Der "Cape Town Opera Chorus" kommt mit "African Angels" auf Deutschland-Tour. Wir haben mit Opern-Direktor Michael Williams über das Programm, Geld und das deutsche Publikum gesprochen.

Michael, wenn man sich das Programm der African Angels ansieht, findet man eine immense Bandbreite – von Oper über Gospel bis zu traditioneller afrikanischer Musik ...

Das stimmt. Wir wollten mit diesem Programm eine afrikanische Antwort auf die Frage geben, was Gesang alles sein kann, und zeigen, welche Musik wir lieben. Und wir wollten zeigen, wo die Grenzen sind und wie man sie erweitern kann. Am Ende stellt man fest: Jedes Stück für sich ist wundervolle Musik. Und genau darum geht es uns. Wir kommen aus einem unglaublich vielfältigen Land, das ist auch unsere Stärke, auch im Gesang, denn unsere Sänger können problemlos zwischen den Stilen hin- und herwechseln.

Wobei gerade das so schwierig klingt ...

Aber das ist es überhaupt nicht. In Südafrika ist Singen wie ein Sport, man wächst damit auf, als kleines Kind im Kirchenchor, wenn man älter wird, im Schulchor. Und bei uns gibt es in vielen Schulen vier oder fünf Chöre.

Woran liegt das?

Ich denke, der Unterschied liegt in der Kultur, unsere Überlieferungen basieren nicht, wie im Westen, auf Schrift, sondern auf Sprache. Und spannend bei der Musik ist, dass viele traditionelle Stücke sich mit den wichtigsten Ereignissen des Lebens beschäftigen: mit der Geburt, den ersten Schritten, die ein Kind tut, dem Verlassen des Elternhauses, der Hochzeit ... Wenn man also in einem Programm Verdi mit Jazz und Gershwin mischt, dann passen diese Stücke auch inhaltlich wunderbar dazu.

Meinen Sie das, wenn Sie im Programm den Satz "Wenn ich singe, dann feiere ich" zitieren?

Ganz genau!

Und kann man auch Oper feiern?

Aber natürlich! Unsere Sänger empfinden so viel Freude, wenn sie beispielsweise Verdi singen. Und sie feiern das Genie von Wagner! Oder von Mozart. Sie dürfen nicht vergessen: Für Sie mögen das tote weiße Männer sein, für uns aber sind das immer noch Entdeckungen. Wir sind ja immer noch eine recht junge Gesellschaft, das "neue" Südafrika ist ja gerade mal 20 Jahre alt.

Bei afrikanischer Musik gibt es aus westlicher Sicht auch eine Menge Klischees. Kümmern Sie diese? Oder ignorieren Sie das, wenn Sie Ihr Programm zusammenstellen?

Das ist eine interessante Frage. Ich denke, da muss man zwischen den Kritikern und dem Publikum unterscheiden. Wem wollen Sie gefallen?

Hoffentlich dem Publikum!

Das ist eine sehr ehrliche Antwort! (Lacht.) Und genau das wollen wir, und das tun wir ja auch. Unter anderem, weil das Publikum die Vielfalt liebt, unseren Enthusiasmus, die Art und Weise unserer Aufführungen, und weil es sich als Teil dieser Aufführungen fühlt. Wir wollen ja, dass auch das Publikum aufsteht und feiert.

Nun sind wir Deutschen nicht gerade als besonders extrovertiert bekannt ...

Das ist überhaupt nicht wahr! (Lacht.) Auch in Deutschland stehen die Leute bei unseren Konzerten auf, sie tanzen, sie klatschen, sie singen, sie feiern. Wir lieben das! Irgendwie löst unsere Musik etwas in den Menschen ...

Ihr Chor wurde bereits als bester Opernchor der Welt ausgezeichnet. Vermutlich ist das nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Bürde? Dieses Niveau müssen Sie nun schließlich aufrechterhalten.

Ja, das stimmt, das ist so wahr!

Wie gelingt Ihnen das?

Das ist gar nicht einfach, denn so ein Chor ist ja keine statische Angelegenheit. Vor allem, weil die Sänger, die 2013, als wir die Auszeichnung erhalten haben, im Ensemble waren, heute woanders sind. Menschen entwickeln sich ja weiter, sie heiraten, bekommen Kinder, wollen neue Länder entdecken, neue Jobs bekommen. Zum Glück aber gibt es genügend Nachwuchssänger, die gerne zu uns wollen, unsere Castings, die wir regelmäßig veranstalten, sind immer voll. Und so bin ich sicher, das Ensemble, das jetzt nach Deutschland kommt, hat immer noch die Qualität, die das Publikum erwartet.

Während der Apartheid war Oper ja der weißen Oberschicht vorbehalten. Auch das hat sich geändert. Welche Rolle spielt die Oper heute in Südafrika?

Aufgrund der großen Gesangstradition merken immer mehr Chöre, dass sie mehr wollen als ihre traditionelle Musik. Und sie wollen Grenzen durchbrechen, und das heißt: die Opernwelt betreten. Dazu kommen die sozialen Fragen. Oper ist auch ein Weg, reisen zu können, ein Weg zu Erfolg und einem gewissen Wohlstand. Und es gibt etliche internationale Vorbilder, denen Opernsänger bei uns nacheifern.

Und für die Bevölkerung? Ist die Oper etwas, das sich jeder leisten kann?

Das ist, zumindest für mich als Direktor, eines der Probleme, denn unsere Eintrittspreise sind sehr günstig und sie verändern sich kaum. Sie beginnen bei rund acht und enden bei knapp 30 Euro. Das ist durchaus günstig – und für Studenten gibt es noch einmal 50 Prozent Rabatt. Natürlich aber ist es so auch alles andere als leicht, unsere Kosten zu decken.

Und bekommen Sie Fördermittel?

Nein, und das ist das zweite Problem. Auch deshalb gehen wir ja auf Tournee, denn damit verdienen wir Geld. Wenn wir dann zurückkommen, inszenieren wir "Rigoletto" und eine Million Rand sind weg. Und dann machen wir noch eine Tournee durch mehrere Länder und wir kommen zurück und inszenieren den Fliegenden Holländer und zwei Millionen Rand sind weg. (Lacht.)

Ihre Tourneen sind also auch ein Weg, um zu überleben?

Wenn Sie unbedingt die Wahrheit wissen wollen, ja. Das muss man wohl so sagen! (Lacht.)