Mit Blattgeflüster hat Hope Jahren mehr geschrieben als eine Autobiografie. Es ist eine Hymne an die Natur.

"Mit dem ersten richtigen Blatt wird eine neue Idee geboren", schreibt Hope Jahren. Und so ist es in der Natur wie in der Literatur. Jahren, Jahrgang 1969, ist Geo-Biologin und Professorin an der Universität von Hawaii. Sie ist, das darf man wohl ohne Scheu sagen, eine Besessene. Ihr ganzes Leben hat sie den Pflanzen gewidmet – und jetzt ein Buch geschrieben, das sich nicht recht entscheiden kann, aber auch nicht entscheiden muss, was es sein will: Sachbuch oder Autobiografie. Denn da gibt es diese beiden Seiten in Jahrens Leben: die Faszination für die Natur, für das, was Pflanzen so anstellen, um zu wachsen, sich zu vermehren, zu kommunizieren. Und das, was sie selbst alles anstellen musste, um so weit zu kommen, die Widerstände aus dem Weg zu räumen.

Alles beginnt in Jahrens Kindheit. Im Garten ihrer Eltern entdeckt sie ihre Faszination für die Natur. "Meine stärkste Erinnerung an unseren Garten ist nicht, wie er roch oder aussah, sondern wie er klang", blickt sie zurück. "Vielleicht erscheint es Ihnen unwahrscheinlich, aber im Mittleren Westen können Sie tatsächlich hören, wie Pflanzen wachsen."

Unwahrscheinlich. Dieses Wort trifft an so vielen Stellen dieses Buches den Nagel auf den Kopf. Etwa, wenn Jahren beschreibt, warum ein Kirschkern hundert Jahre lang darauf wartet, zu keimen. Wenn sie schildert, mit welch absonderlichen, fast schon unheimlichen Methoden Pflanzen untereinander kommunizieren, etwa wenn sie flüchtige organische Verbindungen, Duftstoffe, nutzen, um Artgenossen vor Fressfeinden zu warnen. Oder wenn Jahren darüber schreibt, dass Kakteen in extremer Trockenheit ihre Wurzeln abwerfen, um zu verhindern, dass der Boden selbst ihnen Wasser entzieht.

Solche fachkundigen, unterhaltsamen und oft erstaunlichen Beobachtungen und Forschungsergebnisse mischt Jahren mit der Erzählung ihres eigenen Lebens, ihrer eigenen Karriere. Und so stehen die drei Kapitel "Wurzeln und Blätter", "Holz und Knoten" sowie "Blüten und Früchte" nicht nur für die Natur, sondern auch für ihre Vergangenheit. In ihnen erfährt der Leser von einer Frau, die fast schon besessen ist von ihrer Arbeit, die gegen die Vorurteile des Forschungsbetriebs genauso kämpfen muss wie um ihr Privatleben, die mit Fantasie und Einfallsreichtum dem ständigen Geldmangel trotzt und mit ihrem Kollegen Bill, der sie fast von der ersten Stunde an begleitet, ein Labor aufbaut und zur anerkannten Forscherin wird.

Vielleicht konnte Jahren all das nur deshalb so gut in Worte fassen, weil sie heute etwas Abstand zu diesem Wirrwarr gefunden hat. Heute ist sie verheiratet, lebt auf Hawaii und lehrt an der dortigen Universität. Und doch gibt es auch hier vielleicht noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Jahren und ihren Forschungsobjekten. "Jedes Buch über Pflanzen ist eine unendliche Geschichte", schreibt sie. "Für jede Tatsache, die ich mit ihnen geteilt habe, gibt es mindestens zwei rätselhafte Geheimnisse, die ich unheimlich gerne lösen würde." Und: "Wenn man sich mit Pflanzen beschäftigt, ist es häufig schwierig, das Ende vom Anfang zu unterscheiden." Und so dürfte Blattgeflüster kaum das Letzte gewesen sein, was man von Hope Jahren gehört hat. Aber so lehrreich und teils aberwitzig dieses Buch ist, kann man sich das auch nur wünschen.