Mit seinem neuen Album wagt Sänger Clueso, alias Thomas Hübner, einen "Neuanfang" – auch persönlich.

Sie haben sich von Ihrer Band und Ihrem Management getrennt, sind aus der Erfurter WG ausgezogen und wohnen anstatt mit sechs Mitbewohnern nun alleine. Alles auf "Neuanfang" bei Clueso?

Ja, alles frisch gestrichen! Ich bin gerade erst losgeflogen, es ist eine neue, wichtige Phase in meinem Leben. Mit 36 sieht man viele Dinge anders als mit 19. Man macht sich mehr einen Kopf über die Dinge, wird vorsichtiger – und versteht sogar die Sprüche und Ermahnungen der Eltern von früher. Mein Umfeld ist ja geblieben, die Freunde sind nach wie vor meine Eckpfeiler. Trotz Auszug aus der WG gab es keinen Groll, keine Narben. Jetzt fahre ich halt mit der Straßenbahn zur Arbeit ins Studio.

Was sagen die neuen Nachbarn dazu, dass neben ihnen nun Clueso wohnt?

Meine neuen Nachbarn habe ich vorgewarnt, dass es im Haus schon mal lauter werden kann. Beschwert hat sich noch keiner. Im Gegenteil: Ich habe am ersten Abend ein Sofa und Stühle in den Innenhof gestellt. Aus einigen wenigen Nachbarn wurden immer mehr, und wir haben bis zum Morgengrauen gefeiert. Ganz wichtig für mich ist die Rückbesinnung auf die Familie. Die Familie ist für mich ein großer Anker.

Ihre Schulzeit war so lala, über die Ausbildung im Friseur-Handwerk decken wir auch den Mantel des Schweigens. Für Sie war alles Pflicht – außer der Musik. Ihre Rettung?

Musik ist mein Innerstes, Musik ist meine erste Liebe, die mich in der Tat gerettet hat. Ich bin ein Kind der 80er aus dem Osten. Von einem Tag auf den nächsten hatte sich das System der DDR aufgelöst. Alles war weg. Vor uns lag ein großer Spielplatz, den haben wir genutzt. Es war der Wunsch nach Leben. Für mich hieß die kleine Ausfahrt damals Musik. Und aus der kleinen Ausfahrt wurde eine große Straße...

... mit bis heute sieben Soloalben, 25 Singles, fünf Mal Gold, zwei Mal Platin und über eine Million verkaufter Tonträger sowie Auftritten mit Lindenberg, Grönemeyer und Niedecken. Überrascht, was aus der kleinen Ausfahrt geworden ist?

Überrascht ja, vor allem aber auch demütig. Ich bin ein Junge, der seinem Herzen gefolgt ist, um Musik zu machen. Ich glaube, ich habe mir zu Beginn meiner Karriere viele Leute erspielt, weil meine Musik so eine Urkraft hatte, die im Laufe der Jahre durch Perfektion und Wissen etwas verloren gegangen ist. Und ich musste aber auch feststellen, dass mich mit meinem Erfolg all die Verpflichtungen und Versprechungen gegenüber meinem Umfeld in meiner künstlerischen Freiheit einengten. Man fährt aber gefühlt unvorsichtiger, wenn weniger Leute im Auto sitzen. Ich will Dinge ausprobieren, weil ich es selber will und nicht weil jemand anders mir dazu rät. Und ich bin froh, dass ich nicht gemacht habe, was man von mir erwartet hat. Früher nicht und heute auch nicht.

Sagt das Clueso oder Thomas Hübner?

Der eine sagt, was der andere denkt. Thomas Hübner zitiert Clueso und umgekehrt. Im Ernst: Bin ich zu Hause bei meinen Eltern, dann wird Thomas zum Essen gerufen, und dann sitzt da auch nur Thomas am Essenstisch.

"Alle wollen, dass ich einen Baum pflanze oder ein Haus baue ... Eltern wollen Enkel haben. Sicherstellen, dass es weitergeht", heißt es in einem Ihrer neuen Songs "Achterbahn". Wie ist das bei Ihnen?

Damit habe ich es nicht so eilig. Das ganze Leben ist doch immer wieder ein Neuanfang. Ich wurde in den letzten Monaten angenehm durchgerüttelt und befinde mich aktuell auf einer Reise zwischen Loslassen und Umarmen, Weitermachen und Neuanfängen. Ich hinterfrage mich, ohne mich zu verlieren.

Was ist die DNA eines typischen Clueso-Songs?

Die coolsten Menschen sind entweder über 70 Jahre alt oder unter 10 Jahren. Die sollen sich beide in meinen Songs wiederfinden können. Eine kleine Meise muss man beim Songwriting allerdings schon mitbringen. Musik ersetzt den Therapeuten. Für den, der die Stücke schreibt sowieso, meistens auch für die, die die Stücke hören. Mal bin ich Geschichtenerzähler, dann gänzlich unobjektiv und sage "die Welt ist so, basta". Und dann gibt es noch den Clueso in Steno-Form, der beim Schreiben eigentlich gar nicht weiß, was er tut. "Gewinner" ist so entstanden. Den Refrain "Ich bin dabei, du bist dabei, wir sind dabei, uns zu verlier'n" kennt jeder, aber such mal das Wort Gewinner im Song.

Das Genre "junger Mann um die 30 singt auf Deutsch, was ihn bewegt" ist gut besetzt, surft auf einer Welle des Erfolgs. Tim Bendzko ist zurück, dazu Bourani, Forster, Giesinger, Oerding ...

Das macht mir keinen Druck. Mit "Neuanfang" habe ich ein fettes Album gemacht. In jeder Zeile, in jedem Ton steckt die euphorische Aufbruchsstimmung des vergangenen Jahres. In dieser Zeit lernte ich auch den Produzenten Tobias Kuhn kennen. War ich zu selbstverliebt in einen Song, gelang mir etwas zu gut, sagte Tobias "Schmeiß es weg, schrei es raus!". Seitdem wird aus dem Vollen geschöpft, der "Neuanfang" rumpelt, atmet und lebt an allen Ecken, eben 100 % Clueso.

Matthias M. Machan führte das Gespräch.