonn zeigt eine groß angelegte Ausstellung über die Zisterzienser – mit einigen Überraschungen.

Man könnte meinen, der Transport von Kunstwerken sei eine recht profane Angelegenheit. Kiste auf, Kunstwerk rein – und ab die Post. Doch wer schon einmal miterlebt hat, wie akribisch solche Transporte vorbereitet werden, mit welcher Hingabe sich Kuratoren, Res tauratoren und Kuriere Bildern oder Skulpturen widmen, die auf Reisen gehen sollen, der weiß: Es hat etwas Sakrales.

Handelt es sich auch noch um kirchliche, nicht "bloß" um weltliche Kunst, wird aus einer Transportfahrt endgültig ein ganz besonderer Auftrag. So wie beim Gemmenkreuz der Abtei Wettingen, das derzeit in Bonn zu sehen ist. Das hat den weiten Weg nicht antreten dürfen, ohne dass der Konvent zum Gebet zusammenkam, um die Fahrt unter ganz besonderen Schutz zu stellen.

Diese Anekdote zeigt gut, was den Reiz der Ausstellung "Die Zisterzienser" ausmacht, die das Landesmuseum noch bis Anfang 2018 hier zeigt – denn viele der Objekte, die ausgestellt werden, sind nicht bloß Kunstwerke, sondern auch Gegenstände des kirchlichen Gebrauchs – teils bis heute. Madonnen, Kreuze, Reliquiare, Bücher, sie alle dienen einem höheren Zweck. Und ein Stück ihrer Ausstrahlung, ihrer Wirkung, bewahren sie sich auch hier, in Vitrinen und Schaukästen.

Rund 150 solcher Ausstellungsstücke haben die Kuratoren zusammengetragen, um eine Erfolgsgeschichte sondergleichen zu erzählen: die Geschichte der Zisterzienser. 1098 in Cîteaux im Burgund gegründet, breitete sich dieser Orden rasch in Europa aus und wurde zu einem der mächtigsten Verbände der Christenheit. Als "Konzern der weißen Mönche" bestimmte er religiöses, kulturelles, aber auch politisches Leben in Europa maßgeblich mit – und das allein auf dem Gebiet des späteren Deutschland mit 91 Klostergründungen.

Nicht wenige der Ausstellungsstücke sind aufsehenerregend und zeigen, dass die Besinnung auf das Wesentliche, die Reduktion, der sich die Zisterzienser eigentlich verschrieben hatten, nicht immer streng eingehalten wurde. Besagtes Gemmenkreuz etwa oder ein aufwändig besticktes Grabtuch, das aus Schweden nach Bonn geholt worden ist, können eigentlich nur als prachtvoll bezeichnet werden.

Geschichte und Geschichten

Andere Ausstellungsstücke strahlen eine majestätische Würde aus – so etwa die Madonna auf der Mondsichel (siehe Cover), die um 1415 für das Kloster Eberbach angefertigt wurde und sich heute im Louvre in Paris befindet. Oder der Hochaltar von 1450, der ursprünglich im Kloster Kamp bei Duisburg stand und seit dem 19. Jahrhundert die Kirche St. Peter in Rheinberg schmückt.

Mit diesen und vielen weiteren Exponaten verbinden sich etliche Geschichten, die die Ausstellung lebendig und eindrücklich zu erzählen vermag – von der Gründung des Ordens über die Kirche als Zentrum jeder Klosteranlage, die Liturgie oder den Klosteralltag bis hin zum wirtschaftlichen Erfolg der Zisterzienser. Und natürlich – schließlich feiern wir 2017 das Reformationsjubiläum, spart diese Ausstellung auch Martin Luther nicht aus, der sich mit seinen 95 Thesen durchaus an den Idealen Bernhard von Clairvauxs und damit auch den Ideen der Zisterzienser orientierte und sie weiterdachte.

Besonders schöne Geschichten erzählt die Katalog-Nummer 77. Hinter dieser prosaischen Bezeichnung verstecken sich "Fundstücke aus dem Nonnenchor des Klosters Wienhausen". Hier, im Landkreis Celle in Niedersachsen, fand man im vergangenen Jahrhundert bei Renovierungsarbeiten etliche kleine Gegenstände unter einem Holzfußboden des Nonnenchors. Darunter: ein Gebetbüchlein etwa, einen Zettel in Herzform, bei dem es sich vermutlich um ein Lesezeichen gehandelt hat, oder Heiligenbildchen.

Führungen und Workshops

Doch nicht nur die Exponate und Wandtexte sowie das ausführliche und aufschlussreiche Begleitheft erzählen Geschichte und Geschichten, auch das Rahmenprogramm bietet eine Fülle an Informationen und schlägt vor allem einen Bogen bis in unsere Gegenwart. So bietet das Museum am 1. Dezember beispielsweise eine Führung zum hochaktuellen Thema Achtsamkeit an, bei der Desirée Struchhold und Jutta Hurtig nicht nur dem Grundsatz der Zisterzienser nach Reduktion und Fokussierung nachgehen, sondern auch Anregungen geben wollen, um Stress im Alltag zu reduzieren, den Geist zu beruhigen, Stabilität zu finden und Lebensfreude zu entwickeln. Und eine andere Führung am 10. September und 15. Oktober widmet sich der "Alternative Kloster?" und stellt die Frage, warum sich Frauen freiwillig für ein Leben im Konvent entschieden. War es vielleicht auch eine Alternative zum erzwungenen Eheleben? Und zu guter Letzt bietet das Museum an zwei Terminen (3. Oktober und 3. Dezember) auch einen Initialen- Workshop an, bei dem Teilnehmer sich mit den oft kostbar ausgeschmückten Initial- Buchstaben vieler Handschriften auseinandersetzen und natürlich selbst kreativ werden können.

Doch auch in der Ausstellung selbst können Besucher schon aktiv werden. An verschiedenen Mitmach-Stationen können sie erleben, wie es sich anfühlt, eine Kutte zu tragen, wie schwierig es ist, das Schweigegelübde einzuhalten, wie die Zeichensprache der Zisterzienser funktioniert, oder etliche Faksimile-Ausgaben liturgischer Handschriften durchblättern. Und eine aufwändige 3D-Animation führt durch die zerstörte romanische Klosteranlage von Altenberg und lässt diese, kombiniert mit ausgestellten Architekturfragmenten, wiederauferstehen.

Entstanden ist so eine beeindruckende Schau mit außergewöhnlichen Exponaten, die teilweise zum ersten Mal überhaupt ausgestellt werden können und die vor allem etwas von der Faszination vermitteln können, die der Zisterzienserorden bis heute auf viele Menschen ausübt.