Zwei großartige Ausstellungen in Bonn widmen sich dem Rhein – einem Strom der Geschichte und Geschichten.

Menschen haben gegenüber der Natur einen gewissen Vorteil: Sie haben ein Bewusstsein und können so ihre eigene Geschichte schreiben und aufschreiben. Die Natur ist hier auf den Menschen angewiesen, der – wie jetzt in Bonn – für sie das Verfassen einer Biografie übernimmt. Tatsächlich nämlich nennt die Bundeskunsthalle ihre Ausstellung über den Rhein "eine europäische Flussbiografie". Dafür greift Kuratorin Marie-Louise von Plessen auf fast alles zurück, was der Rhein ihr bieten kann: auf archäologische Funde und Karten, auf Gemälde und Kunstgegenstände, auf Fotografien und Filme und wissenschaftliche Daten. Und natürlich auch auf all die Sagen, Legenden und Mythen.

Besungen und begradigt

Dabei folgt sie, wie sich das für eine ordentliche Biografie gehört, einer Chronologie. Aufgeteilt in wohl portionierte Kapitel widmet sie sich dem Rhein als Strom der Römer, der Kirche, der Kaiser oder der Händler, um dann den Vater Rhein, die Wacht am Rhein oder Europa am Rhein in den Blick zu nehmen.

Was die Ausstellung dabei nicht ist? Geschichtsversessen. Zwar unterschlägt sie nicht all die historischen Momente, die teilweise die Zukunft Deutschlands und Europas mitbestimmt haben, sie zeigt aber auch ungewöhnliche Rezeptionen wie Anselm Kiefers monumentalen Holzschnitt "Vater, Heiliger Geist und Sohn" mit seinen Verweisen auf Nibelungen und Rheingold.

Und sie erzählt von der Vereinnahmung des Rheins, der nicht nur Transportweg und Grenzfluss war, sondern auch politisches Symbol, und der, bis ins 20. Jahrhundert, so stark verschmutzt wurde wie kaum ein anderer europäischer Fluss. Daneben wurde er befahren und besichtigt, besungen und begradigt. Frei? War der Rhein wohl nie.

Der Rhein – eine "Bildermühle"

All diesen Facetten wird die Ausstellung gerecht, sie bietet aber in ihrem kulturhistorischen Ansatz auch die Grundlage, um – in der zweiten Ausstellung zum Rhein, die derzeit in Bonn läuft – dem Fluss noch mal ganz neu zu begegnen: in Fotografien aus 160 Jahren.

Diese zweite Ausstellung, die Christoph Schaden für das LVR-Landesmuseum zusammengestellt und "bilderstrom" genannt hat, funktioniert anders. Chronologisch rückwärts zeigt sie, wie Fotografen sich über die Jahrzehnte diesem Fluss genähert haben – künstlerisch, dokumentarisch, aber auch persönlich. Da finden sich die kontrastreichen Aufnahmen der FAZ-Fotografin Barbara Klemm ebenso wie die seriellen Arbeiten von Wilhelm Koch, da sind zeitgeschichtliche Arbeiten wie die von Claudio Hils oder berührende Porträts wie die der Fotografen-Legende Chargesheimer. Was dieser Ausstellung bei aller historischen Dimension gelingt, ist ein Augenzwinkern, eine Ironie – beim Blick auf die Menschen, beim Blick auf die Widersprüche zwischen Rheinromantik und Verbauung, aber auch beim Blick auf die Fotografie selbst.

In all dem findet der Besucher nicht nur Dokumente und Momente, er findet auch sich selbst – zumindest der, der mit dem Rhein eine Geschichte verbindet – oder Geschichten. Sie spült dieser Bilderstrom an die Oberfläche, und es macht schon einen Heidenspaß, die eigenen Bilder im Kopf mit denen so großartiger Fotografen abzugleichen. Der Rhein, er ist nicht nur "Völkermühle", er ist auch "Bildermühle".